Diskussion: Bauten der Industrie

»Für die Welt gearbeitet wird in Asien, in Arabien gebetet, in Afrika gelitten, in Amerika gerüstet und in Europa über alles geredet. Das eine wie das andere ist gemeinschaftsdienlich.« Auch wer die von dem Soziologen Karl Otto Hondrich zynisch formulierte globale Aufgabenteilung in ihrer Ungerechtigkeit nicht akzeptieren will, muss einsehen, dass die europäischen Arbeitsorte der Industrie in Verbindung mit Produktionsorten in Asien erheblichem Wandel unterliegen. Prägten im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts riesige Fabrikanlagen das Bild, die unter ihrem Dach den mechanischen Kraftantrieb und die Massenfertigung vereinigten, so verwandelt sich das Wirtschaftssystem jetzt von der großen Fabrik in ein großes Theater. Aus produzierenden Unternehmen werden lernende Unternehmen. Innovative Industriebetriebe erwarten vom Architekten kommunikative und kulturelle Orgaanisationsstrukturen vor konstruktiver Raffinesse, ganzheitliche Strategien vor gestalterischen Details. Immer mehr virtuelle Firmen wie Nike verzichten darauf, selbst zu produzieren, um sich ganz auf Produktplanung und -marketing zu konzentrieren. Die klassische Einheit von Ort-Zeit-Handlung und Form-Funktion-Konstruktion löst sich auf. Nach den zuletzt eindeutig formalen Positionen Postmoderne, High-Tech, Dekonstruktivismus und Biomorphismus oder »Schnullerarchitektur« (Karin Leydecker) äußert sich der Wandel zur Kommunikations- und Wissensarchitektur noch nicht architektonisch. Im Gegenteil, wie schon im Goldrausch Ostdeutschlands erschrecken die deutschen Architekturbeiträge zur entfesselten Industriedynamik Chinas mehr, als dass ein Erkenntnisprozess deutlich würde. Wenn »die Chinesen die Kuh fliegen lassen«, wie es im Shanghaier Büro von Albert Speer heißt, des »einzigen deutschen Städteplaners und Architekten, der in der ganzen Welt erfolgreich baut« (FAZ), dann entscheiden die schnellsten, nicht die nachdenklichsten Architekten über eine internationale Autostadt aus Giebelhäusern und Gauben oder einen Hauptbahnhof in Gestalt eines altchinesischen Palastes. Sollte der Architekturexport eines Landes, das der Moderne wie dem Industriebau wie kein anderes verpflichtet ist, nicht gedankenschwerer sein?

Diskussion: Bauten der Industrie
© Richard Davies