Diskussion: Kostenbewusstsein als Entwurfsstrategie

Die fortwährende ökonomische Optimierung in der Architektur erlangte in der industriellen Revolution erstmals in größerem Umfang an Bedeutung. Die Architekten erklärten im Verlauf der Architekturgeschichte die finanzielle »Ausmergelung« ihrer Werke nur allzu oft zur neuen architektonischen Errungenschaft mit dem Ziel der kreativen Selbstmotivation. Gedacht sei dabei beispielsweise an Adolf Loos' proklamierte Verdammung des Ornaments, die er vorwiegend ökonomisch begründete, an Le Corbusiers zunächst schmerzhafte, dann zusehends begrüßte Einführung des »Béton brut« oder an Jean Nouvels Verzicht auf jegliche Oberflächenbehandlung im Wohnungsbau. Als aktuelleres Beispiel sei der Umbau des Palais de Tokyo in Paris von Lacaton Vassal genannt, die die Ästhetik des »nackten« Rohbaus inszenieren. Dank industrieller Baumethoden und der politischen Basis der Sozialdemokratie entstanden in der Moderne vermehrt eigens für Menschen am Existenzminimum entwickelte Wohnungen. Der daraus hervorgehende sozial geförderte Wohnungsbau wurde meist mit »kostengünstigem Bauen« gleichgesetzt. Öffentliche Gebäude gehörten in eine andere Kategorie: Bis in die 1990er-Jahre waren die Budgets für diese in Europa oft weniger stark dezimierend, sodass selbst neu entwickelte Konstruktionen und teurere Materialien eingesetzt werden konnten. Während unserer Arbeit als Architekten in den Niederlanden kristallisierte sich jedoch ein anderes Bild heraus. Nicht mehr nur der Sozialwohnungsbau, sondern auch lokale und regionale öffentliche Bauprojekte sowie auch Umbauten und Renovierungen sind in ihren Budgets derart knapp bemessen, dass auch diese Gebäude in die Kategorie »kostengünstiges Bauen« fallen müssen. Auf der Suche nach dem optimalen Preis-Leistungsverhältnis stehen die niedrigen Kosten stets im Vordergrund - meist zu Lasten der Dauerhaftigkeit. Architektur wird mehr und mehr zum Konsumprodukt mit schneller Abschreibung. Parallel dazu wird - nicht zufällig - der Ruf nach »Nachhaltigkeit« immer lauter: als Symptombekämpfung eines strukturellen Fehlers im System. Die Ursachen der Entwicklung sind komplex. Teilweise liegen sie in den steigenden Lohnkosten und der dezentralen Verteilung des Geldes, vor allem aber im Neoliberalismus und dem Schwinden der Rolle der öffentlichen Hand.

Diskussion: Kostenbewusstsein als Entwurfsstrategie
Informationszentrum des Rotterdamer Gerichts, 2008 © Ulrich Schwarz