Diskussion: Faszination Stadion - Architektur und Kommerz

DETAIL: Herr Marg, was fasziniert Sie eigentlich so am Stadionbau? Volkwin Marg: Stadien sind die größten öffentlichen Versammlungsräume überhaupt und gleichzeitig sind sie ein Spiegel der Gesellschaft. Für mich als Architekt ist es eine besondere Herausforderung, diese Räume zu bauen, dabei den Finger am Puls der Gesellschaft zu haben und auch noch die fortschrittlichsten und gewagtesten Konstruktionen anwenden zu können. Das ist absolut faszinierend. Und was erfahren Sie dabei über die Gesellschaft? Das totale Diktat von Kommerz und Konsum wird beim Bau von Stadien besonders deutlich. Fußball beispielsweise ist ein völlig kommerzialisierter Sport für die Klassengesellschaft - unten das gemeine Volk auf Plastiksitzen, dann die VIPs auf gepolsterten Stühlen und schließlich die VIPVIPs in ihren Logen. Dabei werden die Zuschauer nicht nach ihrem Einkommen sortiert, sondern entsprechend ihrem Konsumverhalten. Der Turbokapitalismus schaut sich die Leute sehr genau an, bevor er sie aufteilt, um sie dann ganz gezielt zu bewerben. Ein anderes Phänomen, mit dem man beim Bau von Stadien zu tun hat, ist das Verhalten der Masse, sowie das Verhalten des Einzelnen in der Masse. Masse denkt nicht, sie fühlt. Kommen wir zur Architektur. Beim Entwurf eines Stadions geht es ja sehr stark um strukturelles Denken. Es gilt, große Spannweiten mit geordneten Tragwerken zu überbrücken und dem Ganzen ein signifikantes Gesicht zu verleihen. Das kommt Ihrer Architekturauffassung doch bestimmt entgegen? Das kommt mir sehr entgegen. Es ist die ausgewogene Balance, wie hier Funktion, Konstruktion und Deutung zusammenwirken. Architektur ist für mich die Synthese aus drei Formen der Ästhetik. Da ist zunächst die pure Funktionsästhetik, wie bei einem Handwerkzeug, wo die Funktion die optimale Form definiert. Das Nächste ist die Konstruktionsästhetik - wie konstruiere ich ingeniös sinnvoll die funktionsgerechte Gestalt? Die dritte Komponente ist die Bedeutungsästhetik: Wie deute ich den Inhalt und den Genius Loci mit dem, was ich funktional richtig und konstruktiv optimal baue? Erst wenn wir eine harmonische Synthese aus diesen drei Aspekten erreichen, wird es gute Architektur. Deshalb sehen unsere Stadien niemals gleich aus. Der kulturelle und örtliche Kontext ist immer verschieden. Gerade beim Bau großer Arenen spielen auch die Tragwerksplaner eine entscheidende Rolle. Wie funktioniert die Zusammenarbeit? Das gemeinsame Entwerfen mit den Ingenieuren, z. B. mit schlaich bergermann und partner, ist bei uns eine Gewohnheit, das gehört zum Arbeitsstil. Architektur ist ja immer ein Ergebnis aus Form finden und Form setzen und soweit es das Tragwerk, also das Konstruktive betrifft, sind gut entwerfende Ingenieure auch immer gute Formfinder. Da aber vom Inszenatorischen her auch immer eine Deutung gesucht wird, für die man einen architektonischen Ausdruck braucht, muss man die Formfindung mit der Formsetzung kombinieren, also für den Ausdruck von Inhalt und Genius Loci sorgen. In unseren Teams fragt niemand, welche Idee von wem kommt. Das motiviert auch unsere Ingenieurskollegen. Es provoziert ihre Kreativität und ihre Offenheit und bringt uns wiederum dazu, von vornherein sehr strukturell zu denken. Wie viele Stadien haben Sie mit Ihren Teams schon entworfen? Entworfen haben wir schon mehr als 60, realisiert oder im Bau sind bislang ein gutes Dutzend. Wirklich begonnen hat alles mit dem Umbau des Berliner Olympiastadions für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006. Nach dem Gewinn des Wettbewerbs dazu folgten dann auch noch die Stadien in Frankfurt und Köln. Bei der nächsten WM 2010 in Südafrika waren wir wieder mit drei Stadien erfolgreich, auch 2014 in Brasilien sind wir mit den Arenen in Brasilia und Manaus dabei. Für die Europameisterschaft in diesem Sommer haben wir Warschau und Kiew geplant, außerhalb dieser Großereignisse aber auch verschiedene Arenen in anderen Ländern. Auf das gleichzeitig realisierte rumänische Nationalstadion in Bukarest bin ich besonders stolz. Es gleicht einem modernen Kolosseum und zeigt in seinen Proportionen klassische Harmonie. Gleichzeitig ist diese vollkommen verschließbare Arena auch noch besonders kostengünstig. Jedes der erwähnten Stadien hat sein individuelles Gesicht. Was ist das Besondere an Warschau? Die Polen verwendeten ihren ganzen nationalen Stolz darauf, zur EM ein Nationalstadion zu präsentieren, das sich positiv von allem abhebt, was man bisher gesehen hat und das selbstbewusst proklamiert: »Seht her, das ist das neue Polen.« Es sollte ein heiterer Bau werden, ebenfalls mit einem komplett verschließbaren Dach. Gleichzeitig waren Superlative gefragt. So ist das geschlossene Membrandach sogar für eine Gesamtschneelast von 800 Tonnen ausgelegt. Wie eine leuchtende Krone - geschmückt in den Nationalfarben Rot und Weiß - thront die neue Arena auf den Tribünenwällen des alten Erdstadions jenseits der Weichsel, gegenüber der Altstadt. Gleichzeitig steht sie auf geschichtsträchtigem Terrain. Nämlich exakt auf der Stelle, wo die Polen die Trümmer der von den deutschen Bombern zerstörten Altstadt aufgeschüttet hatten - ein Trümmerberg als Folge des Warschauer Aufstands von 1944. Es ist also ein absolut geschichtsträchtiger Bau, der belastet ist durch die gemeinsame Geschichte der Deutschen und Polen. Wie gehen Sie dabei mit der Geschichte um? Wir haben das alte Trümmerstadion für 100 000 Zuschauer nicht angerührt. Denn wir wollten mit den Baggern keine Gasmasken, Stahlhelme oder andere Relikte des Geschehens herausholen. Die Geschichte soll ruhen - wir wollten sie nicht ausgraben. Das alte Stadion aus den 1940er- und 1950er-Jahren wurde so zum Sockel für unser neues. Gab es bei den Polen keine Empfindlichkeiten, dass ausgerechnet deutsche Architekten auf den Trümmern des alten Warschau das neue Nationalstadion bauen? Natürlich gab es Vorbehalte. Wir wählten ein polnisches Partnerbüro - JSK Architekci - und haben gern akzeptiert, dass diese in Polen unter den Entwurfsverantwortlichen stets zuerst genannt wurden. Diese Referenz an den Nationalstolz fiel uns nicht besonders schwer. Wie genau sah die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und dem Partnerbüro in Warschau aus? Hatten Sie selbst Mitarbeiter vor Ort? Die Planung lief bei uns in Berlin und auch um die Qualitätskontrolle in Warschau haben wir uns gekümmert. Unsere polnischen Partner waren für die örtliche Abwicklung und Bauleitung zuständig. Darüber hinaus haben sie Ergänzungen geplant, wo diese notwendig wurden. Und in Kiew? Dort hatten wir mit dem ukrainischen Büro Y. Serjogin LLC, Kiew, einen so genannten »Architektur-Adapter« als unsere Vertretung vor Ort. Wir haben jeweils zur Hälfte das Honorar geteilt - es war eine prima Zusammenarbeit. Am 1. Juli haben einige hundert Millionen Menschen die Übertragung des EM-Finales aus dem Kiewer Olympiastadion im Fernsehen verfolgt. Was war das für ein Gefühl für den Architekten? Ach, das Stadion als Bauwerk kommt doch im Fernsehen eigentlich nicht vor. Eine Übertragung wird zwischen den Sendern und dem Veranstalter bis auf die letzte Minute nach kommerziellen Kriterien ausgetüftelt. Sie sollen auf den Ball gucken und gleichzeitig auch auf die Werbung. Auch vor und nach dem Spiel zählt jede Sekunde. Ein Kameraschwenk ins Stadion wäre verlorene Werbezeit. Das Stadion ist also nur noch Kulisse fürs Fernsehen? Eigentlich noch nicht einmal das. Zu sehen sind vor allem die Menschenmassen, die eigentlich immer gleich aussehen, die aber eine authentische Stimmung herüberbringen sollen. Ist deshalb auch die Bestuhlung farblich so gestaltet, dass selbst leere Ränge belebt aussehen? Das ist ein zusätzlicher Effekt. Für die Sitze haben wir verschiedene Blau- und Gelbtöne verwendet, in den Nationalfarben der Ukraine. Daraus entwickelten wir dann eine Art Camouflage. Wenn die Leute das Stadion füllen, verändert sich diese kontinuierlich, zu den blauen und gelben Punkten kommen nun andere - rote, grüne oder schwarze - dazu. Wie bei einem Vexierbild sieht man kaum, was Eigen- und was Fremdfarbe ist, das heißt wie voll oder leer die Ränge tatsächlich sind. Haben Sie das Muster selbst entwickelt oder war ein Künstler involviert? Das hatten wir uns schon für die WM 2010 in Südafrika ausgedacht. Jeder Mitarbeiter im Büro, der Lust hatte, durfte wie ein impressionistischer Maler am Computer farbige Pixel setzen. Kunsthistoriker nennen diese Kompositionstechnik Pointillismus. Das auffallendste Merkmal des Kiewer Stadions ist sein Dach, das von unten betrachtet einem Sternenhimmel gleicht. Wie kam es dazu? Ursprünglich wollten wir das gesamte Dach absolut transparent ausbilden. Und zwar mit einer vollkommen klaren Gittermaschenfolie. Doch bei den Belastungsproben ist diese Folie immer wieder gerissen, sodass wir uns schließlich dafür entschieden haben, eine konventionelle Membran zu verwenden, und diese mittels transparenter Lichtkuppeln aufzuspannen. Die dunklen Stellen in der weiß ausbleichenden Membran, die das Sternenmuster bilden, entstehen durch Überlagerungen der aufgedoppelten Membran, die wiederum exakt dem Kräfteverlauf der Aufspannung folgen. Die Geschicklichkeit beim Entwurf besteht in der richtigen Vorgabe von formbildenden technischen Prämissen für die Konstruktion, sodass dann eine Konstruktionsästhetik entsteht, die sich selbst erklärt und auch Deutungen anbietet. Wenn jetzt die Leute sagen, sie säßen unter einem Sternenhimmel, dann freue ich mich darüber. Sie könnten aber auch sagen, ich bin wie ein Käfer und sitze unter Sonnenblumen. Die Menschen bilden sich ihre Metaphern selbst. Dann bereuen Sie es also nicht, dass Sie Ihre ursprüngliche Vorstellung von einem vollkommen transparenten Dach nicht umsetzen konnten? Nein, ich bereue es nicht. Vor allem auch deshalb nicht, weil wir demnächst ein Stadion mit einem transparenten Dach verwirklichen werden, und zwar im polnischen Chorzów. Dort verwenden wir durchsichtige Dreistegplatten. Ist denn der Sonnenschutz bei einem im Sommer sehr heißen Klima wie hier in Kiew kein Problem bei einem aufgelösten Dach? Da kann ich einfach sagen: Sportevents haben sich längst vom Tageslicht verabschiedet. Denn Tageslicht ist nicht manipulierbar. Alle Events werden neuerdings mit Kunstlicht gesteuert und finden deshalb in der Dämmerung und in der Abendzeit statt. Es ist das gleiche Phänomen wie bei Einkaufszentren oder Messebauten. Warum wollten Sie dann eigentlich ein transparentes Dach, wenn alles erst bei Dunkelheit stattfindet? Wegen des Himmels am Tag, aber vor allem wegen der Wirkung nach außen. Bei Nacht wird innen eine so ungeheure Lichtmenge gebündelt, dass dieses Stadion mitten in der Stadt bei Betrieb dermaßen in den Himmel strahlt, dass man es von weit her sieht und denken kann, hier seien Außerirdische in einem Ufo gelandet. Das ist schon faszinierend. Lassen Sie uns noch kurz auf die Situation hier vor Ort eingehen. Was heißt es, in der Ukraine zu bauen? Nicht einfach waren für uns die chaotischen Strukturen hier im Land und die ständig wechselnden Ansprechpartner. Auf der Auftraggeberseite hatten wir selten einen richtigen Bauherrnvertreter, wir bekamen keine Entscheidungen oder es fuhrwerkte ein neuer Minister dazwischen und getroffene Entscheidungen wurden willkürlich wieder verändert. Ein weiteres Problem war die Bauwirtschaft, die ähnlich chaotisch improvisierte. Die Ukraine ist ja eigentlich ein technologisch hochentwickeltes Land mit einer hochentwickelten Stahlindustrie. Es lag aber nicht an den Fähigkeiten, sondern an der mangelnden Koordination. Eklatant wirkte sich dieses Chaos bei der Arbeitssicherheit aus. In Kiew gab es bedauernswerterweise mehr Bauunfälle als bei allen unseren drei afrikanischen Stadien zusammen. Und dann geraten Sie auch noch zwischen die Stühle der Politik? Natürlich gerät man als Architekt schnell zwischen die Stühle. Wir hatten den Auftrag für Kiew zur Zeit der orangenen Revolution erhalten. Gebaut haben wir es während der Regierungszeit von Julija Timoschenko. Später wechselte die Regierung und wir mussten mit dem nächsten Oligarchenregiment zurechtkommen. Eingeweiht hat dann das fertige Stadion der neue Herrscher Viktor Janukowitsch. Aber Architektur ist ja ein öffentlicher, politischer Prozess, der meist eine Geschichte hat, die über Jahrzehnte, manchmal ein Jahrhundert reicht und der oft über wechselnde Regierungsformen hinweggeht. Es kann passieren, dass man beispielsweise wie in unserem Fall mit einer pro-westlich orientierten Oligarchen-Herrschaft beginnt, die zumindest teilweise parlamentarische Spielregeln beachtet, um dann mit einem mafiösen Wirtschaftssystem weiterzumachen, das unsere Rechtstaatlichkeit nicht kennt. Es kann aber auch gut sein, dass sich in einem halben Jahr alles wieder total ändert. In Deutschland wurde im Vorfeld der Europameisterschaft nicht nur über einen Boykott der Spiele in der Ukraine diskutiert, sondern auch die Frage gestellt, inwieweit man als Architekt für diktatorische Systeme bauen darf. Sie haben mit Ihrem Büro ja nicht nur das Olympiastadion hier in Kiew entworfen, sondern erst im vergangenen Frühjahr in Baku, Aserbaidschan, die Halle für den Eurovision Song Contest 2012 fertiggestellt und sind darüber hinaus vor allem sehr stark in China im Geschäft. In China haben wir neben verschiedenen Sportstätten auch mehrere Opernhäuser und Theater gebaut sowie drei Museen, das eine am Tian'anmen-Platz in Peking. Dafür sind wir heftig kritisiert worden. Und zwar von den gleichen Leuten, die überhaupt nichts dabei finden, massenweise Waren aus China zu importieren oder dort selbst Geschäfte zu machen. Das nenne ich schizophren. Ansonsten bin ich voll davon überzeugt, dass man durch Isolation in aller Regel nur die Machthaber stärkt. Bislang ist so gut wie jede politische Öffnung eines unterdrückten Landes vor allem durch Kommunikation erreicht worden, durch den Handel, den Tourismus oder die modernen Kommunikationstechniken, die eine vollkommene Isolation kaum mehr zulassen. Je mehr Austausch es gibt, auch auf der Ebene des Sports oder der Kultur, desto schwieriger wird es für Machthaber, die Bevölkerung diktatorisch einzuengen. Das haben wir auch bei der deutschen Teilung erfahren, wo Gesprächsbereitschaft und Austausch letztendlich zur Öffnung und zum Sturz des alten DDR-Regimes geführt haben. Herr Marg, vielen Dank für das Gespräch.

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Olympiastadion Berlin © Marcus Bredt