Diskussion: Prag - Zur Kontinuität des Stadtumbaus

Neben grundsätzlichen Gemeinsamkeiten besitzt Prag im Vergleich mit den anderen europäischen Metropolen etliche Eigenarten, die die heutige Situation des Stadtumbaus wesentlich prägen. Seit über tausend Jahren ist die Stadt unangefochten das Zentrum Böhmens und besitzt einen der größten, nahezu intakten mittelalterlichen Stadtkerne Europas. Traditionell liberal gesinnt und dem Neuen recht aufgeschlossen, öffnete sich das Land früher als seine mitteleuropäischen Nachbarn der industriellen Entwicklung. So entstanden bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor den Toren Prags neue Industrie- und Arbeitervororte. Karlín und Smíchov machten den Anfang, Žižkov, Holešovice, Libenˇ und Vysocˇ any folgten bald nach. Nach der Staatsgründung im Jahre 1918 erlebte Prag nicht nur eine umfangreiche Bautätigkeit, sondern entwickelte sich gleichzeitig zu einem der bedeutendsten Zentren der Moderne. So ist Prag heute vermutlich jene Stadt in Europa, die baulich am nachhaltigsten durch funktionalistische Architektur geprägt wurde. Der enorme kulturelle Aufschwung jener Zeit wurde durch die kommunistische Machtübernahme 1948 zwar unterbrochen, das bauliche Erbe jedoch dadurch konserviert, sozusagen in ein künstliches Koma versetzt, aus dem es erst nach der samtenen Revolution des Jahres 1989 unsanft geweckt wurde. Die kommunale Nachwende-Problematik ist aus vergleichbaren Situationen hinreichend bekannt und traf auch Prag mit voller Härte. Der Zusammenbruch der veralteten und finanziell unterversorgten Betriebe ließ riesige Industriebrachen entstehen. Der über fünfzig Jahre vernachlässigte historische Altbaubestand mit unklaren Besitzverhältnissen resultierte in einem enormen Sanierungsstau. Der neue Bedarf an Verkaufs- und Büroflächen konnte in dieser Situation am Anfang nur durch Neubauten (meist zweifelhafter Qualität) auf unbebauten Flächen befriedigt werden. Nur verständlich, dass die Stadtverwaltung dem ungewohnten Kapitalandrang zunächst nicht gewachsen war. Auf der anderen Seite gab es in Prag das Potenzial einer flexiblen und gut ausgebildeten Architektenschaft, die durch eine Zwischengeneration von Lehrern aus dem Umkreis der avantgardistischen SIAL-Gruppe solide in der Tradition der tschechischen modernen Architektur verankert wurde. Der künftige Stadtumbau konnte sich außerdem auf die Prager Tradition einer hoch entwickelten, sensiblen Denkmalpflege, sowie auf eine allgemeine Wertschätzung des historischen, auch des industriellen Bestandes, stützen. An der Technischen Universität in Prag wurde eigens ein Forschungszentrum für das industrielle Erbe gegründet. Hinzu kommt, dass sich aus der Schicht der Neureichen in den späten neunziger Jahren eine Klientel zu rekrutieren begann, die zusammen mit den Ausländern und den »Exil-Liebhabern« langsam einen neuen Markt für gehobene Immobilien entstehen lässt. Das (teuere) Wohnen in der Stadt wird wieder zum Thema. Die qualitätsbewussten Kunden schätzen nun zunehmend auch den identitätsstiftenden Altbestand, was den behutsamen Umnutzungskonzepten einen neuen Auftrieb verleiht.

Diskussion: Prag - Zur Kontinuität des Stadtumbaus
© Frank Kaltenbach