Wohn- und Geschäftshaus Schlossberg in Baden bei Zürich

 - Heide Wessely

Das Gebäude in Baden nahe Zürich vereint viele Themen in sich: Es ist Schnittstelle zwischen Altstadt und Bahngelände, verbindet Dienstleistung und Gewerbe mit Wohnen und dient gleichzeitig dem öffentlichen Nahverkehr. Dabei verzahnen sich Neubau und Stadtstruktur ähnlich wie die vielfältigen Funktionen im Inneren des Hauses.

Wohn- und Geschäftshaus Schlossberg in Baden bei Zürich
© Georg Aerni

Romantisch gelegen ist das Wohn- und Geschäftshaus Schlossberg von BDE Architekten nicht. Es befindet sich zwar in unmittelbarer Nähe zur malerischen Burgruine Stein, doch braust an allen Seiten des Gebäudes der Verkehr vorbei: Schnellzüge von Zürich nach Bern oder Basel, Regionalzüge und S-Bahnen. Über den Gleisen verläuft die Hauptstraße 3, die in Basel beginnt und im Bergell endet und die täglich tausende Autos befahren. Straße und Bahntrasse bohren sich unmittelbar hinter dem Neubau in zwei Tunneln in den Schlossberg. Außerdem ist Baden eine Drehscheibe für den Fernverkehr der Postautos, die am nahe gelegenen Bahnhof an- und abfahren. Und nicht zuletzt kommen die Stadtbusse der Linien 5 und 6 hinzu: Die eine, stadteinwärts, durchquert den Neubau im Untergeschoss, die andere, stadtauswärts, im Erdgeschoss. Dort gibt es sogar eine Haltestelle, an der zwei Busse hintereinander stehen bleiben können. Im zweiten Untergeschoss durchquert zusätzlich eine bestehende Ladenpassage den Bau. Auf den unteren drei Ebenen mischen sich Läden und Dienstleistungsflächen mit öffentlichen Bereichen. Die Geschosse darüber sind für eine Praxis, ein Büro und Wohnungen reserviert – ein organisatorisch, planerisch und konstruktiv höchst komplexes Projekt, das Wohnen mit Büros, öffentlichen Nutzungen und Einzelhandel vereint. Doch obwohl um das Gebäude der Verkehr tost und sich vielfältige Nutzungen übereinanderstapeln, ist es im Inneren bemerkenswert ruhig: wie im windstillen Zentrum eines Wirbelsturms.

Der Kanton und der Neubau

Grund für den Neubau des Wohn- und Geschäftshauses war der Beschluss des Kanton Aargau die Altstadt Badens vom Busverkehr zu befreien und die betroffenen Linien entsprechend umzuleiten. Der neuen Route war ein Bestandsbau im Weg an dessen Stelle heute der Ersatzneubau steht. Außerdem war von Anfang an klar, dass nicht nur eine neue Straße durch das Gebäude hindurch führen sollte, sondern auch eine Bushaltestelle dort untergebracht werden musste. Die Eigentümer, eine Erbengemeinschaft, entschieden sich, den Bestandsbau durch einen Neubau zu ersetzen. Sie kamen so einer Enteignung zuvor, ein durchaus übliches Mittel in der Schweiz, um die Interessen der Gemeinschaft durchzusetzen, wenn sie vorab durch eine Volksabstimmung bestätigt werden. 2012 lobten die Eigentümer gemeinsam mit dem Kanton Aargau einen Wettbewerb in Public Private Partnership aus. Der Kanton begleitete das Projekt und beteiligte sich zu 20 % an den Baukosten. Die Architekten hatten es also mit zwei Auftraggebern zu tun, was die Planung des komplexen Gebäudes nicht einfacher machte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Planungszeit bis zum Spatenstich auf vier Jahre ausdehnte und das Haus erst seit Frühling 2019 komplett bezogen ist.

Ein Geflecht von Nutzungen und Ebenen

Die Lage des Neubaus entspricht der seines Vorgängers, großen Spielraum hatten die Architekt hier nicht. Auch der Verlauf der neuen Straße, deren Radien und die Lage der Bushaltestelle waren festgeschrieben. So entstand im Erdgeschoss eine dreiecksförmige Fläche für Geschäfte, in die ein Handyladen und ein Kosmetikstudio eingezogen sind. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt eine Ebene tiefer der Schlossbergplatz – ein lebendiger urbaner Treffpunkt, der 2009 neu gestaltet wurde. Ein Hamburger-Restaurant mit Sitzplätzen im Freien ist dort angesiedelt und ein großes Einkaufszentrum. Vom Platz aus führt die Fußgängerpassage unter den Neubau und unter den Gleisen hindurch auf die andere Seite der Stadt. Der Haupteingang des Wohn- und Geschäftshauses liegt auf der Nordostseite. Er erschließt sowohl eine Praxis für Physiotherapie und die Büros eines Finanzdienstleisters, die sich im ersten Obergeschoss eingemietet haben, als auch die Wohnungen in den Geschossen darüber. Außerdem haben die Wohnungen einen zweiten Eingang auf der Südwestseite bekommen, der im ersten Obergeschoss liegt und den Mietern vorbehalten ist. An dieser Stelle dockt der Neubau an eine mächtige Brückenkonstruktion an. Sie stammt aus den 1960er-Jahren und gehört zur Schweizerischen Bundesbahn. Die vielen Berührungspunkte mit bestehenden Bauwerken, die Vernetzung auf unterschiedlichen Ebenen mit der Stadt und ihren Verkehrsadern, die besondere Topografie am Berg und die Durchdringung öffentlicher Bereiche in den unteren Geschossen, machen das Gebäude zu einem pulsierenden Ort – umso erstaunlicher, wie leise es in den Wohn- und Dienstleistungsgeschossen ist.

Fels in der Brandung

Dem Tosen und Treiben von Verkehr und Stadt trotzt der Neubau mit seinen robusten Fassaden aus Betonfertigteilen – zur Altstadt sind sie zurückhaltend und ruhig gestaltet, zu den Gleisen gezackt und markant. An dieser Seite geben acht Maisonettewohnungen mit Eckverglasungen den Blick auf die fahrenden Züge oder die Ruine frei. Die beiden sehr unterschiedlichen Szenerien werden von großen, zweigeschossigen Fenstern gerahmt. Ihre Scheiben erfüllen die höchste Schallschutzklasse, die derzeit auf dem Markt verfügbar ist und es wirkt unheimlich, wenn man auf die fahrenden Züge blickt, sie aber nicht hört. In der Schweiz müssen strenge Schallemissionsgrenzwerte bei offenem Fenster eingehalten werden. Auch eine natürliche Belüftung ist Pflicht, selbst bei einer mechanischen Lüftungsanlage, wie sie auch in diesem Haus vorhanden ist. Diesen Anforderungen begegneten die Architekten durch eine kluge Organisation von Schnitt und Grundriss sowie der unkonventionellen Art, zu lüften. Ein im oberen Geschoss eingeschnittener Patio dient nicht nur als Aufenthaltsort im Freien, er bringt auch Licht in die tiefen Wohnungsgrundrisse – und Frischluft. Zunächst waren die Fensterflügel mit automatischem Antrieben geplant, um die Fenster auch von innen öffnen zu können. Weil die Antriebe aus Kostengründen entfielen, werden die Flügel nun händisch von außen geöffnet. Unter dem Patio ist die eingeschossige Küche untergebracht, hinter der Wand mit der Küchenzeile führt eine einläufige Treppe hinauf zu den Schlaf- und Kinderzimmern. Während die Grundrisse der Maisonettes in den unteren Geschossen vergleichbar sind, variiert ihre Größe in den oberen Stockwerken. Im schmalen Teil des Gebäudes ist nur ein Schlafraum untergebracht; auf der breiteren Nordost-Seite haben drei Zimmer Platz. Unter den Schlafräumen durchschneidet ein langer Erschließungsflur das Haus, die Rue Interieur. Sie weitet sich vor den Wohnungseingängen zu geräumigen Vorzonen auf und verbindet die beiden Treppenhäuser an den jeweiligen Enden des Gebäudes im Zickzack. Auf der Stadtseite entstehen so Flächen für drei kleinere Geschosswohnungen. Von hier aus kann man auf den nördlichen Torturm aus dem 15. Jahrhundert sehen, er ist neben der Ruine Stein das zweite Wahrzeichen von Baden. Es gibt wohl kein zweites Gebäude in der Stadt, das so vielfältige Ausblicke und so unterschiedliche Nutzungen unter einem Dach vereint.

Konstruktion und Tragwerk

Das Wohn- und Geschäftshaus ist konstruiert wie eine Brücke. Denn die bestehende Einkaufspassage im ersten Untergeschoss, die quer zum Neubau verläuft, ließ keine Stützen zu und auch die neue Busspur, die das Erdgeschoss in Längsrichtung durchschneidet, musste stützenfrei bleiben. Deshalb leiten mächtige Betonpfeiler die Lasten an nur wenigen Stellen in den Untergrund ein. Die Pfeiler sind mit Vouten versehen, sie reduzieren die Spannweiten und dienen als Auflager für Unterzüge. Diese sind 1,20 m hoch und 40 cm breit und tragen die drei oberen Geschosse. Eine weitere Herausforderung stellten die Erschütterungen durch die vorbeifahrenden Züge dar und die in der Schweiz geforderte Erdbebensicherheit. Im Normalfall wäre die Lösung dafür eine Abkoppelung der erdberührten Bauteile durch eine weiche Dämmung gewesen. Doch das Abbremsen und Anfahren der Busse im Inneren des Gebäudes verursachen starke Schwingungen, die zu hohem Körperschall geführt hätten. Deshalb mussten die drei unteren Stockwerke von den drei oberen Wohn- und Bürogeschossen abgekoppelt werden. Die unteren Geschosse können nun schwingen, die darüber sind steif. An der Schnittstelle greifen Unterzüge und die darunterliegenden Wände sägezahnartig ineinander. 75 mm starke Elastomerlager trennen die Bauteile voneinander, sichern ihre Position und verhindern gleichzeitig, dass sich Schwingungen in die Obergeschosse übertragen.

Nutzerstimmen

Daniel Erne 

Seit April 2020 nutzen wir eine der Maisonettes gewerblich und haben unsere sechsköpfige Softwarefirma dort eingerichtet. Ausschlaggebend waren für uns die zentrale Lage, die infrastrukturelle Anbindung, aber auch die Aufteilung der Wohnung mit ihrer privaten Dachterrasse. Diesen Außenbereich schätzen wir gerade im Sommer sehr. Trotz der Gleise unmittelbar vor dem Haus sind ruhige Pausen auf der Terrasse möglich, und auch das konzentrierte Arbeiten im Innenraum ist gewährleistet. Durch die hohen Fenster fehlt es dort auch nicht an Tageslicht. In den Sommermonaten kommt es allerdings öfter zu höheren Temperaturen im Innenraum. Und den Hall haben wir in den sechs Meter hohen Räumen unterschätzt, weil er von den glatten Büromöbeln nicht geschluckt wird.

Christoph Landolt

Der Neubau in der Badener Bahnhofsstraße ist sehr markant. Für unsere Physiotherapiepraxis bietet er atmosphärisch und auch infrastrukturell die besten Voraussetzungen. Die Anbindung an den städtischen öffentlichen Verkehr und auch die Nähe zum Bahnhof waren für die Standortwahl ausschlaggebend. Das ist besonders für unsere Patienten von Vorteil.
Bereits zu Baubeginn haben wir uns für die zukünftigen Gewerberäume angemeldet und von der frühen Entscheidung profitiert. Wir konnten als Mieter den Innenausbau mitbestimmen und unser Corporate Design in die Räumlichkeiten einbringen. Mich begeistern die Innenräume mit dem vielen Tageslicht, sie ermöglichen ein optimales Raumklima und bieten einen einmaligen Arbeitsplatz. Außerdem erlaubt die Dachterrasse eine Panoramaaussicht in alle Richtungen und insbesondere auf den nahe gelegenen Schlossberg.

Ferris Bühler & Olga Cudakova

Aus einem Altbau sind wir in die Altstadt Badens gezogen – das war eine überaus glückliche Entscheidung. Direkt vor der Haustüre haben wir diverse Einkaufsmöglichkeiten und sind bestens an den öffentlichen Verkehr angebunden. Unsere Agentur erreichen wir zu Fuß innerhalb von fünf Minuten. Trotz der unmittelbaren Nähe zum städtischen Treiben ist es in den eigenen vier Wänden kaum präsent. Die Dachterrasse oder das Aquarium, wie wir sie gerne nennen, ist ein idealer Aufenthaltsbereich für unsere Familie und sie bringt schon morgens viel Licht in die Wohnung. Abends genießen wir oft den Ausblick auf den Schlossberg – eingerahmt von der Fensterfront, vor der wir auch gerne sitzen. Das Loft-Feeling und die Lichtverhältnisse der Wohnung schätzen wir sehr und nutzten sie auch immer wieder gerne als Kulisse für Fotoshootings unserer Kommunikationsagentur.

Architektur
Brunnschweiler, Denzler, Dorsch, Erb
Standort
Bahnhofstraße 7, 5400 Baden (CH)

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