Diskussion: Die neue Sinnlichkeit des Materials

Ruppiger Beton und schimmernde Metallgewebe, kaleidoskopartige Muster auf glitzerndem Edelstahl, zarte Ornamente gedruckt auf Kunststoffplatten oder geätzt in Glas, Sonnenschutzpaneele aus verklebten Strohfasern und bruchrauer Naturstein: Das Material und seine Oberfläche werden in der aktuellen Architektur zelebriert wie nie zuvor. Allerorts springen uns ungewöhnliche Materialkombinationen, herausfordernde Experimente oder die genüssliche Inszenierung traditioneller Baustoffe ins Auge. Kein Zweifel also: Das Thema liegt im Trend. »Mit Hilfe der Materialien«, schreibt Adolf Loos sinngemäß in einem Zeitschriftenartikel vor gut hundert Jahren, »will der Architekt Gefühle im Menschen erzeugen, die eigentlich diesen Materialien noch nicht innewohnen«. Jeder Baustoff, möchte er damit sagen, weckt in uns gewisse Assoziationen, die unserer Herkunft, Kulturgeschichte und unseren Erfahrungen entsprechen. Denn über das Material und seine Oberfläche nehmen wir ein Gebäude wahr. Beide prägen mit ihrer Farbe, Struktur und Ausstrahlung seinen Charakter. Schade nur, dass die Gefühle, die ein Material hervorruft, bei Architekten und Nutzern gelegentlich recht unterschiedlich sind. Den rohen Sichtbeton, von vielen Entwerfern geradezu vergöttert und wegen seiner sinnlichen Eigenschaften geliebt, verbindet der Architekturlaie mit Begriffen wie Tristesse, Baustelle oder gar Bunker. Bei anderen Baustoffen dagegen ist man sich eher einig. Holz etwa gilt allgemein als warmes Material und auch für die Innenraumgestaltung geeignet.

Diskussion: Die neue Sinnlichkeit des Materials
© Christian Schittich