Magazin: Zentrum für Kunst und Wissenschaft

 - Katja Pfeiffer

Mario Cucinella Architects haben die Kultur- und Bildungseinrichtung der Golinelli-Stiftung in Bologna um ein Zentrum für Kunst und Wissenschaft ergänzt.

Magazin: Zentrum für Kunst und Wissenschaft
Vor allem die weiß lackierte Stahlgitterstruktur unterscheidet den Neubau von den nüchternen Shedhallen der ehemaligen Gießerei. Zwischen den Stahlstreben führen Treppen auf das Gebäudedach. © Giovanni Bortolani

1988 gründete der heute 97-jährige Pharmaunternehmer, Philanthrop und Kunstsammler Marino Golinelli in Bologna die nach ihm benannte Stiftung. Sie nahm 2015 das sogenannte Opificio nach Plänen der ortsansässigen Architekten Diverserighestudio in Betrieb. Das 9000 m² große Bildungs- und Kulturzentrum für Kinder und Jugendliche liegt an der westlichen Peripherie der Stadt auf dem rund 3 ha großen Grundstück einer ehemaligen Gießerei. Die verbliebenen baufälligen Werkshallen zeugen noch heute von der einstigen Größe dieses im Aufzugbau spezialisierten Unternehmens. Neben der Stiftung finden sich auf dem ehemaligen Industrieareal unter anderem eine Musical-Schule, ein Fernsehsender, ein Chemielabor und ein jüngst in Betrieb genommenes Fernwärmekraftwerk. Zudem ist ein neuer Gebäudeabschnitt des Opificio im Bau.

Ein neuer Ausstellungs- und Veranstaltungsort

Im Oktober 2017 wurde auf dem Stiftungsgelände das 700 m² große Centro Arti e Scienze von Mario Cucinella Architects eingeweiht. Der Ausstellungs-, Seminar- und Veranstaltungspavillon schließt die westliche Flanke der vom L-förmigen Opificio definierten Anlage. Beide Bauten werden von einem zentralen Eingangsplatz erschlossen, den der Besucher entweder vom Parkplatz im Westen über eine Freitreppe oder von der Straße im Norden über eine breite, befahrbare Rampe erreicht.

Thematisch ergänzt der Neubau das bisherige Programm des Opificio um den Bereich der Kunst. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verbindung zur Forschung und die Wechselwirkung mit modernen Technologien.

Mit ihrem Entwurf wollten die Architekten die fortwährende Evolution der unterschiedlichen Disziplinen sowie das Selbstverständnis der Stiftung als Impulsgeber dieses Prozesses und des gesellschaftlichen Diskurses in ein Gebäude übersetzen. Entstanden ist ein zweischichtiger Bau aus einem Gebäudekern, den Mario Cucinella als „fucina pulsante“ (wörtlich: pulsierende Schmiede) bezeichnet, und einer äußeren Hülle in Form einer eigenständigen, aus vielen Einzelteilen zusammengesetzten Raumstruktur.

Der Gebäudekern ist als 20 × 35 m großer, 8 m hoher Stahlskelettbau mit einer zweischichtigen, semitransparenten Fassade aus gebäudehohen Polycarbonat-Stegplatten konstruiert. Weiß lackierte Doppel-Hohlprofilstützen im Stützabstand von 2,5 m gehen über in ein teilweise offenes Fachwerkträgerdach. Abgehängte weiße Akustikdecken harmonieren mit dem Boden aus hellem, geschliffenen Beton.

Begehbares Raumfachwerk aus Stahl

Das außen liegende, räumliche Fachwerk besteht aus filigranen, weiß lackierten Stahlhohlprofilen und basiert auf dem Grundmodul eines fast perfekten Würfels. Seine Maße – 2,3 m in der Höhe und 2,5 m in der Horizontalen – entsprechen dem Stützenabstand in der Halle. Die Stahlstruktur ist selbsttragend und über Diagonalstreben ausgesteift.

Cucinella entwarf die Hülle als begehbares Volumen. Zugang hat der Besucher über eine in das Tragwerk integrierte, einläufige Stahltreppe an der Westseite. Stufen und Aussichtsebenen bestehen aus weiß lackierten Gitterrosten. Die erste Treppe führt den Besucher auf eine Ebene in rund 9 m Höhe. Von dort gelangt er weiter auf eine zweite, kleinere Plattform 14 m über dem Boden und damit zum höchsten Aussichtspunkt.

Während Kern und Hülle tagsüber als zwei sich ergänzende und zugleich kontrastierende Volumina in Erscheinung treten, wird die Kontinuität von innerem und äußerem Stahltragwerk vor allem nachs sichtbar. Dann scheinen die Stützen im Gebäude-inneren durch die flächig hinterleuchtete Kunststoffhülle hindurch, und einzelne, illuminierte Segmente des Stahlfachwerks versinnbildlichen Cucinellas gestalterische Idee einer Struktur, die in Auflösung begriffen ist.

Architektur
MCA Mario Cucinella Architects
Standort
Bologna (IT)

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