Die Diskussion um Farbe am Bau hat eine lange, vielfältige Geschichte, die sich bis ins 18. und 19. Jahrhundert mit dem so ge-nannten Polychromiestreit zurückverfolgen lässt.1 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Thema Farbe Teil der städtebaulichen und damit auch der politischen Debatte. Nicht mehr der Einzelbau stand nun im Zentrum, vielmehr galt die Diskussion dem Wohnungsbau im städtischen Umfeld. Am Thema Farbe schieden sich die Geister: Nicht weniger als bei Adolf Loos berühmtem Vortrag und Diktum von Ornament und Verbrechen wurden im Farbenstreit über das ästhetische Konzept hinaus die Weltanschauung des Architekten und sein Selbstverständnis sichtbar. Der folgende kurze Überblick über die Architektur des 20. Jahrhunderts versucht daher, jenseits ästhetischer Traditionen und Bezüge, die gesellschaftlichen Bedingungen des Bauens mit bewusstem Einsatz von Farbe anzusprechen. Damit soll verdeutlicht werden, dass Farbe immer und bis heute als ästhetisches Argument im gesellschaftlichen Diskurs verwendet wird. Ästhetische Entscheidungen werden mit sozialen Argumenten legitimiert, aber Ästhetik kann auch als Argument im politischen Kampf herangezogen werden. Farbkonzepte der Architektur dienen stets weiter gesteckten Zielen und stehen im direkten Kontext mit sozialen und politischen Ideen und Problemen.
