Nicht von ungefähr wählte China für die Architektur seines Länderpavillons auf der Expo 2010 in Schanghai eine rote, 63 m hohe auskragende Balkenkonstruktion auf vier Stützen – ein Symbol für die Staatsstruktur und eine Abstraktion der 2000 Jahre alten Dougong-Holzbautechnik aus lose aufeinander liegenden Holzklammern (s. DETAIL 7/8 2010, S. 686ff.Die 56 Querbalken des Pavillons symbolisieren die Anzahl der in China lebenden Völker: die überwiegende Mehrheit der Han-Chinesen, die mit 92 % der Bevölkerung das Land kulturell dominieren und die 55 offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten. Eine dieser Minderheiten sind die Dong, deren Lebensraum in Südchina am Dreieck der Provinzen Guizhou, Hunan und Guangxi liegt (Abb.1).
Der Expo-Pavillon ist allerdings nicht aus Holz konstruiert, sondern aus Stahl. Er ist lediglich ein Bild, während das Wissen um den Holzbau in China nahezu verschwunden ist. Selbst viele im traditionellen Stil neu errichtete Tempel mit geschwungenen Ziegeldächern werden heute aus mit Blech ummantelten Stahlstützen errichtet, nur bei Restaurierungen wichtiger Gebäude kommen – oft mit Hilfe ausländischer Spezialisten – traditionelle Techniken zum Einsatz. Die Dong dagegen sind eine der letzten Volksgruppen, die den traditionellen Holzbau bis heute bewahrt hat. Die vorherrschende Verbindungsart ist bei ihnen aber nicht die lose aufeinanderliegende Dougong-Technik mit nach oben immer weiter auskragenden Holzklammern, sondern die Chuandou-Technik: fest verbundene biegesteife Verzapfungen sich durchdringender Stützen und Balken.
Vorfertigung – eine Erfindung Chinas? Die Holzarchitektur der Dong und Miao gehört in China zu den letzten Überbleibseln einer uralten Kultur. Gut erhaltene archäologische Funde der typischen Chuandou-Steckverbindungen gehen zurück bis in das 5. Jahrtausend v. Chr. Und die Grundlagen für die Normierung des gesamten Staatswesens werden in China im »Buch des Handwerkers«, dem so genannten »Kaogong«, bereits ab dem fünften vorchristlichen Jahrhundert zusammengetragen, also ca. 400 Jahre vor den zehn Büchern der »Baukunst« des Vitruv. Der erste Kaiser Qin Shi Huangdi hinterlässt 210 v. Chr. bei seinem Tod nicht nur die berühmte Terrakottaarmee mit genormten Waffen, sondern ein Staatssystem mit einheitlicher Schrift, vereinheitlichter Währung sowie standardisierten Maßeinheiten für Längen und Gewichte. 1103 erscheint das »Yingzao Fashi«, eine »Handlungsanweisung für architektonische Methoden oder staatliche Baurichtlinien«, 1408 wird es in die berühmte Enzyklopädie des Ming-Kaisers Yongle aufgenommen und zur Grundlage für den Bau seiner Verbotenen Stadt. 1734 folgen die »Quing-Architektur-Richtlinien« und 1782 schließlich lässt Kaiser Qianlong das gesamte Wissen Chinas inklusive der Baukunst im »Siku Quanshu«, den »Vier Schätzen des Kaisers«, in einem der größten Buchprojekte der Weltgeschichte von Hand niederschreiben.
Traditionelles Bauen – erst geschmäht, dann gefördert
Wie konnte all dieses Wissen um den vorgefertigten Holzbau verlorengehen? Seit Mitte des 19. Jahrhunderts führen die Kolonialmächte europäische Bauweisen ein, in der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 stellt Mao Publikationen zu jeglichen traditionellen Kulturleistungen unter Strafe. Das verschollene Holzbau-Standardwerk »Yingzao Fashi« des Architekten und Architekturhistorikers Liang Sicheng kann erst 1980 posthum in einer Neuauflage erscheinen. Bei dem gewinnbringenden Flächenabriss ganzer historischer Stadtviertel in den Metropolen ist zuviel Geschichtsbewusstsein nur hinderlich. So werden auch heute noch Kritiker der Kulturpolitik mundtot gemacht, wie das Beispiel des Künstlers Ai Weiwei zeigt. Die Verleihung des diesjährigen Pritzker-Preises an Wang Shu ist nicht zuletzt eine Anerkennung der internationalen Gemeinschaft für sein politisches und kulturelles Engagement zur Erhaltung historischer Bausubstanz in China. Seit einigen Jahren besinnt sich China auf seine Traditionen als Gegenmodell zur universellen Kultur des Westens, zeigt sich als liberaler Vielvölkerstaat. Es fördert die Kultur ethnischer Minderheiten für den Tourismus, unterschwellig dominiert jedoch die regierungskonforme Leitkultur der Han.
Land der Reisterrassen und Teeplantagen
Abgesehen von den verblassenden maoistischen Parolen an Mauern und Hauswänden und den in Ziegelfarbe gestrichenen Satellitenschüsseln scheint das Land der Dong in der Vergangenheit stehen geblieben zu sein. Weit schweift der Blick über die hügelige Landschaft, Hähne krähen, in der Ferne bellt ein Hund, in den Reisterrassen pflügen Wasserbüffel durch den Schlamm, Menschen mit Strohhüten balancieren schwere Lasten an den typischen Tragestäben über der Schulter und in der »Hauptstadt« Zhaoxing staubt der Boden, wenn die braunen Ponys trabend die Karren durch die Marktstraße ziehen. Spiegeln sich die Wolken in den endlos geschwungenen Wasserflächen, »kommen Himmel und Erde zusammen«, sagt man. Das Frühjahr 2010 ist allerdings viel zu trocken für die Jahreszeit, mit den Wolkenbrüchen folgen die üblichen Erdrutsche, die ganze Landstriche von der Außenwelt abschneiden. Das Dong-Dorf Linhu, malerisch inmitten von Reisterrassen gelegen, wird durch eine Feuersbrunst in einer einzigen Nacht zu zwei Dritteln in Schutt und Asche gelegt. 300 der in traditioneller Holzsklettbauweise errichteten Häuser sind bis auf die Fundamente abgebrannt, 2000 Menschen obdachlos. Meist verlaufen Brände glimpflicher, aber in fast jedem Dorf sind Brandschneisen auszumachen. Die Zerstörung gehört genauso zum Alltag wie das Wiedererrichten der Holzkonstruktionen; so bleibt das Wissen um den Holzbau auf tragische Art lebendig.
Architektur ohne Architekten
Über den Entwurf für den Wiederaufbau gibt es nur wenige Diskussionen. Material, Konstruktion und gestalterische Ausdrucksmittel sind genauso wie die konstruktiven Details seit Jahrhunderten unverändert. Die Dong haben ihre typische Holzarchitektur, die weltweit einzigartig ist, bewahrt und weiterentwickelt. Am Baustil der Häuser kann man ihre Dörfer von den Dörfern der Miao, mit denen sie dasselbe Gebiet teilen, unterscheiden. Nicht nur die Wohnhäuser, auch sämtliche öffentlichen Gebäude sind aus den gleichen Grundmodulen erstellt. Standardisierte Details, beste Materialkenntnis und ein hohes Maß an Vorfertigung sorgen für einen effizienten Bauprozess und dennoch für eine Vielfalt an Typologien. Sämtliche Bauaufgaben lösen die Dong mit den gleichen standardisierten Steckverbindungen ohne Nagel und Schraube und ohne diagonale Windverbände: überdachte Tore am Dorfeingang, Pavillons als Witterungsschutz mit Sitzgelegenheiten, Schreine und Altäre, kleine überdachte Theaterbühnen. Spektakuläre Markenzeichen der Region sind jedoch die pagodenartigen »Trommeltürme« und die überdachten »Wind- und Regenbrücken« mit pagodenartigen Pavillons über den Pfeilern (Abb. 5).
Markierungsstäbchen statt Detailpläne
Die für ihren geraden Wuchs geschätzte chinesische Tanne wird im benachbarten Wald geschlagen, in einem der zahlreichen Flüsse zum Bauplatz geflößt und verarbeitet. Der geringe Harzgehalt verhindert Insektenbefall, das Holz ist hart und dennoch gut zu bearbeiten, die Rinde wird zur Dachdeckung einfacher Schuppen verwendet.
Mit der Handsäge längen die Arbeiter die Hölzer ab, mit Stechbeitel und Schlegel stemmen sie an den biegesteifen Verbindungsknoten die Öffnungen aus den Rundstämmen. Lediglich die Dachlatten sind neuerdings auf Pfetten aus Rundhölzern genagelt. Doch wie gelingt es, die senkrecht eingesteckten Balkenköpfe millimetergenau einzupassen? Anstelle von Detailplänen wird die Breite und Tiefe jeder einzelnen Öffnung an einen Bambusscheit als Schablone angezeichnet (Abb. 6, 7). Nach dieser Schablone wird wiederum der Einsteckling geschnitzt. Die Bambusbündel sind handlicher als Papierpläne und in dem feuchtwarmen Klima völlig witterungsunempfindlich. Auf dem Richtplatz stecken die Arbeiter Stützen und Balken zu skelettartigen »Wandscheiben« zusammen und stellen sie ab, bis sie vor Ort versetzt werden. Als Fundament genügt eine Steinplatte, auf der die Stützen lose aufgestellt sind.
»Trommeltürme«
Gesellschaftliches Zentrum und repräsentatives Bauwerk des Dorfs bilden die Trommeltürme, die weithin sichtbar über die dunklen Dächer der Wohnhäuser emporragen. Von seinen Galerien ruft die Dorftrommel zu Versammlungen; in der Sprache der Dong heißen sie deshalb »Versammlungshäuser«. Im Inneren ragt der Raum durchgehend vom Boden bis zur Spitze, hier entzünden die Familienmitglieder bei Veranstaltungen ein großes Herdfeuer für die Festgemeinde. Bei öffentlichen Anlässen wie den beliebten Kanongesängen sammelt sich der Clan im und um den Turm. Ansonsten spielen die Kinder, sitzen die Alten unter dem schützenden Dach (Abb. 12). Wegen Blitzschlag und aus Unachtsamkeit sind oft die Trommeltürme Ausgangspunkt der häufigen Brände. In Form, Dimension und aufgemalter Dekoration variieren diese vertikalen Räume beträchtlich. Der Grundriss kann quadratisch, sechs- oder achteckig sein, die Turmspitze ist ein schlichtes Dach oder von einem oder zwei abgesetzten »Pavillons« akzentuiert. Kleine einfache Türme wie der Mapang-Turm bei Sanjiang mit neun geschwungenen Traufen gleichen eher Hallen und ragen nur knapp über die Wohnhäuser. Ursprünglich stammt er aus der Quing-Dynastie und wurde nach Bränden zuletzt 1943 erneuert. In traditionellen Dörfern wie in Zhaoxing hat jeder Clan seinen eigenen Trommelturm, insgesamt gibt es dort fünf. Über 500 Trommeltürme, so schätzt man, sind über alle Dörfer der Dong verteilt. Auch wenn sie morphologisch mit ihren übereinandergestapelten Dachrändern an Pagoden erinnern, haben ihre Funktion, Bedeutung und städtebauliche Lage nichts mit den turmartigen buddhistischen Reliquienschreinen zu tun. Die animistischen Dong verehren Naturgottheiten, heilige Bäume, vor allem die Göttin Sa Sui, der sie an einem Altar neben dem Trommelturm opfern. Zunehmend entstehen auch inmitten der modernen Stadtzentren freistehende Trommeltürme, jedoch entkoppelt vom sozialen Kontext eines Clans oder einer Dorfgemeinschaft: Auch diese Neugründungen sind traditionell gezimmert und bieten spektakuläre vertikale Innenräume, die über Leitern und umlaufende schmale Galerien bis zur Spitze begehbar sind. Der 42 m hohe Sanjiang-Turm mit 27 Geschossen bedeckt eine Grundfläche von 600 m2 und wurde 2002 zum 50. Stadtjubiläum als Anziehungspunkt eines Vergnügungsparks fertiggestellt. Die dickste der vier Hauptsäulen stammt von einer 208 Jahre alten Tanne, ist 27 m hoch bei einem Durchmesser von 85 cm (Abb.13).






