Die Wohnung - eine unerschöpfliche »Wunschmaschine« auf dem kaum überschaubaren Markt der Lebensstile? Obwohl der gegenwärtige Wohnbau in Wien in seiner typologischen und thematischen Bandbreite alle erdenklichen Bedürfnisse abzudecken trachtet, scheint der Raum für experimentelle Ansätze oder für die Bereitschaft, in Unerprobtes zu investieren, eher zu schrumpfen. Man kann zwar konstatieren, dass immer mehr brauchbare Wohnungen zu immer geringeren Baukosten errichtet werden, aber eine konzeptuelle Durcharbeitung des Themas Wohnen findet nicht unbedingt eine optimale Basis. Auch wenn der Wohnbau für das Experiment nicht prädestiniert sein mag: Ein Rückzug auf das auf dem Wohnungsmarkt Gängige wäre insofern bedenklich, als die Stadt mit den Gemeindebauten des Roten Wien der 20er- und 30er-Jahre nicht nur oft und gerne auf eine ruhmreiche Tradition im Wohnbau zurückblickt, sondern auch nach 1945 bedeutende Einzelleistungen u. a. von Roland Rainer, Viktor Hufnagl und Anton Schweighofer vorweisen kann. Auch in der Gegenwart leistet eine vitale Architektenszene mit Planern der mittleren und jüngeren Generation wichtige Beiträge zum Wohnbau in Wien. Die aus fördertechnischen Gründen als Wohnheim konzipierte »Sargfabrik« der Gruppe BKK-2 (Fertigstellung 1996) sowie das Folgeprojekt der »MISS Sargfabrik« von BKK-3 (Fertigstellung 2000) bleibt als experimenteller Wohnbau allerdings singulär. Der geförderte Geschosswohnungsbau ist derzeit mehr denn je einem Leistungsdruck ausgesetzt, der sich im baulichen Ergebnis auf unterschiedliche Weise ausdrückt und nur selten die Qualitäten der Siedlung »Am Hofgartl« von Geiswinker & Geiswinkler (2003) aufweist, die in ihrer souveränen Dichte gestapelten Einfamilienhäusern gleicht (Abb. 2.Im Unterschied zu den Großsiedlungsprojekten der ersten Nachkriegsjahrzehnte oder den am verdichteten Flachbau orientierten Themensiedlungen in den Stadterweiterungsgebieten der 80er-Jahre muss die heutige Wohnbauproduktion nicht nur den Bedarf decken oder Alternativen zum utilitaristischen Massenwohnbau aufzeigen, sondern umfassende individualistische oder kulturelle Bedürfnisse abdecken. Es geht längst nicht mehr um die ideologisch untermauerte Unterbringung von »Massen«, sondern viel eher um die Produktion individueller Identität. In dieser auf unterschiedlichste Wohnbedürfnisse zugeschnittenen Produktionskette bleiben bestimmte Vorstellungen von Urbanität, so der Stadtforscher Rudolf Kohoutek, unweigerlich auf der Strecke: »Heute wird der Wohnungsneubau nicht mehr als einzelnes Gebäude in der Stadt geplant, sondern als autarkes ortloses Projekt mit Verkehrsanschluss, als Prospekt für neue Zielgruppen. Die Additivität der in den Stadtplan eingetragenen und umgesetzten Wohnprojekte lässt das Städtische in den Hintergrund treten und ähnelt eher einem Fremdenver-kehrsprospekt oder der Homepage eines Unternehmens, auf der die Highlights plastisch hervorgehoben und verlinkt sind.
