Kritisch betrachtet: Wettbewerb Europäische Zentralbank in Frankfurt/Main

Der Wettbewerb über den Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main wurde am 14. Februar 2004 entschieden - und die Gewinner haben berechtigte Chancen, dass ihr Entwurf gebaut wird. Dies ist das Ergebnis eines seit 1999 vorbereiteten, zweistufigen Wettbewerbs mit einer Beteiligung von 71 Büros aus Europa, den USA und Japan. Neben einem umfangreichen Neubauprogramm von 100 000 Quadratmeter Nutzfläche sollte auch Martin Elsässers expressionistische Großmarkthalle von 1928 in den Entwurf integriert werden. Die EZB möchte aus Sicherheitsgründen auf der Mainseite dieser Halle bauen, während der freie Blick vom Mainufer aus ein wichtiges Anliegen der Bevölkerung ist. Ein Konflikt ist vorprogrammiert, daher präsentierte die EZB die Entwürfe vom 21. Februar bis 15. März 2004 im Deutschen Architektur Museum. Zahlreiche Besucher bestaunten die architektonische Vielfalt - eine Leistungsschau aktueller Tendenzen vom Blob bis hin zu strukturalistischen Ansätzen. Ein Viertel der Teilnehmer setzte auf das Konzept »Großmarkthalle als Sockel« und wurde konsequent von der Jury abgestraft. Zwölf Büros erreichten im Juli 2003 die zweite Wettbewerbsphase. Das Architekturbüro Coop Himmelb(l)au aus Wien gewann am Ende. Ihre Twin Towers um ein verglastes Atrium schaffen es, alle Kriterien zu erfüllen, und befriedigen zusätzlich noch Frankfurts Wunsch nach großen Namen und spektakulären Taten. Das in Edelstahl blitzende Modell der leicht verdrehten Türme evoziere, so Lucas Papademos, Vorsitzender der Jury und Vize- Chef der EZB, ein Bild von »Stabilität unter Druck«, das hervorragend zur EZB passe. Dazu sei die Arbeit »prägnant und funktional«.

Kritisch betrachtet: Wettbewerb Europäische Zentralbank in Frankfurt/Main
© Europäische Zentralbank

Die Architekten ASP Schweger aus Berlin bekamen den zweiten Preis mit einem Ensemble aus vier 150 Meter hohen Türmen mit gerasterter Glashaut, zusammengehalten von einem 250 Meter breiten Wolkenbügeldach. Allerdings stieß ihre Arbeit bei der Stadt aufgrund der machtvollen Ausstrahlung auf Widerstand – vollkommen zu Recht.

Den dritten Rang erhielten 54f Architekten aus Darmstadt. Ihre bioklimatischen Wintergärten und der bescheidene Ausdruck wirken sympathisch; das konventionelle Konzept einzelner Hochhäuser auf gemeinsamer Basis behindert jedoch die Kommunikation der Mitarbeiter.

Die anderen neun Teilnehmer der zweiten Phase scheiterten aus unterschiedlichen Gründen: Die Wettbewerbsbeiträge sollten, neben hoher Zeichenhaftigkeit und architektonischer Qualität, vor allem die Werte der EZB »Transparenz, Kommunikation, Effizienz und Stabilität« darstellen. Diesen Anforderungen wurden mehrere Architekten nicht gerecht. Frank O. Gehrys Entwurf beispielsweise vermittelt eher das Bild einer Club-Med-Anlage; Barkow Leibinger aus Berlin schotten die Großmarkthalle mit einer gigantischen Wand vom Main ab. Als zweites Kriterium sollten alle 2 500 Arbeitsplätze der EZB von gleicher Qualität sein. Hier überzeugten weder Morphosis, Santa Monica/USA, noch Miralles Tagliabue, Barcelona. Außerdem war eine Erweiterung um 2 ≈ 500 Arbeitsplätze einzuplanen. Der breite Zylinder von Schneider + Schumacher hätte nur nach oben erweitert werden können. Sowohl bei dem flachen Glasdach von KHRAS, Virum/Dänemark, als auch bei dem geschwungenen Wolkenbügel des Estudio Lamela, Madrid, wäre dies nur durch Verdichtung möglich gewesen. Die pragmatische und letztlich zielführende Strategie von Coop Himmelb(l)au bei diesem Wettbewerb bleibt erstaunlich. Wer soll die »Rolling Stones der Architektur«, so die österreichische Tageszeitung »Der Standard«, noch stoppen, wenn die Verhandlungen mit der EZB anstehen? Offiziell hält sich diese zurück und spricht von einer Auftragsvergabe erst im Herbst 2004. »Mit einem oder mehreren der Preisträger«, der Stadt und den Bauabteilungen aller europäischen Zentralbanken will die EZB in die Überarbeitungsphase gehen. Die Stadt lehnt den zweiten Preisträger ab, da kann die EZB den dritten nicht vorziehen. Allein Murphy/Jahn, Chicago, und ihr Doppelsichelturm, eine erkennbare Variante des Bonner Post-Towers, hätten eine ernste Konkurrenz werden können. Sie kamen nur nicht unter die ersten drei, weil die Architekten in der Jury einstimmig dagegen votierten: Sie hielten den Entwurf für austauschbar.

Wie geht es weiter? Bis Juli 2004 verlassen die Händler die Halle, bis Januar 2005 räumt die Stadt alle niedrigen Bauten ab und übergibt das Grundstück; anschließend wird der Bauantrag eingereicht. Die neue EZB soll bis 2009 fertig gestellt sein. Frankfurt kann zufrieden sein, erhält die Stadt mit dem ruhigen und milden Opus Magnum der Ex-Wilden aus Wien gute und aufregende Architektur. Wahrscheinlich.


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