Diskussion: Die Stadt entwickeln ohne Dogma - ein Gespräch mit Adriaan Geuze

Detail: Welche Richtung wird die Entwicklung unserer Städte im 21. Jahrhundert nehmen?

Diskussion: Die Stadt entwickeln ohne Dogma - ein Gespräch mit Adriaan Geuze
© Jeroen Musch

Geuze: Das ist schwer zu sagen. Ich weiß es nicht. Ich bin mir jedoch sicher, dass sich städtisches Leben innerhalb der nächsten zehn Jahre mehr und mehr an die amerikanischen Vorstädte angleichen wird. Ein großer Teil der Bevölkerung bevorzugt diese Vorstellung von Stadt und ist wohlhabend und mobil genug, um sie zu verwirklichen. Ich denke, eine mehr auf das Auto ausgerichtete Stadt ist im Zuge einer kontinuierlichen Entwicklung in Zukunft unvermeidlich.

Detail: In welchen Bereichen benötigt die heutige Stadt Innovation?

Geuze: In den meisten Städten finden wir eine große Vielfalt, die Eingriffen aus verschiedenen Zeiten entspringt. Das ist ganz in Ordnung so. Ich sehe keine Notwendigkeit der Erneuerung vorhandener Städte. Wenn wir dagegen neue Städte bauen, denke ich tatsächlich, dass dies einer Menge an Innovation bedarf. Zeitgenössische Städte sollten ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen. Das so genannte Wohnhaus sollte sich vom Klischee des idealen Hauses der Moderne, in dessen individuellem Kosmos alles seine spezifische Funktion besitzt, lösen. Der heutige Stadtbewohner besitzt vielleicht mehrere Adressen, reist viel und teilt sich ein Einfamilienhaus möglicherweise mit anderen Menschen als den eigenen Kindern. Wir sollten eine flexible Basis für derartige Lebensweisen bereitstellen. Leider ist Mobilität speziell in Europa mit einem großen Tabu belegt, manche Innenstädte werden autofrei gehalten, die Planung neuer Stadterweiterungen ist unerwünscht, was zu großen Unbequemlichkeiten führt.

Detail: Sollten Eingriffe in die Stadt also eher mit dem Vorgefundenen verflochten werden oder autonome Einfügungen darstellen?

Geuze: Das hängt davon ab, wo man arbeitet. Manche unserer Planungen sollten so gut wie unabhängig funktionieren, in anderen Fällen haben wir versucht, Zusammenhang und Durchgängigkeit von Landschaft oder öffentlichem Raum zu verstärken. Ein Rezept hierfür gibt es nicht. Der Kontext ist für unsere Arbeit sehr wichtig und ich habe oft kritisiert, dass er bei vielen Stadtplanungen in zweierlei Hinsicht nicht berücksichtigt wird: Planungen in der Peripherie beziehen sich vielfach eher auf das Stadtzentrum als auf die Infrastruktur oder ihr eigenes Umfeld wie etwa ein Hafengebiet. Außerdem wird ein Bezug zum Kontext oft nur vorgetäuscht, und wenige Projekte beziehen sich auf die Landschaft, obwohl sie es wert ist, in neue Städte integriert zu werden.

Detail: Hat auch die »Konservierung« historischer Städte ihre Berechtigung?

Geuze: Ja, warum nicht. Ich würde nicht wagen, Venedig niederzureißen. Manche Städte sind aufgrund ihres Bestandes wunderschön – ich sehe das nicht dogmatisch. Es gibt jedoch auch Beispiele wie Paris und Prag, die sich sowohl in der Geschichte als auch in unserer Zeit stark entwickelt haben und eine Mischung aus Überlieferung, Monumenten und der Aufnahmemöglichkeit für Neues darstellen. Das finde ich hochinteressant.

Detail: Also sollte auch in historischen Innenstädten eine Weiterentwicklung durch neue Bauten stattfinden?

Geuze: Ja, da gibt es einen Unterschied zwischen städtebaulicher Situation und Architektur. Tatsächlich kann jede Stadt neue Architektur aufnehmen, selbst Venedig. Die Vorstellung neuer zeitgenössischer Palazzi entlang des Canale Grande gefällt mir sehr. Die einzige Frage dabei wäre eine städtebauliche: Sind sie den öffentlichen Räumen Venedigs zuträglich, und besitzen sie die architektonische Qualität ihrer Vorläufer hinsichtlich der sorgfältigen Behandlung des Ornaments?

Detail: Auf welche Errungenschaften der Stadtplanung sollten wir in der Zukunft zurückgreifen?

Geuze: Jede Epoche hat ihre eigene Entwicklung hervorgebracht und unbestrittene Verdienste – die mittelalterliche Stadt ebenso wie die Stadtbefestigung der Renaissance, die Stadterweiterung des 19. s wie die Art-déco-Viertel der frühen 20er-Jahre. Auch die Vorstädte der Nachkriegszeit haben ihre eigenen und speziellen Möglichkeiten. Im Moment bin ich fasziniert von der Neuentwicklung schlecht genutzter Flächen wie aufgelassener Bahnlinien oder sonstiger brachliegender Gebiete im städtischen Umfeld.

Detail: Sind dies für Architekten und Stadtplaner die interessanteren Bereiche der Stadt? Bieten sie mehr Möglichkeiten als die Stadtkerne?

Geuze: Mich interessiert diese Art von Orten einfach, egal ob in London, Hamburg oder Amsterdam. Zunächst besetzen zumeist Künstler und junge Leute diese Gebiete, bis sie sich langsam zu neuen Stadtgebieten in unmittelbarer Nähe der Innenstadt entwickeln. Hier steckt ein enormes Potential und ich sehe dies neben Vorstädten und Stadtzentren ebenso als Betätigungsfeld heutiger Stadtentwicklung.

Detail: Wird es langfristig große Änderungen der Art und Weise von Stadtplanung geben?

Geuze: In der Geschichte waren solche Änderungen immer das Ergebnis mächtiger sozialer Umwälzungen. Meine Vorstellung einer Stadt von Morgen ist jedenfalls nicht die der 60er-Jahre, die die neuesten Technologien aufnimmt. Ich denke, dass wir auf die großen Veränderungen der Gesellschaft warten müssen – diese werden dann die Städte verändern. Ich erwarte eine dramatische Änderung der Typologie des Wohnungsbaus. Die Moderne hat das einfältige Ideal der Wohnung für die Kleinfamilie geschaffen – dies halte ich für überlebt. Die Menschen brauchen sehr flexible Häuser, sie brauchen mehr Raum, sie wollen ihre Harley-Davidson zur Schau stellen. Das Leben wird nicht mehr unbedingt nur in einem einzigen Haus stattfinden. Wer zeitweise auf dem Land wohnt, kann sich in der Stadt vielleicht auf ein Apartment mit wenig Sonnenlicht und kleinem Balkon beschränken.

Detail: Sollten wir denn einen neuen Begriff für Stadt entwickeln?

Geuze: Die Bezeichnung »Stadt« ist für die Situation in Europa mit vielen Verdichtungsräumen und vernetzten Metropolen nicht unbedingt die Beste – vielleicht ist Metropole das geeignete Wort. Die Hälfte der europäischen Gesellschaft lebt in Vorstädten. Wir brauchen also eine ganze Reihe weiterer Begriffe wie Verdichtungsraum, Metropole, Vorstadt oder »urban sprawl« für das unregelmäßige Ausufern der Städte, um das zu begreifen, was wir gemeinhin als Stadt bezeichnen.

Detail: Setzen Sie Begrünung, verglichen mit anderen Landschaftsarchitekten, in Ihren Konzepten auf spezielle Weise ein?

Geuze: Völlig anders. Inzwischen finden sich in unserer Arbeit nur zwei grundlegende Arten von Bepflanzung. Einerseits landschaftlich-ökologische Bepflanzung, wie am Flughafen Schiphol in Amsterdam, die nicht entworfen wirkt, andererseits ein völlig in seine Umgebung eingebetteter privater Typ mit einer Vielfalt an Symbolen und Bedeutungen. So wie das Fernsehen eine Entwicklung vom interessanten Medium zu einer andauernden Soap-Opera genommen hat, haben sich auch unsere Städte und die Rolle des Grüns in den Städten verändert. Innerstädtische Begrünung ist heute verkommen und vergleichbar mit Pornografie – ohne Seele oder Liebe, niemandem gewidmet, letztlich nutzlos. Gegen diese Art von »Stadtgrün« sind wir in zunehmendem Maß allergisch und ein großer Teil der heute in Magazinen publizierten Landschaftsarchitektur ist völlig nutzlos. Ich sehe Grün nicht als reine Unterhaltung, sondern als etwas Grundlegendes und bevorzuge einen eher ökologischen oder botanischen Einsatz von Landschaftsarchitektur wie bei finnischen Siedlungen, bei denen Birkenwälder als Hintergrund für die Architektur dienen. Ich bin also nicht gegen Grün, absolut nicht.

Detail: In den von Ihnen geplanten Wohngebieten Borneo und Sporenburg in Amsterdam haben Sie selbst Häuser realisiert, deren Gestalt große Varianz innerhalb eines Straßenzugs bietet. Daneben gibt es dort Haustypen, die sich sehr häufig wiederholen. Hätten Sie dort auch lieber mehr Variation gesehen?

Geuze: Ja, wir sind entschieden für Differenzierung. Der Bauträger wollte dies jedoch nicht in diesem Maße.

Detail: Welche Rolle spielte dabei die Dichte? Sehen sie Dichte als stadtplanerisches Mittel?

Geuze: Dichte ist normalerweise eine Forderung des Auftraggebers. Wir haben in der Planung für Borneo gezeigt, dass städtische Dichte mit Bebauung niedriger Höhe zu realisieren ist – eine Tatsache, die jedem Architekten bekannt war, aber trotzdem in der Stadtplanung in dieser Weise bisher kaum berücksichtigt wurde.

Detail: Konnten Sie sich dort Ihrer Vision einer guten Stadt für die Zukunft annähern?

Geuze: Ja, aber trotzdem bleibt es einen sehr modernistischer, repetitiver Ansatz. Ein Ansatz mit kleinstmöglichen Hausgrößen in einer Situation, in der es den Architekten kaum gelang, formale Reichhaltigkeit zu erzeugen. Dies sind Aspekte, die mir weniger gefallen.

Detail: Sehen Sie die großen, aus dem Raster gedrehten Bauten dort als Monumente?

Geuze: Ja, natürlich. Sie waren immer als Monumente gedacht. In unserem Entwurf sahen wir drei mächtige Gebäude vor, die in der Landschaft zusammenwirken. Ich kenne auch das Potential des dritten Gebäudes, dessen Entwurf noch nicht veröffentlicht wurde.

Detail: Braucht die Stadt Monumente?

Geuze: Ja, die Menschen brauchen Monumente. Die Planung einer Stadt sollte auch die Bedingungen schaffen für architektonische Objekte, öffentliche Räume oder Begrünungen, die über einen Zeitraum von 200 Jahren bestehen können. Wir verfolgen dieses Ziel in unseren Planungen.

Detail: Welche Aspekte stehen in Ihrer Arbeit momentan im Vordergrund?

Geuze: Wir neigen dazu, uns mehr und mehr auf individuelle Gebäudeprojekte zu verlassen, im Gegensatz zu einem Masterplan, der alles definiert. Wir bevorzugen Projekte, in denen eine Vielzahl verschiedener Stile Platz findet. Außerdem verlieren die Grenzen zwischen Stadt- und Landschaftsplanung, Architektur und Design für uns zunehmend an Bedeutung. In den letzten vier oder fünf Jahren habe ich neben stadtplanerischen Arbeiten zahlreiche Möbel und Lampen entworfen, ein paar Gärten gestaltet, Brücken und Gebäude entworfen und lehre als Professor für Architektur. Wir glauben an den gut gestalteten, in die Landschaft eingefügten, öffentlichen Raum, der sowohl Autos als auch Kindern Platz bietet. Außerdem denken wir, dass wir neue Typologien entwickeln müssen, die unseren tatsächlichen Anforderungen entsprechen.

Detail: Welche Städte halten Sie im Moment für die interessantesten?

Geuze: Das ist, als ob Sie mich fragen, welche Musik mir am besten gefällt oder welchen Kuchen ich gern esse. Das ist schwer zu sagen. Ich mag Städte nicht nur wegen ihrer Architektur und Stadtplanung, sondern aus völlig anderen Gründen. Ich mag den Winter in Berlin und die Hitze in New York.


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