- Heide Wessely
Die Nähe zu London macht das traditionsreiche Seebad Southend-on-Sea zum beliebten Ausflugsziel. Bekannt ist der Ort vor allem wegen seines über zwei Kilometer langen Vergnügungspiers, dem längsten der Welt. Etwas entfernt vom Trubel des Hauptorts stehen die neuen Badehäuschen an einem Kiesstrand. Von hier aus bietet sich der Blick auf ein Verteidigungsbollwerk weiter im Osten, das weit ins Meer hineinreicht und von den Konflikten während des Kalten Kriegs zeugt. Die bunten Badehütten, für die die Stadt einen Wettbewerb ausgeschrieben hat, stehen auf einer Uferpromenade aus Beton, die bereits vorhanden war. Denn schon seit den 1980er-Jahren wird hier gebadet. Die Badehäuschen unterscheiden sich von den traditionellen durch ihre diagonal geneigten, begrünten Dächer und den asymmetrischen Grundriss. Schräg angeordnete Frontfassaden schaffen vor Wind, Sonne und den Blicken des Nachbarn geschützte Freibereiche. Stehen die großen Klappläden offen, verschmelzen Außen- und Innenraum. Diesen können sich die Mieter nach eigenen Vorstellungen ausbauen, ihre Mietverträge laufen über sieben Jahre. Die einfachen und günstigen Baustoffe Sperrholz und Polycarbonat haben die Architekten durch recycelte und gefundene Materialien ergänzt. So besteht jeweils eine Außenwand aus gewöhnlichen, hoch tragfähigen Industriepaletten, die in einen Rahmen aus Holz gesetzt sind. Außen ist dieser mit Polycarbonat- und innen mit Sperrholzplatten beplankt. In den Zwischenraum wurde Strandmaterial aus Kieseln, Muschelschalen und zerbröckelten Ziegeln gefüllt, das jeder Hütte eine eigene Struktur verleiht. Die Farbreflexion des Nachbarbaus verstärkt diesen Effekt. In einem Zug wird somit Speichermasse und Individualität geschaffen.
