Diskussion: »Stahl ist ein Material von hoher Intelligenz « - Ein Gespräch mit Dominique Perrault

Dominique Perrault ist durch seine Großprojekte wie das Rad- und Schwimmstadion in Berlin bekannt geworden. Bei der Nationalbibliothek in Paris hat er 1995 als erster Edelstahlgewebe, ein Material aus der Filtertechnik, in großem Maßstab in der Architektur eingesetzt. Seither gelten diese Stahlvorhänge als sein Markenzeichen und werden weltweit von vielen Gestaltern verwendet. 2004 hat er mit einem spektakulären Entwurf den internationalen Wettbewerb für das neue Mariinsky-Theater in St. Petersburg gewonnen. Jetzt hat ihm der Auftraggeber spontan gekündigt.

Diskussion: »Stahl ist ein Material von hoher Intelligenz « - Ein Gespräch mit Dominique Perrault
© Werner Huthmacher

Detail: Bisher zeichneten sich Ihre Gebäude durch eine klare und leicht verständliche Geometrie aus, meist sind es Kuben. Weshalb sind Sie beim neuen Mariinsky-Theater von diesem Prinzip abgewichen?

Dominique Perrault: Der Entwurf besteht aus zwei Komponenten, dem Theater mit dem großen Saal für 2000 Zuschauer und einem kleinen Saal für 350 Personen, sowie den dazugehörigen Nebenräumen. Sie befinden sich in einem Massivbau, dessen strenge Geometrie und Symmetrie durch funktionale und akustische Parameter festgelegt sind. Über diesen gesamten Funktionsbereich breitet sich wie ein Kleid ein goldener Vorhang aus. Dieses Kleid schafft die Möglichkeit, sich von all diesen funktionalen Zwängen freizuspielen. Zwischen der strengen Geometrie der Funktionsräume und der tranzparenten Hülle entwickelt sich eine Landschaft mit Treppen, Balkonen, Cafés.

Weshalb ist dieses Kleid vergoldet?

Dominique Perrault: Die Inspiration kam von der goldenen Kuppel der St. Petersburger Kathedrale. Natürlich handelt es sich nur um Gold im übertragenen Sinne. Das Tragwerk bilden Stahlprofile, die bekleidet sind: zum Raum hin mit goldfarbenen Gipskartonplatten, außen mit goldanodisiertem Aluminium.

Detail: Ihr Entwurf für das Mariinsky-Theater findet in St. Petersburg und international eine hohe Akzeptanz. Weshalb kam es jetzt zu der Vertragsauflösung?

Dominique Perrault: Wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Unser Auftraggeber, der russische Staat, hat uns nach drei Jahren intensiver Entwurfsarbeit durch das russische Kulturministerium schriftlich mitgeteilt, dass wir an dem Bauvorhaben nicht mehr beteiligt sind.

Detail: Ist das nicht ein Vertragsbruch seitens des Auftraggebers?

Dominique Perrault: Natürlich kann ein Auftraggeber sagen, uns gefällt der Entwurf nicht mehr oder es ist alles viel teurer als geplant – wir kündigen dem Architekten. Das wäre zwar für uns äußerst bedauerlich, aber legal. Hier sagt der Auftraggeber jedoch: Wir bauen das Projekt zu Ende, aber ohne den Architekten.

Detail: Wie weit ist denn Ihre Planung fortgeschritten?

Dominique Perrault: Wir haben die Entwurfsphase abgeschlossen und wollten jetzt mit der Ausführungsplanung beginnen. Die Regeldetails stehen alle schon fest. Die Genehmigungsbehörde hat behauptet, unsere Planung würde nicht den russischen Baugesetzen entsprechen. Auch wenn dem nicht so war, über eine Überarbeitung lasse ich jederzeit mit mir reden. Aber man kann nicht den Bau nach unserem Entwurf ohne die offizielle Urheberschaft von uns als Architekten fortführen. Wenn das Gebäude ohne uns realisiert werden sollte und etwas schiefgeht, dann werden sie uns als Sündenbock hinstellen.

Detail: Wäre es rein technisch möglich, das Gebäude von Ingenieuren errichten zu lassen?

Dominique Perrault: Den Russen ist nicht klar, dass es sich um eines der komplexesten Gebäude handelt, das es gibt. Sie denken, wenn sie wissen, wie man eine Tankstelle für Gazprom baut, bewältigen sie auch eine Oper. Dabei sind wir für weitere Überarbeitungen, Einsparungen oder etwaige Verkleinerungen stets offen. Aber man kann nicht einfach vom großen Saal einen Teil abschneiden, dann funktioniert die gesamte Akustik nicht mehr. Wenn das Tragwerk aus Unkenntnis doppelt so stark dimensioniert oder der fließende Raum der Foyers durch kleinteilige Brandabschnitte zerstückelt wird, dann geht die Idee verloren. Wir haben mit Nagata Acustics und Bollinger und Grohmann einige der weltweit besten Spezialisten für Konzertakustik und Tragwerksplanung im Team. Ohne dieses Expertenwissen und die Koordination und künstlerische Gestaltung von uns Architekten wird das Gebäude nichts mehr mit unserem Wettbewerbsentwurf zu tun haben.

Detail: Was, glauben Sie, waren die Gründe für Ihren Ausschluss vom Projekt?

Dominique Perrault: Zum einen hatten wir nie einen fachlich kompetenten Ansprechpartner auf Seiten des Bauherrn. Das Projekt ist der erste öffentliche Auftrag in Russland seit 70 Jahren. Die Russen haben weder eine russische noch eine internationale Errichtungsgesellschaft gegründet, wie das in anderen Ländern bei solchen Projekten üblich ist. Die Bürokraten sind fachlich also einfach überfordert, was Sonderlösungen oder eine weitere Auslegung der zum Teil veralteten russischen Bauvorschriften anbelangt. Außerdem vermengen sie zwei unterschiedliche Dinge: die architektonische Qualität, und die Korruption. Netzwerke kann man nicht verhindern, die gibt es auch in China und in Europa, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Ich habe den Eindruck, dass man in St. Petersburg denkt, wir würden ihre Seilschaften bei der Auftragsvergabe durchkreuzen. Solche Machenschaften intessieren mich aber überhaupt nicht, weil ich keinerlei Einfluss darauf nehmen kann. Als Architekt interessiert mich aber sehr wohl die Qualität meiner Architektur.

Detail: Wie geht es weiter? Sehen Sie noch eine Chance das Mariinsky-Theater zu bauen?

Dominique Perrault: Der Bau ist bereits ohne uns in vollem Gange. Wir warten nach wie vor ab, dass uns die Behörden doch noch eine Baugenehmigung erteilen.

Detail: Sie haben das Theaterfoyer als Landschaft beschrieben. Beim Campus für die Ewha Universität in Seoul wird Ihr Ansatz von Architektur als Landschaft besonders deutlich.

Dominique Perrault: Wir sind generell der Überzeugung, dass ein Gebäude als isoliertes Monument, wie es im 19. Jahrhundert verstanden wurde, nicht allen Aspekten von Architektur gerecht wird. Für uns sind das Umfeld, die Außenräume und der Kontext genau so wichtig wie das gebaute Volumen. Daher sind alle unsere Projekte mehr Landschaft als Gebäude. Beim ersten Supermarkt in Wattens implantierten wir einen kleinen Wald zwischen Parkplatz und verglaster Fassade des Verkaufsraums. Das Wäldchen dient nicht nur als poetisches Bild der Tiroler Berglandschaft, sondern schafft ganz praktisch einen optischen Filter zum Parkplatz und damit einen angenehmen Ausblick. In Seoul, das 2008 fertig gestellt sein wird, ist das gesamte Gebäude in einen bestehenden Park eingegraben und wird nur durch eine eingeschnittene Rampe sichtbar.

Detail: Seit Ihrem Rad- und Schwimmstadion für die Bewerbung Berlins zu den Olympischen Spielen 2000 (Abb. 4) planen Sie immer wieder große Sportstätten.

Dominique Perrault: Aktuell nehmen wir an einem Wettbewerb für die Olympischen Spiele in London 2012 teil, übrigens als einziges Büro, das nicht aus Großbritannien stammt. Unser Stadion für Rouen soll 2009 eröffnet werden, ebenso das olympische Tenniszentrum in Madrid.

Detail: Besteht das Tenniszentrum ganz aus Stahl?

Dominique Perrault: Nein, den Sockel bildet ein riesiger Tisch aus Beton. Darauf sind die drei Tennishallen aufgestellt für 12 000, 5000 und 3000 Zuschauer. Die Hauptattraktion sind die öffenbaren Dächer. Diese maschinenartigen Konstruktionen sind nur aus Stahl sinnvoll. Die Wandelbarkeit der Dächer drückt auch eine Dynamik aus und verändert die Architektur, da die Dachflächen aufgeklappt oder auskragend über die Traufe geschoben von außen gut zu sehen sind.

Detail: Das Verhüllen eines Gebäudes mit Stahlgewebe ist ja zu Ihrem Markenzeichen geworden: beim Radstadion in Berlin als opake Textur, beim Ihrem zweiten Supermarkt in Wattens als transluzente Hülle, die tagsüber reflektiert und nachts durchsichtig wird (Abb. Werden Sie weiterhin Ihre Gebäude in Stahlgewebe verpacken?

Dominique Perrault: Natürlich kann solch ein Gestaltungselement nicht die Lösung für alle architektonischen Aufgaben sein. Beim Ausbau des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg bestand die Aufgabe darin, das alte Gebäude mit Cortenstahlfassade zu sanieren und um zwei Hochhäuser zu erweitern. Wir legen um das Bestandsgebäude einen Ring aus Büros mit einer Fassade aus vertikal gestellten goldenen Glasscheiben

(Abb. 5, 6). Im Erdgeschoss kommen aber wieder Stahlgewebe vor, die das Foyer gliedern. Und als räumlichen Höhepunkt und Herz der Anlage haben wir einen zentralen neuen Gerichtssaal eingefügt, dessen Decke ein zeltartiges goldenes Metallgewebe bildet, das wie eine leuchtende Meduse über dem Raum schwebt. Von den rundumlaufenden Galerien der Büroerschließung ist die Präsenz des Saals allgegenwärtig. Man sieht jedoch nur die schillernden Lichteffekte auf der Außenseite des Metallzeltes – der direkte Einblick auf das Geschehen der Verhandlungen bleibt verborgen.

Detail: Was fasziniert Sie besonders am Stahl im Vergleich zu anderen Materialien?

Dominique Perrault: Nehmen wir zum Beispiel Beton. Er ist bestens geeignet für Patisserie-Architektur. Beton ist wie ein Teig, den man beliebig formen kann. Das Ergebnis ist aber meist ungenau mit Toleranzen von bis zu mehreren Zentimetern. Stahl dagegen ist ein sehr präsiser Baustoff mit scharfen Kanten und einer großen statischen Leistungsfähigkeit. Die Toleranzen liegen maximal bei wenigen Milimetern, dabei sind seine Anwendungsmöglichkeiten äußerst vielfältig. Deshalb schätze ich Stahl als ein Material von hoher Intelligenz.

Detail: Vielen Dank für das Gespräch.


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