Diskussion: Datascapes - Bibliotheken als Informationslandschaften

Im Laufe der Geschichte hat sich die räumliche Konfiguration der Bibliothek viele Male verändert und damit den Aufstieg kultureller und politischer Hierarchien reflektiert, ihr eigentlicher Modus Operandi jedoch blieb gewahrt. Bibliotheken lagern, ordnen, bewahren und übermitteln Wissen. Das Verhältnis zwischen diesen unterschiedlichen Funktionen konstituiert eine dynamische Einheit, die dem jeweiligen Verständnis der herrschenden Wissens- und Machtstrukturen gehorcht. Wie Foucault in seinen Untersuchungen über Heterotopien dargelegt hat, besteht eine enge Beziehung zwischen dem System des Wissens als Mittel zur Ausübung sozialer Kontrolle und der Herrschaft innerhalb bestimmter lokalisierter Kontexte. Somit handelt es sich bei der Bibliothek immer um ein umstrittenes Territorium zwischen den Machtstrukturen, beeinflusst von ökonomischen Bedingungen und technologischen Neuerungen und vor allem der sozialen Produktion des Wissens. In seinem Werk »Die postmoderne Welt« hat Lyotard vorgetragen, dass sich der Status des Wissens unter dem Einfluss neuer Informationstechnologien und neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten radikal verändert hat, seit die westlichen Gesellschaften ins postindustrielle Zeitalter eingetreten sind. So wird die Information von eben jenem ökonomischen Prinzip kontrolliert, das auch »die Beziehungen der Warenproduzenten und Konsumenten zu den Waren beherrscht, die sie produzieren und konsumieren - nämlich dem Wert. Das Wissen wird heute und zukünftig produziert, um verkauft zu werden, es wird heute und zukünftig konsumiert, um in einer neuen Produktion verwertet zu werden. In beiden Fällen liegt das Ziel im Austausch.« Der zunehmende Warencharakter des Wissens wirkt sich in der Folge ebenso auf das Verständnis des öffentlichen Raums aus, wodurch die Kulturinstitutionen gezwungen sind, ihre Beziehungen zu privaten Unternehmen und »der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt« zu überdenken1. Folgt man Lyotards Argument, so muss die Merkantilisierung des Wissens letztlich die Bibliothek infrage stellen, als eine grundlegend öffentliche Institution, die bis vor kurzem mit den Prinzipien eines demokratischen Nationalstaats verbunden war. Wenn Wissen als Informationsware auch zukünftig in der weltweiten Konkurrenz um ökonomische Macht eine bedeutende Rolle spielt, wie es Lyotard voraussagt, dann fragt sich, ob und in welchem Maß die Bibliothek als öffentliche Institution in der Lage sein wird, dem zunehmenden Wert des Wissens als Ware eine gewisse Form politischen Widerstandes entgegenzusetzen. Man beginnt sich zu fragen, ob und bis zu welchem Maß zukünftige Bibliotheken als unabhängige Plattformen eines kritischen Diskurses dienen können.

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© Christian Richters