- Frank Kaltenbach
Begriffe wie die »autogerechte Stadt«, die »Renaissance der Bahnhöfe« oder die Einrichtung komplett verkehrsberuhigter Fußgängerzonen prägten in der Vergangenheit die Diskussionen um urbane Infrastruktur. Die Fokussierung auf ein einziges Verkehrsmittel entspricht jedoch nicht mehr der komplexen vernetzten Realität heutiger urbaner Agglomerationen - »integrierte Mobilität« lautet das Schlagwort. Die Koppelung eines Flughafens mit einem Bahnhof zu einer neuen hybriden Typologie skizziert Antonio Sant' Elia bereits 1914 mit seiner linearen »Stazione per treni e aerei«, und der Futurist Trullio Cralli fügt 1931 bei seinem »aeroporto stazione - aeroporto urbano« den Automobilverkehr hinzu und schafft damit den Archetyp eines Infrastrukturgebäudes als Stadt auf dem Knotenpunkt von Autobahn, Fernbahn und Flugstrecke - den »Hub«. Aber auch im kleineren Maßstab versuchen Städte die unterschiedlichen Verkehrssysteme miteinander stärker zu vernetzen und gleichzeitig ihre Plätze vom Wirrwarr der Busse, Bahnen, Taxis, Pkw und Fahrräder zu befreien und sie wieder in attraktive öffentliche Räume zu verwandeln. Meist geschieht das durch die vertikale Trennung. Am Bahnhofsvorplatz in Graz wurde die Straßenbahn tiefer gelegt, in Münster eine unterirdische Radstation mit 3300 Fahrradparkplätzen geschaffen, in Düsseldorf die Hochstraße »Tausendfüßler« abgerissen und Kfz-Verkehr und Straßenbahn in einen Tunnel verlegt; im dicht bebauten Züricher Norden wurden große Abschnitte der Glattalbahn auf neuen Brückenbauwerken errichtet, die die Stadtautobahn überspannen und zwei bisher von einander abgeschnittene Quartiere miteinander verbinden. Die Idee der Trennung der Verkehrsmittel hat sich nicht nur in den Vorfahrtsregeln der Straßenverkehrsordnung niedergeschlagen. In Extremfällen hat sie mit roten Radwegspuren, schwarzweißen Zebrastreifen und gelben Taxi-Stellplätzen unsere öffentlichen Räume in Verkehrsübungsplätze verwandelt. Inzwischen hat sich jedoch auch ein Gegenmodell zur verkehrstechnischen und räumlichen Trennung von Gehweg, Radweg, Straße, Taxistand und Bushaltestelle entwickelt, das im Fachjargon als »Shared Space« bezeichnet wird. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h haben alle Verkehrsteilnehmer das gleiche Vorfahrtsrecht. In Österreich wurde dieses Konzept im April 2013 in die Straßenverkehrsordnung neu aufgenommen, in Deutschland ist der Konstanzer Bahnhofsplatz zwischen Schiffsanlegestelle, Bahnhof und Altstadt das bekannteste Beispiel. Nach jahrelanger erfolgreicher verkehrstechnischer Erprobungsphase in Zusammenarbeit mit der TU Kaiserslautern soll 2015 die Umgestaltung eines konventionellen Straßenquerschnitts zur offenen Bewegungszone oder Mischverkehrsfläche auch architektonisch abgeschlossen sein. Dann wird nach den Ideen der Landschaftsplaner Lohrer Hochrein ein Teppich aus Naturstein von Platzwand zu Platzwand durchgehen. Nur im Bereich der Bushaltestellen mit transparenten Glasdächern erhöht sich der Belag kontinuierlich zu dezenten Bordsteinaufkantungen, taktile Behindertenleitsysteme wie Bodenrillen sind nicht in knalligen Farben aufgeklebt, sondern in den Natursteinbelag eingefräst.
