DETAIL: Ihre Initiative für die griechische Hauptstadt nennt sich »Reactivate Athens«. Was ist der Hintergrund?
Alfredo Brillembourg: Als wir aus Venezuela weggingen, war Caracas am Ende. 2010 kamen wir als Professoren an die ETH Zürich und machten uns Gedanken, welcher Stadt in Europa wir unsere Aufmerksamkeit widmen sollten. Angesichts der enormen Ausmaße der Schuldenkrise wurde damals schnell klar, dass wir uns auf die Geschehnisse in Athen konzentrieren mussten. Wir begannen zunächst mit einer Studie, die eine strategische Vision für den Stadtkern entwerfen sollte. Dann brachen die Unruhen in Athen aus. Die Parallelen zwischen den Umständen in Südamerika und der Krise in Europa waren offensichtlich, was unsere Meinung bestätigte: Caracas ist überall.
DETAIL: Sie haben ein Lab in Athen gegründet – eine partizipatorische Plattform für Workshops und Diskussionen mit vielen Protagonisten, die Sie involviert haben. Können Sie uns mehr über diese Erfahrung erzählen?
Alexis Kalagas: Wir hatten ein Team mit 15 Leuten in Athen, ein zweites Team mit zehn Leuten in Zürich und natürlich haben wir mit vielen lokalen Akteuren zusammengearbeitet. Am Anfang spürten wir politischen Gegenwind, doch unser Ton war versöhnlich und wir haben versucht, die Gruppen zusammenzubringen. Dabei half uns unsere Position als Außenseiter. Wir konnten einen frischen Blick auf die Situation werfen und nicht nur die Herausforderungen berücksichtigen, denen die Stadt gegenübersteht, sondern auch ihr verstecktes Potenzial.
Hubert Klumpner: Unser Lab befand sich mitten im Krisengebiet in der Nähe des Omonia-Platz. Wir wollten Lösungen entwickeln, die auch ohne finanzielle Unterstützung funktionieren. Athen ist eine fantastische Stadt, ein Pilgerort für Architekten wie Le Corbusier, der die Charta von Athen veröffentlicht hat. Wir wollten nach Athen zurückkehren, um eine Art informelle Charta zu schreiben. In diesem Sinn kann unser Buch als ein Manifest für die Stadt gelesen werden, in dem Architektur und Stadtplanung im Zentrum eines multidisziplinären Denkens stehen, das eine Vielfalt an Lösungen für die Krisensituation vorschlägt.
DETAIL: Ihre Empfehlungen sind nicht nur architektonischer Art, sie haben oft auch einen wirtschaftlichen oder sozialen Fokus. Ist dies Teil der Strategie?
Alfredo Brillembourg: Ja, und es ist auch das Resultat eines Wandels, der das Berufsverständnis von Architekten generell betrifft. Sie standen jahrhundertelang im Zentrum politischer Debatten über die Transformation der Stadt. Heute hingegen sind Architekten Dekorateure. Wir möchten zur Vision der Stadt als großartigstes Konstrukt der Menschheit zurückkehren. Deshalb brauchen wir eine Perspektive, die auch den Armen und den Schwachen gerecht wird und tausende von Flüchtlingen einbezieht. Athen ist eine Art Knotenpunkt für die Migration in Europa, deshalb hat es maßgebliche Relevanz für die europäische Stadt des 21. Jahrhunderts.
DETAIL: Sie schlagen Bahnhöfe mit Mischnutzung und temporäre Eingriffe vor, die teils schon realisiert sind. Eine der propagierten Strategien nennt sich »Urbane Akkupunktur« – was ist darunter zu verstehen?
Alexis Kalagas: Nicht alle unsere Vorschläge sind architektonischer Art, doch sie alle haben Räume im Blick. Wir versuchen, mit der Grenze zwischen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen umzugehen und raumorientierte Strategien sowie Interventionen zu entwickeln. Viele Probleme in Athen sind systemimmanent. Sie wurden durch die Krisensituation der letzten Jahre beflügelt, doch letztlich wird in ihnen eine längere Geschichte des Verfalls und fehlgeleiteter politischer Entscheidungen sichtbar. Es wäre naiv zu glauben, dass man durch oberflächliche Interventionen, die nicht auf die Wurzeln dieser Probleme eingehen, etwas verändern kann. Unsere Ideen sind der Versuch, auf grundlegende Strukturen einzugehen, und zwar mithilfe einer Reihe verknüpfter Strategien.
Alfredo Brillembourg: Architektur wird oft gleichgestellt mit Fassaden, Konstruktionsmethoden und Details. Doch Architekten sollten sich den grundlegenden Herausforderungen der Gesellschaft widmen. Deshalb geht es in ihrer Disziplin sehr viel um Wirtschaftsverhältnisse, um Politik und Stadträume, Fragen der Verwaltung und der Gesellschaft. Athen ist eine Stadt, die in einer schweren Krise steckt. Unser Buch konzentriert sich auf Initiativen, die in vielen Fällen von den Athenern selbst ergriffen und realisiert werden können. Wir müssen erkennen, dass Architektur sehr viel Macht hat. Architekten haben einer Tradition zufolge Visionen entwickelt, die der Gesellschaft Hoffnung gaben. Reflektiert die Struktur der Stadt die Gesellschaft, dann müssen wir uns auch fragen: Welche Vision haben wir heute für die Stadt und ihre Gesellschaft?
Hubert Klumpner: Die Bezeichnung kommt von zwei Architekten und Urbanisten – von Manuel de Solà-Morales aus Spanien und von Jaime Lerner aus Brasilien. Sie beschreibt die Idee, dass man auch durch Interventionen in kleinem Maßstab etwas erreichen kann, wenn sie gut und zielgerichtet sind. Gleichzeitig ist dies auch eine Reaktion auf das Scheitern der Stadtplanung der Nachkriegsmoderne. Wir haben deren Ergebnis in Caracas gesehen. Doch die Metropole hat sich allen Formen der Kontrolle widersetzt, Armenviertel, die »barrios«, haben ihre eigene Logik entwickelt. Die total durchgeplante Stadt ist ein Mythos. Angesichts der Krisensituation müssen Architekten und Politiker handeln und sich auf Experimente einlassen statt der Obsession nach Perfektion nachzugehen. Eine Reihe an Modellen und Prototypen kann Instrumente für die Entwicklung der Stadt schaffen.






