- Frank Kaltenbach
Die Rue du Vertbois im 3. Arrondissement ist eine typische enge Seitenstraße, die früher vom ganz normalen Alltag in Paris geprägt war. Heute sind hier im Trendviertel Haut Marais edle Patisserien, teure Modeboutiquen, Kunstgalerien und Nobelrestaurants angesiedelt. Eine Zäsur in der durchgehenden historischen Fassadenabwicklung ist die Hausnummer 5. Mit seiner Ganzglasfassade unterbricht das Gebäude das historische Ambiente wie ein haushohes Schaufenster. Hinter der homogenen fünfgeschossigen Straßenfront hat Jacques Moussafir ein flexibles Raumgefüge aus vier Geschossen mit Gewerbeflächen, einer Büroetage und darüber vier Wohngeschossen geschaffen. "Das Bestandsgebäude der Architekten Biro Fernier aus den 1970er-Jahren ist ein seltenes Beispiel der modernen Architektur in diesem Viertel. Die robuste Konstruktion aus Stahlbeton ermöglichte weitreichende Umgestaltungen. Da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz stand, haben wir uns die Freiheit herausgenommen, ganz im Sinne der 70er-Jahre großzügige Räume mit transparenten Fassaden zu schaffen." Beeindruckend ist nicht nur die neue Offenheit innerhalb der unterschiedlichen Nutzungsbereiche, sondern auch die großzügig wirkende Erschließung auf engstem Raum. Die Gewerbeflächen waren ursprünglich auf das Erdgeschoss und das ersten Obergeschoss begrenzt, Moussafir verdoppelte sie, indem er zwei Untergeschosse mit Abstellräumen mit Treppen, Lufträumen und einer Lichtdecke funktional an das Erdgeschoss anschloss. Wie flexibel das Gebäude konzipiert ist, zeigen bereits die er-sten Mieterwechsel. Erstmieter war eine Modeboutique mit Showroom, die von der Straße aus mittig im Gebäude über einen Steg aus Gitterrost für Passanten offenstand. Links davon erahnt man durch ein Metallgewebe den dreigeschossigen Schacht des Aufzugs für Lasten und Pkw. Ein zweiter Zugang zu den Gewerberäumen verläuft rechterhand über eine offene Treppe, die durch eine Glasscheibe von der Straße getrennt ist und über einen kleinen Tiefhof ins erste Untergeschoss führt. Hier befindet sich neben den Büroräumen des Architekten der Eingang zu einem internationalen Modellabel, dessen Designabteilung hier, streng verborgen vor der Öffentlichkeit, Kollektionen entwirft, Prototypen schneidert und fotografiert. Inzwischen hat die Firma sämtliche Gewerbeflächen und zusätzlich die Büroflächen im 2. Obergeschoss angemietet. Die großzügigen Grundrisse in allen Geschossen waren durch die Verlegung und Umgestaltung der zentralen Wendeltreppe zu einer abgehängten Stahltreppe an der Nachbarwand möglich. So sind im zweiten Obergeschoss zwei Mietwohnungen entstanden, eine nach Norden zur Straße, die andere nach Süden zum Hof. Die dreigeschossige Maisonettewohnung darüber bewohnt der Architekt mit seiner Familie.
