Der große russische Ingenieur und Erfinder Vladimir Grigor'evič Šuchov (1853 -1939) ist einer der wichtigsten Vorreiter des Strukturleichtbaus und des modernen Bauens mit Eisen und Stahl. Šuchovs Bedeutung für die Entwicklung des Strukturleichtbaus entspricht der, die überragenden Ingenieuren wie Robert Maillart oder Pier Luigi Nervi bei der Herausbildung des modernen Stahlbetonbaus zukommt. Was seine außergewöhnliche Vielseitigkeit betrifft, ist er jedoch am ehesten mit ähnlich universell agierenden Ingenieuren des ausgehenden 19. Jahrhunderts vergleichbar wie Alexander Graham Bell oder Gustave Eiffel. Eine Fülle von Konstruktionsprinzipien, die im heutigen Stahlbau zum Einsatz kommen, findet ihren Ursprung in Šuchovs Werk. So verwirklicht er die erste zweisinnig gekrümmte Gitterschale, baut die ersten Hängedächer und entwickelt sehr filigrane Bogentragwerke. Doch es ist nicht allein die technische Raffinesse, die seine Bauten so faszinierend macht. Die zarten, fast entmaterialisiert wirkenden Strukturen haben einen hohen ästhetischen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann. In seiner Heimat wurde Šuchov mit den wichtigsten Staatspreisen bedacht und ist in der russischen Bevölkerung auch heute noch wohl bekannt. Außerhalb Russlands ist sein vielgestaltiges und außergewöhnliches Werk jedoch lange weitgehend unbekannt geblieben. Erst durch das von Murat Gappoev, Rainer Graefe und Ottmar Pertschi 1989 herausgegebene Buch »Die Kunst der sparsamen Konstruktion« ist Šuchov auch in Westeuropa in das Interesse eines breiteren Fachpublikums gelangt. Im Vordergrund eines aktuell laufendes Forschungsprojekts1 stehen Fragen zu Entstehungsgeschichte und Entwurfsprozessen von Šuchovs Konstruktionen, die bisher weder ingenieurwissenschaftlich noch bautechnikgeschichtlich eingehend untersucht worden sind. Des Weiteren sollen aber auch Fragen der Erhaltung geklärt werden, denn die wenigen noch bestehenden Bauten befinden sich oft in ruinösem Zustand.
