Eine Lücke schließen
Die Krzysztof-Kies´lowski-Fakultät wurde 1978 gegründet. Letztes Jahr feierte sie ihr 40-jähriges Bestehen und zog in ein neues Gebäude in der Innenstadt. Dozenten und Studierende freuen sich über die professionellen Studios und Seminarräume auf insgesamt 5400 m². Der Fakultätsbau trägt einen bedeutenden Teil zur Revitalisierung des Stadtteils bei.
Im Areal Pawła-Wodna-Górnicza bestimmen Häuserblocks aus dem späten 19. Jahrhundert, wie sie für Oberschlesien charakteristisch sind, das Stadtbild. Ihre traditionellen Klinkerfassaden sind vom Staub der Kohleindustrie, die in Kattowitz lange Zeit vorherrschend war, schwarz gefärbt.
Viele Häuser stehen leer, manche verfallen. Ganze Blocks wurden abgerissen, die Brachflächen zuletzt als Parkplatz genutzt. Mit der Absicht, dieses Viertel zu revitalisieren, hat die Stadt der Schlesischen Universität hier ein Grundstück für den Neubau ihres Fakultätsgebäudes überlassen.
Für Baas aus Barcelona war es das erste Projekt außerhalb Spaniens. Zusammen mit dem Warschauer Büro Grupa 5 haben die Katalanen den 2010 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen. Für die Ausführungsplanung schloss sich das Büro Małeccy aus Kattowitz dem spanisch-polnischen Architektenteam an. Die intensive Auseinandersetzung mit der Atmosphäre des Ortes spiegelt sich im Entwurf wider: Das Gebäude fängt die Stimmung seiner Straße ein und bildet sie ab.
Klinker und Karree
In der Tradition der Stadt ist der Baukörper als Karree um einen Innenhof konzipiert. Dabei ist das viergeschossige Vorderhaus in Höhe und Querschnitt an der straßenseitigen Bebauung ausgerichtet. Seitenflügel und Hinterhaus passen sich mit nur zwei Geschossen an die Volumina der Nachbarbebauung an. Eine Trafostation aus dem späten 19. Jahrhundert, Überbleibsel einer Glühbirnenfabrik, die sich auf dem Grundstück befand, wurde nicht abgerissen, wie es in den Wettbewerbsbedingungen gefordert war, sondern in den Neubau integriert: Die neue Fassade, ein Gitterwerk aus offenen Klinkerelementen, legt sich wie ein schützender Mantel über den historischen Bestandsbau. Von seiner Fassade wurde der Steinkohlestaub lediglich mit Wasser abgewaschen, um den geschwärzten Farbton zu erhalten. Dieser inspirierte die Architekten bei der Materialwahl: Dunkle Kohlebrandklinker, in einem Ringofen gebrannt, schlagen eine Brücke zur Vergangenheit und werden zum richtungsweisenden Element des Fakultätsgebäudes. Nicht nur Fassade, sondern auch Bodenbeläge und Wände sind aus Backstein hergestellt.
Fakultät des Licht
Licht spielt eine besondere Rolle für Filmschaffende. Wenn es im Lauf des Tages immer wieder anders durch das Netz aus Klinker vor der Fassade fällt und den Ziegelboden zu seiner Reflexionsfläche macht, erinnert das an eine Laterna magica. Auch die dunklen Töne der Klinkerwände, die grauen Sichtbetondecken und die anthrazitfarbenen Stahlprofile der Verglasungen schaffen die Stimmung der gedämpften Umgebung eines Kinos.
Ganz im Sinne von Hermann Hertzbergers Idee, die Schule als Stadt zu verstehen, sind die Erschließungsbereiche als öffentlicher Raum mit Aufenthaltsgelegenheiten gestaltet. Bänke und Sessel laden die Studierenden ein, sich zu treffen, zu plaudern, Ideen auszutauschen. Den Bodenbelag aus hochkant verlegten Vollziegeln im Format 25 × 12 × 6,5 cm könnte man so auch auf der Straße finden. Die Flure bilden eine Zwischenzone, die weder Innen- noch Außenraum ist. Sie umschließt das Herzstück der Fakultät, das Atrium. Die nicht überdeckte Freifläche im Zentrum der Anlage lockt Studierende und Dozenten nach draußen.
Im Osten schließt das Gebäude an die Nachbarbebauung an, hier ist keine natürliche Belichtung möglich. Ein Kino, das Fotoatelier mit Dunkelkammer und Produktionsräume sind hier untergebracht. Zwei Geschosse im südlichen Trakt nimmt das Filmstudio ein. Ein direkter Ausgang führt in einen weiteren kleinen Innenhof, der Außenaufnahmen in unmittelbarer Nähe des Studios ermöglicht.
Im viergeschossigen Vorderhaus hat die Bibliothek in den alten Mauern der Trafostation Raum gefunden. Die Büros der Verwaltung liegen im ersten Obergeschoss des Gebäudeteils. Von dort führt eine einläufige Treppe über zwei Ebenen zu den Hörsälen. Eingebunden in die Blockbebauung an der Straße ragen sie auf der zum Innenhof gelegenen Seite über die angrenzenden Gebäudeteile hinaus. So erhalten sie natürliches Licht von Westen. Im Dachgeschoss fällt es schräg von oben ein und wirkt so fast wie Bühnenlicht.
Was hat Sie dazu gebracht, an einem Wettbewerb für eine Filmschule in Kattowitz teilzunehmen?
Vor ein paar Jahren war ich dort, um einen Vortrag zu halten. Ich sah eine Stadt, ganz anders als die Städte, die ich zuvor gesehen hatte. Es ist fantastisch, denn die Gebäude selbst erzählen von ihrer Vergangenheit: Es gab viele Steinkohleminen, der Kohleabbau hat die Stadt schwarz gefärbt. Ich sah die schwarzen Fassaden und dachte mir: Diese Stadt hat einen starken Charakter. Einige Architekten dort, mit denen ich mich unterhalten habe, fanden die Stadt hässlich, ich konnte ihnen jedoch nicht zustimmen: Da war etwas Schönes in der Farbe und im alten Gesicht von Kattowitz. Als wir dann vom Wettbewerb erfahren haben, entschieden wir uns, teilzunehmen. Ich wollte zeigen, wie meiner Meinung nach neue Gebäude in dieser Stadt aussehen sollten.
Wie kam die Kooperation mit den polnischen Büros zustande?
Wir haben das Projekt hier in Barcelona bearbeitet. Weil es sich um einen internationalen Wettbewerb handelte, war es uns wichtig, mit einem lokalen Partner teilzunehmen. Deshalb haben wir den Entwurf zusammen mit dem polnischen Büro Grupa 5 abgegeben. Als wir gewonnen hatten, wollte der Bauherr, dass wir mit einem Büro vor Ort zusammenarbeiten. Grupa 5 ist in Warschau, das ist ziemlich weit von Kattowitz entfernt. Von dem Vortrag, den ich dort vor Jahren gehalten hatte, kenne ich Wojciech Małecki vom Büro Małeccy. So ist unsere Zusammenarbeit zustande gekommen.
Wie haben Sie über diese große Entfernung kooperiert?
Während der Entwurfsphase war ich selbst oft auf dem Grundstück und Wojciech Małecki war oft bei uns in Barcelona. Wir haben telefoniert oder E-Mails geschrieben. Als die Bauarbeiten begannen, waren Grupa 5 und Maleccy ein- manchmal sogar zweimal in der Woche dort, Alba Azuara von Baas einmal im Monat. Zusammen haben wir dann die Details ausgearbeitet. Die Werkplanung haben wir in Barcelona erstellt. Małeccy überprüfte die Planung bezogen auf die polnischen Bauvorschriften. Und er war unsere Verbindung zu Fachplanern und Baufirmen dort. Wir haben festgestellt, dass wir auch aus der Ferne in den Bauprozess intensiv eingebunden sein können.
Gibt es einen Unterschied in der Herangehensweise? Haben Sie voneinander gelernt?
Wir waren sehr daran interessiert, die traditionelle Bauweise kennenzulernen und das richtige Material zu finden. Wojciech Małecki hat uns sehr dabei geholfen. Den passenden Ziegel fand er in einer Ziegelei mit einem Ringofen, den sie noch mit Kohle beheizen. Daher kommen die Einschlüsse und Unregelmäßigkeiten. Der Hauptunterschied in der Herangehensweise ist, dass wir hier in Barcelona ein Projekt immer mit dem Grundstück beginnen. In unserer Kultur ist es sehr wichtig, die Stimmung und die Qualitäten eines Ortes zu kennen, um diesen nicht zu zerstören. Das scheint in Polen anders zu sein, die Kollegen legen darauf nicht so viel Wert. Für uns ist die Stadt wichtiger als das Gebäude. Du kannst nicht unabhängig arbeiten, zusammen mit anderen Architekten bauen wir die Stadt. Es ist wichtig, Achtung vor dem Bestand zu haben.
Welchen Beitrag kann der Neubau der Fakultät zur Stadtentwicklung leisten?
Wir hoffen, das Gebäude belebt diesen Teil der Stadt neu. Vielleicht erkennen die Leute, dass es ein schöner Ort zum Leben und Arbeiten ist, in der Nähe des Zentrums und der Universität. Es ist eine gute Gegend, um in Sanierung zu investieren. Es wäre schade, die bestehenden Gebäude hier abzureißen. Sie sollten erhalten bleiben und genutzt werden.






