Hintergrund: Klimarettung oder Kulturzerstörung? Energetische Sanierung am Scheideweg

Der Weg vom Hoffnungsträger zum Sündenbock ist mitunter recht kurz. 2007 erstellte die Beratungsfirma McKinsey ihre erste große Kosten-Nutzen-Analyse weltweiter Maßnahmen gegen den Klimawandel. [1] Darin lag der Gebäudesektor einsam an der Spitze: Nirgends sonst ließen sich zu so geringen Kosten so viel Treibhausgasemissionen vermeiden wie beim energieeffizienten Bauen und Sanieren. Auch im Energiekonzept der Bundesregierung vom September 2010 spielte die energetische Gebäudesanierung eine Schlüsselrolle. Erstmals wurde darin das Ziel formuliert, in Deutschland bis 2050 einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen. Deswegen will die Regierung den Anteil aller Gebäude, der pro Jahr energetisch saniert wird, von derzeit 1 % auf 2 % verdoppeln. rnFünf Jahre später stehen die politischen Ziele noch immer im Raum. Doch die öffentliche Diskussion über die energetische Sanierung hat sich grundlegend gewandelt. Befeuert wird sie immer wieder durch Zeitungsartikel und Fernsehdokumentationen mit Titeln wie »Wahnsinn Wärmedämmung«. Deren Botschaft lautet, kurz gefasst: Energetische Gebäudesanierung − und vor allem die Dämmung von Fassaden mit Polystyrol − schadet der Baukultur, rechnet sich ökonomisch nicht und ist ökologisch widersinnig, weil die verwendeten Dämmsysteme notorisch kurzlebig und nicht recyclingfähig sind. rnDie Trendwende hat inzwischen auch den Immobilienmarkt erreicht. Das spiegelt sich unter anderem im »Marktmonitor Immobilien« wider, für den der Immobilienökonom Stephan Kippes von der Hochschule Nürtingen-Geislingen jährlich mehrere Hundert Immobilienmakler befragt. [2] Sein Fazit: Der energetische Standard einer Immobilie spielt für deren Vermarktung eine immer geringere Rolle. Für Mietshäuser etwa sahen 2014 bereits 44 Prozent aller Befragten keinen nennenswerten Einfluss des Energiestandards auf die Miethöhe. Umgekehrt berichteten 2014 auch so viele Makler wie nie zuvor von einem gesunkenen Interesse von Hauskäufern und Mietern am energetischen Standard von Wohngebäuden.

Hintergrund: Klimarettung oder Kulturzerstörung? Energetische Sanierung am Scheideweg
Sanierung eines Bürogebäudes in Bozen, Michael Tribus 2005: Mit der ersten Passivhaussanierung eines Bürobaus etablierte sich das − seither vielfach kopierte − Motiv der abgeschrägten Fensterlaibungen, die hohen Tageslichteinfall auch bei dicken Dämmschichten ermöglichen. © René Riller