- Frank Kaltenbach
Die Altstadt von Balaguer in der Provinz Lleida ist eines der wichtigsten historischen Stadtzentren arabischen Ursprungs in Katalonien. Dementsprechend eng und verwinkelt sind die Gassen um das neue Justizgebäude. Warme Ockertöne prägen nicht nur die Felder der Umgebung, sondern auch die Fassaden aus Putz oder Stein. Die Gebäudehülle des Neubaus nimmt die warme Farbskala in Form von Cortenstahlblechen auf und zeichnet den unregelmäßigen Grundrisszuschnitt nach. Die Innenräume sind dagegen streng nach einem orthogonalen Raster organisiert, um die komplexen funktionalen Anforderungen zu erfüllen. So entstehen zwischen der äußeren Hülle und der geschosshohen Verglasung der Büros schräg zulaufende Pufferzonen, die zu den Nachbarn Distanz schaffen und in der heißen Region einen schattigen, natürlich belüfteten Freiraum bieten. Der Höhenunterschied auf dem Grundstück beträgt zwei Geschosse. Auf der tiefer gelegenen Straßenebene liegt der Haupteingang – überdacht vom ersten Obergeschoss, dessen Cortenstahlbekleidung den Eingang und die nördlich verlaufende Gasse wie ein raumhoher Träger als Portal überspannt. Darüber springt die Fassade schräg zurück, hier ist der vorgeblendete Stahlvorhang als lineare Textur aus vertikalen Z-Profilen von der sonst ebenen Hülle subtil abgesetzt. An der gegenüberliegenden Schmalseite findet dieser Rücksprung seine Entsprechung in einem Erker mit derselben Textur, der sich schräg in den Straßenraum schiebt. So bildet der Baukörper eine geometrische Überlagerung des orthogonalen Grundrisses mit dem Stadtraum. An der Längsseite zeigt sich diese Verschneidung in der schräg zurückspringenden Polycarbonatfassade im dritten und vierten Obergeschoss. Von innen erscheint das Gebäude keineswegs so hermetisch geschlossen wie der erste Anblick vermuten lässt: Die Cortenstahlbleche sind in großen Bereichen perforiert, sodass sie wie arabische Muscharabia einen gefilterten Ausblick bieten und bei eingeschalteter Beleuchtung Einblick gewähren.
