Berichte: Das Werktor - Architektur der Grenze

»Es sieht aus wie ein Triumphbogen, ist aber keiner - was ist das?« könnte die naiv-spontane Frage sein. »Das Werktor zur Urquellbrauerei in Pilsen« wäre die richtige Antwort gewesen. Und schon sind wir mittendrin in der Geschichte einer ganz speziellen »architecture parlante«. Der Triumphbogen als Motiv für Werktore ist um 1890 populär. Dabei geht es für das Verständnis dieser Architektur gar nicht darum, historisch korrekt nachzuweisen, was ein Triumphbogen ursprünglich gewesen sein mag. Das nämlich ist sehr unklar. Schon in der Aufklärung wurde die Antike als Wunschbild in die Vergangenheit projiziert: Das Brandenburger Tor in Berlin musste weiß und rein sein, so wie die griechische Antike imaginiert sein sollte. Heute wissen wir: Auf der Akropolis war alles schön bunt angemalt. Von Bedeutung ist also, wie das Bild vom Triumphbogen Ende des 19. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Bewusstsein präsent ist. Es hat mit römischer Antike zu tun, ein klassizistisch bestens geeignetes »erhabenes« Motiv. Es ist ein Monument des Sieges - so die Vorstellung. Erbaut für den Imperator, dem der Senat von Rom einen offiziellen »Triumph« genehmigt hatte, dem ungebremsten Aufstieg der kapitalistischen Industriegesellschaft adäquat. Zugleich und wohl unbewusst schwingt ein Motiv von Erniedrigung mit: Die Nebentore des Triumphbogens waren sehr niedrig; durch diese mussten die unterjochten Völker sich beugend am Publikum vorbeiziehen. Zitat ist das Werktor als Triumphbogen auch von den späten, kaiserlichen Triumphbögen des römischen Reiches, die als urbane Megazeichen für unbeschränkte Herrschaft errichtet wurden. Am Werktor nun rollt durch die mittleren Bögen noch der Lieferverkehr. Die Arbeiter werden durch die Nebenpforten geschleust, wo sie als Menschenschlangen vereinzelt und kontrollierbar werden. Gehuldigt wird dem Erbauer, d.h. dem Fabrikbesitzer, der sich gleichsam zum Kaiser der neuen Epoche aufschwingt.

Berichte: Das Werktor - Architektur der Grenze
© Uwe Drepper