Hintergrund: Less is more - oder doch nicht? Über Suffizienz im Bauwesen

Über Suffizienz im Bauwesen »Reduce Reuse Recycle« lautete das Motto des deutschen Pavillons zur Architekturbiennale 2012. Der von Generalkommissar Muck Petzet kuratierte Beitrag war ein eindringliches Plädoyer gegen das Neubaufieber und für die kreative Aneignung vorhandener Bausubstanz. Von »Reduce« - der gezielten Verkleinerung von Baumaßnahmen - hingegen war nur ganz am Rande die Rede. Das wundert kaum - schließlich haben weder Architekten noch Bauunternehmen oder das Bundesministerium für Bau, Verkehr und Stadtentwicklung, das den Biennale-Auftritt finanzierte, ein Interesse daran, dass in Deutschland immer weniger gebaut wird. Dennoch hat die die Frage »Wie viel ist genug?« unüberhörbar Einzug gehalten in die Debatte um nachhaltiges Bauen. Vor zwei Jahren veröffentlichte das Hochbauamt der Stadt Zürich ein Grundlagenpapier für einen »Suffizienzpfad Energie« [1]. Im Mai 2014 fand in Darmstadt der erste Kongress zu »Suffizienz in der Baukultur« statt [2], und auch bei zahlreichen Bauprojekten mit Experimentalcharakter wie den Häusern des Solar Decathlon (siehe S. 6) steht das Thema unübersehbar auf der Agenda. Die Diskussion um Suffizienz - deutsch: Genügsamkeit - beim Bauen fügt sich ein in eine gesamtgesellschaftliche Debatte um die Frage, wie viel (Wirtschafts-)Wachstum unsere Ökosphäre verträgt. Und diese ist keineswegs neu: Schon 1973, im Jahr der ersten großen Ölkrise, veröffentlichte der US-Ökonom Herman E. Daly das Buch »Steady-State Economics«, in dem er eine Abkehr vom seinerzeit seit über 20 Jahren währenden, ununterbrochenen Wirtschaftswachstum propagierte. Sein Hauptargument: Ein »Weiter so« würde unser Globus nicht verkraften. Ähnlich wachstumskritische Töne schlug zeitgleich der erste Bericht an den Club of Rome, »Grenzen des Wachstums«, an. Viele halten den Bericht bis heute für Schwarzmalerei. Sie halten dagegen: Technisch bedingte Effizienzsteigerungen werden das Wirtschaftswachstum allmählich vom Ressourcenverbrauch entkoppeln. Global betrachtet, deutet darauf freilich derzeit nichts hin. Allein der weltweite CO2-Ausstoß ist seit Anfang der 90er-Jahre um rund 40 % gestiegen. Ein wirksames, aber unbeliebtes Mittel In der Theorie gilt Suffizienz - also ein maßvoller Konsum - als dritte Säule wirksamer Nachhaltigkeitsstrategien neben der Effizienz (die mit weniger Ressourceneinsatz mehr zu erreichen sucht) und der Konsistenz (die geschlossene Stoffkreisläufe und die Nutzung erneuerbarer Energien anstrebt). In der Praxis freilich ist umstritten, ob und wie suffiziente Lebensstile jemals attraktiv für eine große Zahl von Menschen werden können. Durchaus bezeichnend ist die Einschätzung der beiden Schweizer Ingenieure Peter Steiger und Severin Lenel. Sie haben das theoretische Potenzial und die voraussichtliche Akzeptanz von Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienzmaßnahmen im Bauwesen einander gegenübergestellt [3]. Das Ergebnis: In der Suffizienz liegt ein enormes ökologisches Potenzial brach - auch und vor allem, weil sie bislang kaum systematisch praktiziert wird. Ganz anders ist es dagegen nach der Einschätzung der Autoren um die Akzeptanz der Maßnahmen bestellt (Abb. Dabei sind die »Insuffizienzen« in der Art, wie wir Gebäude und Stadtquartiere erstellen und nutzen, unübersehbar. Deutschlands Wohngebäude sind (gemessen am Heizenergieverbrauch pro Quadratmeter) seit 2005 jährlich um rund 1,8 % effizienter geworden [4] (Abb. Diese Zahl schließt Alt- und Neubauten gleichermaßen ein. Der größte Teil des Effizienzgewinns wurde jedoch durch das ständige Wachstum der Wohnflächen pro Kopf schlicht »aufgefressen«, so dass der Heizenergieverbrauch pro Kopf nahezu gleich blieb. In anderen europäischen Ländern sieht die Situation nicht besser aus. Zudem kann nur bei der Heizwärme Entwarnung gegeben werden: Der Stromverbrauch in den Haushalten steigt noch immer ständig - in der Schweiz während des letzten Jahrzehnts allein um 15 %. Ein ebenso bekanntes Dilemma zeigt sich beim Heizverhalten der Bewohner. Wurden Heizsysteme im 19. Jahrhundert noch auf eine Raumtemperatur von 16 °C ausgelegt, waren es Anfang des 20. Jahrhunderts schon 18 °C und in der Nachkriegszeit bereits 20 °C. Heute heizen die meisten Menschen ihre Wohnungen auf 22 bis 23 Grad Celsius - und führen dadurch Energiebedarfsrechnungen ad absurdum, die nach wie vor von 20 Grad Raumtemperatur ausgehen. Dieser »Rebound-Effekt« zeigt sich vor allem bei der energetischen Gebäudesanierung: Wird ein durchschnittlicher Altbau gedämmt, fällt die reale Energieeinsparung nicht selten 20 - 30 % geringer aus als die zuvor berechnete. Der Grund: Die Bewohner heizen ihre Räume nach der Sanierung deutlich mehr als zuvor. Die Liste ließe sich fortsetzen mit dem Flächenwachstum unserer Städte: Noch immer werden in Deutschland täglich rund 74 Hektar neu für Siedlungen und Verkehr beansprucht - bei nahezu stagnierender Bevölkerungszahl. Die wichtigsten Wachstumstreiber sind dabei weniger die viel gescholtenen Einfamilienhausgebiete, sondern vor allem Gewerbe-, Logistik- und Verkehrsflächen. Statistisch gesehen, beansprucht heute jeder Deutsche 224 m2 Fläche zum Herumfahren − rund fünfmal so viel wie zum Wohnen. Selbst im Bereich der Baukonstruktionen liegen Suffizienzpotenziale brach: Ständig steigende Anforderungen an den Schall- und Brandschutz sowie den Wohnkomfort führen dazu, dass Konstruktionen immer aufwendiger werden und der Installationsgrad in Gebäuden ständig steigt. Die Luxusdusche mit integrierten Lautsprechern und automatisch gesteuerten Lichtszenarien mag eine feine Sache sein - die in ihr gebundene »Graue Energie« übersteigt die des 20 Jahre alten Vorgängermodells jedoch um ein Mehrfaches. Wie groß sind die Einsparpotenziale? Das Amt für Hochbauten der Stadt Zürich hat in seiner Studie [5] ermittelt, wie viel Energie sich durch »genügsamer« ausgestattete Gebäude und ein suffizienteres Nutzerverhalten einsparen ließe. Weithin bekannt ist etwa die Faustregel, dass ein Grad weniger Raumtemperatur in einer Heizenergieeinsparung von 6 % resultiert. Diese Zahl gilt allerdings nur in ineffizienten Altbauten - in einem durchschnittlichen Neubau sind es eher 10 % und in einem Minergie-P- oder Passivhaus sogar über 13 %. Das zeigt: Genügsamkeit wird vor allem da wichtig, wo Effizienzpotenziale weitgehend ausgeschöpft sind. Eine um ein Drittel reduzierte Wohnfläche bringt rund 15 % Energieeinsparung im Betrieb, da nicht alle Verbrauchssektoren (z. Warmwasser und Stromverbrauch) proportional mit der Wohnfläche sinken. Insgesamt zeigen sich die größten Verbrauchsunterschiede zwischen einem moderat suffizienten (also keineswegs von Askese geprägten) und einem verschwenderischen Lebensstil beim Stromverbrauch (Abb. Bei der Heizung sind die prozentualen Unterschiede eher überschaubar - allerdings verursacht diese in absoluten Zahlen (vor allem in Altbauten) den größten Teil des Gesamtenergieverbrauchs. Abb. 7 zeigt die Abweichungen, die sich nach Einschätzung der Autoren durch Unterschiede in der Wohnungsgröße, -ausstattung und im Nutzerverhalten ergeben. Aber auch reine Verhaltensänderungen können viel bewirken. Pilotprojekten zufolge, bei denen Wohnungsmieter eine Energieberatung erhielten, lassen sich bei der Heizung von 20 bis 25 %, beim Warmwasser zwischen 18 und 30 % und beim Stromverbrauch (Beleuchtung und Betriebseinrichtungen) 20 bis 50 % Energie einsparen, ohne dass am Gebäude selbst etwas verändert werden muss. Pilotprojekte in Sachen Suffizienz Wie beim Konsum, so stellt sich natürlich auch bei dessen Einschränkung die Frage: Wie viel ist genug? Nicht jeder wird beispielsweise so weit gehen wollen wie der Münchener Architekturprofessor Richard Horden, der 2005 eine experimentelle Studentensiedlung aus je 6,5 m2 großen »Micro Compact Homes« entwarf - und einen davon über Jahre hinweg an mehreren Tagen pro Woche selbst bewohnte (Abb. Dennoch zeigt sich gerade in hochpreisigen Metropolen derzeit ein Trend zu Kleinstwohnungen für Studenten und Berufsanfänger. Diese sind meist um die 20 Quadratmeter groß, kosten 400 bis 500 Euro Monatsmiete und bieten alle Annehmlichkeiten des modernen Stadtlebens - zentrale Lage und teilweise Concierge-Service inklusive [7]. Für ältere Singles gibt es solche Angebote interessanterweise kaum. Hier kommen offenkundig zwei Suffizienzhindernisse ins Spiel, die der Architekturtheoretiker Gerhard Auer (Jahrgang 1938) so benennt: ».wie jeder Wohnraum uns lebenslang als Ausstellungsraum begleitet, ist mit fortschreitendem Alter die Sammlung von Dokumenten und Erinnerungsgegenständen angewachsen .Meine Alterswohnung braucht mehr und mehr Platz, um zum biografischen Museum heranzureifen.« Und: »Im Vergleich zur Wohnung des Erwerbs- und Familienlebens wird die Wohnung der ‚Entpflichteten' mehr statt weniger Nutzungen, mehr statt weniger Raum bieten müssen: nämlich für jene Spiel- und Betätigungsfelder, die früher extern gegeben waren. Gleichwohl lassen sich suffizient bemessene Wohnangebote für alle Altersgruppen konzipieren. In Zürich wurde im Sommer 2014 der Genossenschaftsbau »Kalkbreite« fertiggestellt (Abb. 6, 7). Er beherbergt ein Straßenbahndepot, ein Kino, Läden und Restaurants sowie 88 Wohnungen unter einem Dach. Das Gebäude erfüllt mit dem Standard Minergie-P-Eco nicht nur höchste Anforderungen an Energieeffizienz und eine ökologische Bauweise, sondern enthält auch zwei Suffizienzkomponenten: Zum einen müssen sich alle Bewohner verpflichten, für die Dauer des Mietverhältnisses kein Auto zu besitzen. Zum anderen ist die Wohnfläche pro Kopf auf 35 Quadratmeter beschränkt. Letzteres ist sicher auch dem Anliegen geschuldet, im hochpreisigen Zürich überhaupt noch bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können. Es zeigt aber auch, dass der Bauherr die Ziele der »2000-Watt-Gesellschaft« ernst nimmt, die seit einem Volksentscheid 2008 offiziell für alle Neubauten in Zürich gelten. Das 2000-Watt-Konzept sieht ein begrenztes Energiebudget pro Kopf vor, das für alle Lebensbereiche (Wohnen, Mobilität und privaten Konsum) ausreichen muss. Und dieser Grenzwert lässt sich auf 35 Quadratmeter Wohnfläche eben leichter einhalten als auf den derzeit in der Schweiz üblichen fast 50 Quadratmetern. Ein suffizientes Nutzerverhalten gewinnt überall dort an Relevanz, wo Gebäude den Null- oder Plusenergiestandard nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität erreichen sollen. Auf einem innerstädtischen Grundstück in Frankfurt entsteht derzeit ein so genanntes Aktiv-Stadthaus mit 74 Wohnungen, das mit Photovoltaikmodulen auf dem Dach und in der Südfassade mehr Strom erzeugen soll, als seine Bewohner (einschließlich Haushaltsstrom) verbrauchen (Abb. Um den Strombezug aus dem öffentlichen Netz auch nachts und bei schlechtem Wetter zu minimieren, verfügt das Gebäude über einen Batteriespeicher. Aber auch die Bewohner müssen »mitspielen«. Deshalb ist in jeder Wohnung ein Tablet-PC installiert, der Energieverbrauch und -erzeugung in Echtzeit anzeigt, Prognosen über den künftigen Energieertrag der Photovoltaik (basierend auf Wettervorhersagen) macht und den Bewohnern gezielte Energiespartipps gibt (Abb. 10). Hinzu kommt ein finanzieller Anreiz: Jeder Haushalt hat ein (knapp bemessenes, aber bei sparsamem Verhalten ausreichendes) jährliches Energiebudget, das in der Pauschalmiete enthalten ist. Erst wenn der Verbrauch das Budget übersteigt, wird die zusätzlich verbrauchte Energie nach Kilowattstunden abgerechnet. Auch bei der Gebäudeerstellung lassen sich Suffizienzpotenziale heben - vor allem dann, wenn Materialaufwand durch planerische Intelligenz ersetzt wird. In seinem Büroneubau »2226« in Lustenau/Vorarlberg verzichtete das Architekturbüro be baumschlager eberle auf jegliches Heiz-, Kühl- und Lüftungssystem (Abb. Zur Beheizung werden lediglich die Wärmeeinträge durch Personen, IT und solare Gewinne genutzt; die Kühlung und Lüftung geschieht mittels automatisch gesteuerter Klappen neben den Fenstern. Und dass sich im Holzbau hohe Brandschutzanforderungen auch ohne eine Gipskartonverkleidung der Wände erfüllen lassen, zeigen Gebäude wie das Wohnhaus »Woodcube« in Hamburg (siehe DETAIL Green 1-2014, S. 22 ff.Mit einem Brandversuch wiesen die Holzbauingenieure nach, dass die unverkleideten Massivholzwände und -decken einen ausreichenden Brandwiderstand bieten. Beiden Beispielen gemein ist indessen ihr hoher Planungsaufwand, der beim Woodcube zu hohen Mieten führte und bei »2226« von den Architekten weitgehend »pro bono« erbracht wurde. Wirtschaftlich werden solche Bauten daher nur, wenn die hier gemachten Erfahrungen künftig zum Allgemeingut bei der Planung und Normung werden. Politische Handlungsspielräume Wenn ein Bauen mit Maß und Ziel sich künftig auf breiter Front durchsetzen soll, kann es nicht bei einigen wenigen Pilotprojekten bleiben. Dann muss der Prozess auch politisch unterstützt werden. Hierzu konstatieren die Autoren des Züricher »Suffizienzpfades Energie« ganz richtig: »Suffizienz kann nicht verordnet werden. Sie kann teilweise gefördert werden, z. durch Belegungsvorschriften für einzelne Wohnsiedlungen, durch Verzicht auf Parkplätze bei einzelnen Siedlungen, durch Lenkungsabgaben etc. Eine solche Lenkungswirkung ließe sich zum Beispiel erreichen, indem gesetzliche Energiestandards künftig nach dem Wohnflächenbedarf pro Kopf gestaffelt werden. Dann dürfte ein großzügig bemessenes Einfamilienhaus künftig pro Quadratmeter wesentlich weniger Energie verbrauchen als ein kompaktes Mehrfamilienhaus - statt mehr, wie es bei dem derzeitigen Referenzgebäudeverfahren nach EnEV meist der Fall ist. Eine solche Umstellung würde dann über die entsprechenden Effizienzhaus-Standards auch Einzug in die Förderprogramme der KfW halten. Auch die Honorarordnungen für Planer enthalten Fehlanreize, die ausgemerzt werden könnten. Bislang gilt - auch zum Leidwesen vieler Bauherren: Je größer, komplexer und damit teurer ein Gebäude wird, desto mehr verdienen die Architekten und Ingenieure - zumindest solange sich ihre Bezahlung an der HOAI orientiert. Allerdings wird, wer hier Reformen anstrebt, neue, transparente und eindeutige Richtgrößen statt der bisherigen Orientierung an den Baukosten einführen müssen. Und das dürfte schwierig werden. Für wirklich effektive Anreize zur Suffizienz ist jedoch eine Erkenntnis aus der Umweltökonomie entscheidend: Wer den Ressourcenverbrauch verringern will, muss ihn teurer machen. Das kann prinzipiell durch Ökosteuern geschehen oder dadurch, dass Privathaushalte dereinst in den EU-weiten Emissionshandel einbezogen werden. Ernst Ulrich von Weizsäcker, der mit »Faktor Vier« und »Faktor Fünf« zwei wegweisende Bücher zur Ressourceneffizienz publiziert hat, schlägt vor, die Umweltsteuern künftig jährlich automatisch um den Prozentsatz zu steigern, um den die Ressourceneffizienz steigt. Wer regelmäßig in Effizienztechnologien investiert und darüber hinaus womöglich auch Suffizienz übt, müsste in diesem System keine Mehrbelastungen befürchten. Notwendig sind laut von Weizsäcker dabei zwei Ausgleichsregelungen: Die Sozialhilfesätze müssten jährlich um die Marge steigen, um die sich die Energiepreise verteuern, und für die energieintensive Industrie müssten die Ökosteuern aufkommensneutral gestaltet werden. Höhere Energiesteuern dürften in der Bevölkerung jedoch auf wenig Gegenliebe stoßen. Das zeigte sich nicht zuletzt bei der deutschen Bundestagswahl 2013, als jene Parteien, die für Steuererhöhungen eintraten, vom Wähler abgestraft wurden. Und noch aus einem anderen Grund schrecken die meisten Politiker vor wirklich effektiven Maßnahmen zurück, denn sie wissen: Wenn sich alle in Suffizienz üben, wächst die Wirtschaft nicht mehr, und es drohen soziale Verteilungskonflikte. So steht zu erwarten, dass Suffizienz weiterhin nur auf der Ebene individueller Lebensstile verhandelt werden wird und jene, die sie voranbringen wollen, auf persönliche Einsicht, vorbildliche Pilotprojekte und möglichst attraktive Angebote setzen müssen. Wichtig ist dabei in jedem Fall die Erkenntnis: Wer eingleisig nur auf Effizienz, Konsistenz oder Suffizienz setzt, wird weit an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft - oder vergleichbarer klimaverträglicher Konzepte - vorbeischrammen (Abb. 12). Im unsanierten Altbau hilft auch der dicke »Suffizienzpullover« nicht viel weiter, und wer zu zweit im 200-Quadratmeter-Passivhaus wohnt, trägt jahrelang die ökologische Hypothek ab, die allein in der im Gebäude gebundenen grauen Energie liegt. Ferner sollte der Einfluss des Bauens und Wohnens auf unseren ökologischen Fußabdruck nicht überschätzt werden. Der finnische Architekt Jukka Heinonen etwa räumt in seiner Dissertation mit so manchen Mythen auf, die das angeblich so energieeffiziente Wohnen in kompakt bebauten Städten betreffen. [9] Heinonen verglich den CO2-Fußabdruck eines typischen Bewohners von Helsinki mit jenem eines durchschnittlichen finnischen Landbewohners. Das Ergebnis: Außer beim Pendlerverkehr mit dem Auto stieß der Stadtbewohner in allen (!) Lebensbereichen (also beim Warenkonsum, bei Flugreisen und Restaurantbesuchen, beim Stromverbrauch und sogar bei der Gebäudeheizung) mehr CO2 aus als der Landbewohner. Die Ergebnisse sind nicht eins zu eins auf andere Länder übertragbar - so herrscht zum Beispiel in Finnland ein starkes Stadt-Land-Gefälle beim Wohlstand, und viele Häuser auf dem Land werden CO2-neutral mit Holz beheizt. Zu denken geben sie dennoch. Dennoch: Eine Chance für Architekten? Damit könnte es eigentlich sein Bewenden haben: Suffizienz ist vor allem eine Sache des individuellen Lebensstils und wird in der Architektur ein Nischenthema bleiben - wenn nicht, gerade in den teuren Metropolen der Welt, immer mehr Menschen zur Suffizienz gezwungen würden. Ständig steigende Immobilienpreise führen dazu, dass mancherorts die Wohnflächen pro Kopf schon wieder fallen statt steigen. In besonders extremen Lagen wie Tokio haben sie auch nie das europäische Niveau erreicht. Gerade hier sind Architekten gefragt, die richtigen Angebote zu machen für ein suffizientes und dennoch komfortables Leben. Intelligent geplante Grundrisse, eine qualitätvolle Wohnausstattung, großzügige Gemeinschaftsbereiche außerhalb der Wohnung und individuell zumietbare Flächen (wie etwa die »Jokerzimmer« in der Kalkbreite) ermöglichen auch auf begrenzter Fläche einen hohen Wohnstandard. Womöglich können entsprechend geplante Gebäude sogar ein suffizientes Nutzerverhalten fördern. Der Dortmunder Psychologieprofessor Marcel Hunecke hat in einer Studie untersucht, welche (individuellen) psychischen Ressourcen für einen nachhaltigen Lebenswandel besonders förderlich sind [10]. Er nennt unter anderem Genussfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Sinngebung und Solidarität. Übertragen auf die Architektur, hieße das: Über den Komfort und das körperliche Wohlbefinden hinaus (Genussfähigkeit) sollten suffiziente Gebäude dem Benutzer stets die Kontrolle über sein persönliches Umfeld ermöglichen (Selbstwirksamkeit), ihn gezielt Umweltreizen aussetzen (Achtsamkeit) und ihre nachhaltige Funktionsweise sicht- und erlebbar machen (Achtsamkeit, Sinngebung). Nicht zuletzt sollten Gebäude ein aktives Zusammenleben in der Gemeinschaft ermöglichen (Solidarität). Auch die Planungsprozesse sind wichtig: Eine Partizipation der Nutzer (Selbstwirksamkeit, Sinngebung) mag für Architekten bisweilen unbequem sein, sie steigert jedoch die Identifikation der Bewohner mit ihrem Gebäude. Letztlich gilt jedoch auch hier, wie überall beim Bauen: Auf das richtige Maß kommt es an. Das Ziel ist nicht primär die Gründung von Überzeugungsgemeinschaften und Selbsterfahrungsgruppen, sondern suffizientes Bauen für breite Bevölkerungsschichten.

Hintergrund: Less is more - oder doch nicht? Über Suffizienz im Bauwesen
Bürogebäude in Lustenau (A), be baumschlager eberle: Das Haus kommt dank intelligenter Steuertechnik ganz ohne Heiz- und Kühlsystem aus.