Idealtypisch gilt »öffentlicher Raum« als mehrdimensional, weit über seine 3D-Morphologie hinaus. Erzeugt wird er im allgemeinen Verständnis westeuropäischer Prägung durch einen ganzheitlichen, überaus komplexen gesellschaftlichen Entwurf: mit Hilfe urbaner Architektur, urbanen Städtebaus, urbaner Freiraumplanung, urbaner Kultur- und Wirtschaftspolitik sowie, last but not least, durch die zwanglose Begegnung und den bereitwilligen Austausch urbaner, kosmopolitischer, multikulturell gesinnter Stadtbewohner.
Mit anderen Worten, der Anspruch an den Begriff »Öffentlichkeit« ist neuerdings gewaltig. Früher hat ein Landvermesser einen Kreis, ein Oval oder ein mehr oder minder regelmäßiges Viereck in der städtischen Topographie abgesteckt, um einen öffentlichen Platz zu definieren. Heute ist das Lastenheft, mit dem die Designer des Produkts »öffentlicher Raum« regelmäßig konfrontiert werden, so gewichtig, dass das Scheitern an den wie selbstverständlich formulierten Anforderungen eigentlich gar keine Frage mehr sein kann. Und so ist es mehr als einleuchtend, dass die Fachwelt der Architekten, Planer und Kulturkritiker heute mehr oder minder in der Diagnose übereinstimmt, der öffentliche Raum traditioneller Prägung sei Vergangenheit, kaum noch zu bewahren, keinesfalls aber mehr zu reproduzieren; und gerade deshalb komme es nun darauf an, grundlegend neue Kriterien des Städtischen und des Öffentlichen zu entwickeln.
Aber welche? Selbstverständlich Kriterien, die das Wünschbare mit dem Machbaren zur Deckung bringen können – schließlich steht ja schon seit längerem die Berufsehre der Planer, der Architekten, der Gestalter des öffentlichen Raums auf dem Spiel. Kriterien schließlich, welche die ideelle Substanz des Öffentlichkeitsbegriffs in andere Sphären verlagern oder schlicht aufweichen: Denn sobald der Begriff »Öffentlichkeit« andere Konnotationen erhält als die herkömmlichen, hat man die bekannten Verkörperungen des Prinzips Öffentlichkeit – den debattierenden und handelnden Bürger auf dem Marktplatz, den beobachtenden und plaudernden Flaneur der Boulevards – gewissermaßen von der Straße gebracht, auf der sie beide ja längst nicht mehr sind; jedenfalls nicht mit den herkömmlichen Motiven.
Denn die politische Öffentlichkeit hat sich mittlerweile in die Massenmedien, ins Fernsehen, in die Talkshows verlagert. Das Bürgertum ist keine Klasse für sich mehr, weil wir alle Bürger sind, politisch Gleiche unter Gleichen. Und der Flaneur hat sich schon vor längerer Zeit in einen dumpfen Konsumenten verwandelt, der die Stadt nur noch als Einkaufsparcours wahrnimmt und nutzt.
Wohin also mit dem öffentlichen Raum? Welche Funktionen fordern wir ihm ab bzw. billigen wir ihm zu? Wer soll ihn bespielen? Und wonach muss er heute aussehen, um auch morgen noch attraktiv zu sein?
Tatsache ist: Immer noch besteht größte Unklarheit darüber, ob die elektronisierte, digitalisierte, globalisierte Gesellschaft sich in alle Winde zerstreuen wird. Oder ob sie hartnäckig an dem bewährten Modell des Städtischen festhalten will – an zentralen Orten, kurzen Wegen, dichten Strukturen, interessanten Straßen, attraktiven Plätzen, an spontaner Begegnung und direktem Austausch. Und man hat bisher auch nur sehr pauschale Vorstellungen von der Entstehung und Ausdifferenzierung neuer, kurzlebiger Teilöffentlichkeiten, die früher Subkulturen genannt wurden und heute »Szenen« heißen: Jene modernen, ortlosen oder besser nomadischen Milieus, die einen eben noch angesagten Szene-Treff umstandslos gegen den nächsten tauschen, ohne dass Außenstehende verstünden, was die Attraktivität des jeweils aktuellen Treffpunkts gerade ausmacht oder zusammenbrechen lässt.
Urbanistik ist heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends, eine Enzyklopädie des Zweifelns, gepaart mit politischer Visionslosigkeit, planerischer Potenzschwäche und gleichzeitig mit der Chuzpe, aus all diesen Handicaps ein theoretisch beglaubigtes Programm zu machen.
Das Motto lautet: Gestalten wir doch einfach all die Mängel, die nicht aus der Welt zu schaffen sind. Zum Beispiel die kommerzialisierte Öde der Citys. Den Wildwuchs der Peripherien, die neuerdings »Zwischenstadt« heißen. Und natürlich all die vorhandenen oder brachfallenden städtischen Freiräume – seien sie nun verkrautet oder asphaltiert, vermüllt, geschottert oder gekachelt –, die nichts weiter sind als Abstandsflächen, Transitraum oder eben Niemandsland.
Dabei muss und will eine Disziplin gern die Schwächen der anderen kompensieren. Architekten übernehmen die Rolle von Städtebauern, um deren angebliche Bevormundung loszuwerden; eine junge Generation von Architekten – allen voran ihre Kollegen aus den Niederlanden mit ihrem großen Vorbild Rem Koolhaas – will nach dem Scheitern der Konzepte aus den sechziger und siebziger Jahren »die Schnittstelle zwischen Städtebau und Architektur neu definieren« (Kees Christiaanse): allerdings im Rückgriff auf Stadtkonzepte teils der klassischen Moderne, teils der fünfziger Jahre.
Stadtplaner denken neuerdings auch wieder in den Kategorien der Soziologen und Statistiker – mit einem sehr eigenwilligen Pragmatismus, der aus trockenen empirischen Kennziffern plötzlich »Datascapes« werden lässt. Freiraumplaner bzw. Landschaftsarchitekten schließlich stärken, so gut es geht, die Rolle der Ökologie in der Planung, indem sie etwa klimatologische Probleme und das Prinzip der Nachhaltigkeit in räumliche Konzepte umsetzen; und zugespitzt könnte man sagen, ihre Idee von Urbanität gründe klammheimlich auf der französischen Romanliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, wo metropolitan gestimmte Pariser Bürger sich in den Tuileriengärten, im Jardin du Luxembourg oder beim Ausritt in den Bois de Boulogne trafen und dort »Öffentlichkeit« zelebrierten.
Die Ästhetisierung des öffentlichen Raums in der Stadt, aber auch an ihren ausfransenden Rändern ist ein großes, wenn nicht das Thema der zeitgenössischen Urbanistik. Ihr Ziel? Mit wenigen Worten: Der als Podium der Öffentlichkeit gestaltete Raum soll wesensmäßig eben jene Öffentlichkeit reproduzieren, die als verloren gilt oder sich gewandelt hat bis zur Unkenntlichkeit – genauer: bis zur Unsichtbarkeit. Kurz – er soll in einem sanften Kraftakt eine Menge aktuelle Widersprüche zusammenzwingen und gleichzeitig auflösen.
Es sieht so aus, als habe sich die »Unwirtlichkeit« unserer Städte (wie sie noch Alexander Mitscherlich in den frühen sechziger Jahren beschrieben hat) in eine Virtualität gewendet, deren Zwiespältigkeit heute teils kritisiert, teils durchaus toleriert, teils sogar genossen wird: Kommunikation findet im Internet und per Telefon statt; Interaktion, Repräsentation und soziale Rollenspiele werden an Orten inszeniert, die einer nomadisch gewordenen Gesellschaft gerade mal als »Szene«-Öffentlichkeiten für jeweils kurze Zeit lieb und teuer sind. Wer heute von der (Re-)Konstruktion des öffentlichen Raums spricht, meint die Verwandlung quasi ortloser städtischer Räume in einerseits charakteristische, andererseits offene, nämlich funktional undefinierte Orte, wo alles passieren können soll außer Ausgrenzung, Gewalt und Destruktion.
Es geht also um die gestaltete bzw. um die gestaltbare Identität von Orten – und das im Wissen um die wechselhaften Launen zeitgenössischer Öffentlichkeiten und ihrer zunehmenden Ausdifferenzierung in immer noch kleinere Teilöffentlichkeiten. Es geht, mit anderen Worten, um Kontinuität, wo ständiger Wandel sein soll; um die animatorische Qualität gestalteter Räume bei gleichzeitiger Unkenntnis dessen, wer und was eigentlich animiert werden soll. Es geht um räumliche, um urbane Qualitäten, die alle und jeder sich »aneignen« können sollen und die doch in der Summe, im Ganzen, eine Einheit, einen Charakter, eine Atmosphäre gewinnen müssen. Und es geht schließlich, weil die Planer sich heute nicht mehr zum »großen Wurf« befähigt und legitimiert sehen, zunehmend um kleine und kleinste planerische und gestalterische Interventionen im urbanen Kontext.
Akupunktur oder plastische Mikrochirurgie – so könnte man diese urbanen Strategien metaphorisch umschreiben. Anspruch und Wirklichkeit geraten in ein neues, sehr kreativ interpretiertes Verhältnis zueinander: Eine neu gestaltete Haltestelle im öffentlichen Nahverkehr wird unversehens zur architektonischen Offenbarung, zum städtebaulichen Ereignis. Der Vorplatz eines Kiosks, an dem nun nicht mehr nur Bier, sondern auch Espresso und Prosecco ausgeschenkt wird, verwandelt sich nach dem Re-Design in eine kleine Piazza Navona. Mit seinem neu-alten Pflaster, gelegt vielleicht von polnischen Handwerkern (von wem sonst?), wird jeder deutsche Heumarkt scheinbar ein Cours Mirabeau oder ein Newskij Prospekt, nach dem Vorbild von Aix en Provence oder Sankt Petersburg.
Der Drang der Urbanisten, zentrale und periphere Räume gleichermaßen zur neuen Weltbühne zu machen, ist enorm. Genährt wird er heute zum einen vom Barcelona-Mythos, den der katalanische Architekt Oriol Bohigas in der ersten Hälfte der achtziger Jahre begründete, als er im Vorfeld der Olympischen Spiele die Hafenstadt mitsamt ihren vernachlässigten Quartieren durch Urban Design quasi runderneuern ließ. Bohigas’ Projekt fand die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Fachwelt und Kritiker waren begeistert von der Initiative, international anerkannte Architekten und Künstler wie etwa Richard Serra einzuladen, inmitten von Wohnsilos minimalistische Großskulpturen zu platzieren; oder zum Beispiel spitzwinklige Straßenzwickel durch künstlerische Modellierung zu Orten mit Identität aufzuwerten. Die Idee fand Nachahmer, zum Beispiel im nicht minder mediterran gestimmten Lyon, dessen (allerdings ziemlich zentral gelegene) Platz-Designs heute ein weiteres Vorbild der Stadtgestalter sind.
Der Barcelona-Mythos ist bis heute ungebrochen, weil niemand mehr nachfragt, ob die urbane Öffentlichkeit auf diesen Plätzen und Plätzchen denn auch dauerhaft und besser funktioniert als zuvor. Wirksam ergänzt wird er durch eine zweite Hypothese, die besagt, dass der öffentliche Raum gerade im Zeitalter elektronischer Vernetzung eine wichtige sozialpsychologische Funktion gewinne: »Durch die zunehmende Banalisierung und die wachsende globale Verfügbarkeit der neuen Technologien (erhält) alles, was nicht durch Informatik und Medien vermittelt werden kann, viel mehr Bedeutung: der unmittelbare und informelle Sozialkontakt, die leibhaftige Vermittlung sowie die sinnliche und ortsbedingte Wahrnehmung« (so Ursula Paravicini von der Universität Hannover).
Dieser Sinn für urbane Sinnlichkeit, so wird unterstellt, funktioniere fast allerorten und in jeder gewünschten räumlichen und gesellschaftlichen Dimension – in der kleinteilig strukturierten städtischen Peripherie oder in der angrenzenden Zwischenstadt genauso wie in den Zentren der Citys. Für die haben findige Planer übrigens schon die Idee einer nicht mehr horizontal, sondern senkrecht orientierten Öffentlichkeit erfunden: »Der räumlich spektakuläre Hochhauscluster birgt ein modernes, auf den vertikalen Raum bezogenes Potential an Öffentlichkeit« – so steht es im Hochhausentwicklungsplan der Stadt Frankfurt. Ergänzt wird dieser Gedanke durch die Vorstellung, der öffentliche Raum als solcher funktioniere nur noch durch Vernetzung: einerseits mit halböffentlichen Plätzen wie Bars, Kinos, Clubs und Diskotheken in der unmittelbaren Nachbarschaft, andererseits als »Station« am Wege(-netz), die von den modernen Stadtnomaden für Momente angesteuert wird wie auf einer Wallfahrt – hier allerdings zu den verschiedenen »angesagten« Szenen in der Stadtlandschaft.
Ob ein Raum zum Ort, zum Platz, zur Öffentlichkeit wird, hängt im zeitgenössischen Verständnis nicht mehr, oder nur noch bedingt, von seinen verfestigten architektonischen und städtebaulichen Qualitäten ab, sondern in erster Linie von den »Stims«, die er vermittelt. »Stims« sind Anreize, welche geeignet sind, eine »Szene« zum Aufenthalt, zur vorübergehenden Aneignung des Orts zu stimulieren. »Stims« sind aber keine verlässichen, dauerhaften Anreize, sie funktionieren vielleicht heute, aber morgen schon nicht mehr. Das hat Folgen für die Gestalter des öffentlichen Raums: Sie müssen diese Podien des wirklichen Lebens so planen, dass sie flexibel sind und quasi reagieren können auf unterschiedlichste Lebensentwürfe und differente Zielgruppen.
Mit diesem Gedanken aber schließt sich ein Kreis. Der einladende Platz als Ort mit Identität, Atmosphäre und flexibler Nutzungsmöglichkeit ist auch der Platz, den die Urbanistik längst schon kennt – ein angenehmer, interessanter urbaner Raum, dessen »Stims« auch dann funktionieren, wenn er noch gar nicht bevölkert ist. Diese Feststellung steht allerdings im scharfen Kontrast zur architektonischen und städtebaulichen Ästhetik des »Freestyle«, die heute (für wie lange?) herrschende Ideologie ist. Rem Koolhaas’ »Generic City«, die dezentralisiert ist, in der alles geht und die überall gleichermaßen langweilig oder aufregend ist, kann und will Zentralität und Öffentlichkeit nicht mehr organisieren. Sie ist eine Stadt der Solitäre, des Disparaten, der Isolation und Selbstorganisation. Denkt man diesen Gedanken zu Ende, müssten die öffentlichen Räume der Zukunft selbst »interaktiv« werden können – sich von Tag zu Tag neu oder eben als Neutrum »gestaltend«.
Das ist kein besonders überwältigender Ansatz, und dafür stehen vorderhand auch keine Instrumente zur Verfügung als etwa Lichtmasten, die mit einigen Münzen von jedermann angeknipst oder geschwenkt werden können (Schouburgplein Rotterdam, von Adriaan Geuze, s. 603) oder Bildschirmwände, auf denen TV-Entertainment flimmert (Vorplatz des Bahnhofs Shinjuku, Tokio). Aber vielleicht reicht das ja heute schon wieder aus, um Goethes Kommentar einzulösen, der seinerzeit aus Italien über die dortigen Plätze berichtete: »Solche Plätze sind recht eigentlich gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben.






