Als es dank der industriellen Revolution gelang, Eisen- bzw. Stahlkonstruktionen mit planmäßiger Geometrie und Festigkeit herzustellen und zu berechnen, gab es statt des bisherigen Allround-Baumeisters fortan zwei bauplanende Berufe: den Architekten und den Ingenieur. Als »Geburtstag« des Bauingenieurs im konstruktiven Ingenieurbau gilt das Gutachten von Giovanni Poleni für die Peterskuppel in Rom im Jahre 1748. Genau betrachtet war Poleni aber »nur« Statiker, denn er analysierte lediglich eine existierende Konstruktion, gleich dem Naturwissenschaftler, der »nur« entdeckt, was in der Natur schon vorhanden ist. Der entwerfende Ingenieur hingegen erfindet - mit Wissen und Fantasie ingeniös konstruierend - praktisch mit jedem Bauwerk etwas völlig Neues, bisher nicht Dagewesenes! Mit der großartigen Galérie des Machines für die Weltausstellung in Paris beispielsweise entwickelte Victor Contamin völlig neue, mit allem Bisherigen brechende Formen: Die Fußgelenke dieser 115 Meter weit gespannten Halle stellen das Denken und bisherige Verständnis der Baumeister auf den Kopf, weil sie den Querschnitt einschnüren, wo die Kräfte am größten sind: am Fuß, knapp über dem Boden, dort wo das Tragwerk doch am dicksten sein müsste, wie uns die Natur das lehrt! Damit war denen, die Bauen ohne Statik gelernt und die höchstens ein Gefühl für den Kraftfluss, aber keine entsprechende Erfahrung hatten, den Architekten also, der Boden entzogen.
