Klimagerechtes Bauen ist Bauen, das dem Klima gerecht wird. Welchem Klima und warum und wie gerecht? Muss nicht jedes Gebäude den Klimaeinflüssen standhalten? Ist das »Standhalten« eines Gebäudes unter Regen, Schnee und Sonne schon klimagerecht? Nein, damit ist etwas anderes gemeint. Die Grundaufgabe eines Gebäudes ist es, Menschen, Tiere und Lagergut vor den »Unbilden der Witterung« zu schützen und ein den Bedürfnissen der Nutzer genügendes Raumklima zu schaffen. Diese Schutzfunktion sollte bei dem jeweiligen Außenklima unter möglichst geringem Energieeinsatz gelingen. Der Kerngedanke ist dabei: Mit möglichst geringem Energieeinsatz ein den Bedürfnissen der Nutzer genügendes Raumklima zu schaffen. Klimagerechtes Bauen wird damit energieeffizientes Bauen. Dass das Gebäude selber dabei keinen Schaden erleiden darf, ist eine notwendige Nebenbedingung. Das Gebäude soll die geforderte Nutzungsqualität aufweisen. Hinsichtlich der Raumklimaqualität ist dieser Gedanke oft in den Hintergrund gedrängt worden. Das Raumklima macht der Fachplaner mit seinen »Geräten«. Häufig ist dies so, aber muss das so sein? Zu den Zeiten, als es so etwas wie haustechnische Ausrüstung noch nicht gab, waren die Baumeister darauf angewiesen, alle möglichen Überlegungen anzustellen und alle möglichen natürlichen Energiequellen auszubeuten, um Gebäude im Inneren nutzbar zu machen. Energie war zu allen Zeiten knapp. Die so genannten autochthonen Bauweisen, also die am »Ort gewachsenen Bauweisen«, werden oft mit dem klimagerechten Bauen gleichgesetzt. Dieses ist insofern richtig als die autochthonen Bauweisen in der Regel klimagerecht geplant worden sind. Man erkennt es daran, dass in unterschiedlichen Regionen der Erde gleiche, aus dem Klima ableitbare Formen entstanden sind. Dies kann allerdings nicht bedeuten, dass klimagerechtes Bauen unbedingt eine konkrete Formensprache erzwingt. Bestenfalls gilt dies noch im Bereich der großen terrestrischen Klimazonen, warm-trocken, feucht-warm, arid und arktisch, in denen bestimmte Bauweisen sich wegen ihrer besonderen Eignung durchgesetzt haben. Aber grundsätzlich gehört die bauseitig gefundene Antwort auf den jeweiligen Klimaeinfluss zu den technischen Seiten des Bauens. Inwieweit daraus eine architektonisch geprägte Formensprache wird, entscheidet ein zweiter möglicher, aber nicht notwendiger Schritt. Man kann davon ausgehen, dass immer klimagerecht gebaut wurde, außer wenn Energie im Überfluss vorhanden war oder wenn Gebäude eingeschränkt nur bestimmten, nicht raumklimaabhängigen Nutzungen dienten. Extreme Klimate, die Ausnutzung oder der Schutz vor einem extremen Klimaparameter haben oft sehr typische Formen hervorgebracht. Die aufgeständerten, luftigen, mit hohen Dächern versehenen Bauten der feucht-warmen Klimazone in Südost- asien beispielsweise oder die Holzhäuser der arktischen und subarktischen Region sind unbedingt von Klimaeinflüssen bestimmt. Die Diskussionen und Entwicklungen der vergangenen Jahre legen nahe, dass solares Bauen ein besonderes Modell des klimagerechten Bauens ist. In den meisten Fällen ist dem nicht so. Bleiben wir in der mitteleuropäischen Klimazone, so ist es erforderlich, die häufigen Schwankungen der Außenklimaparameter Temperatur und Sonnenstrahlung abzubauen beziehungsweise umzunutzen und das Defizit an Wärme im Winter auszugleichen. Wir müssen mit dem differenzierten Angebot an Tageslicht dem Überangebot an Strahlungstagen und dem oft unzureichenden Angebot an Wintertagen fertig werden. Darüber hinaus müssen wir die durch den heftigen Wind verursachten Luftdruckdifferenzen abbauen, aber wir dürfen nicht »luftdicht« bauen. Die Anforderungen an die Gebäude haben sich nicht geändert, da sich das Klima nicht signifikant geändert hat. Können wir heute auf die Anforderungen anders reagieren als unsere Vorgänger? Bei dem früheren knappen Energieangebot war es wichtig, die nutzungsbedingte Wärmeerzeugung, das Herdfeuer, die Haustiere und die Menschen im Gebäude so zu verteilen, dass diese Wärme maximal genutzt werden konnte. So fanden sich das Herdfeuer im Zentrum des Hauses, die Haustiere an den Außenwänden (wie beispielsweise beim niedersächsischen Hallenhaus) und zum Schlafen Alkoven, die nachts geschlossen werden konnten. Das Prinzip »Haus im Haus« und die Anordnung von untergeordneten »Pufferräumen« im Außenwand- bereich (Dachboden, Keller, Nebenräume) dienten dazu, das Zentrum warm zu halten. Diese Bedingungen sind auch heute noch so gültig, aber nicht mehr zwingend. Die übliche Wärmedämmung lässt heute nur noch einen Bruchteil der Wärme nach außen abfließen. Wir sind damit in der Lage, auch ohne größeren Energieaufwand wesentlich freizügiger mit der Organisation der Räume im Innern vorzugehen. Da man es einer Wand von außen auch nur selten ansieht, ob ihre Wärmedurchlässigkeit groß oder klein ist, tritt klimagerechtes Bauen hier nicht formal in Erscheinung. Gute Wärmedämmung und die Möglichkeit, Wärme durch effiziente Anlagen gleichmäßig im Gebäude zu verteilen und auch gut regelbar anzubieten, entheben uns der Mühe, Räume nach Nutzungsart ineinander zu schachteln.
