Bericht: »The Broad« in Los Angeles - Streamlinefassaden für die entschleunigte Stadt

 - Frank Kaltenbach

Mit seiner plastisch perforierten Gebäudehülle scheint The Broad wie zwischen die Zeiten gefallen. Das computergeformte Strickkleid, dessen Maschen exakt auf die Vermeidung direkten Lichteinfalls optimiert sind, wirkt wie über ein sperriges Einkaufszentrum aus den 1960er-Jahren geworfen, anstatt sich ganz im Stil aktueller digitaler Architektur über die lasziven Kurven einer Hollywood-Diva zu schwingen. Mehr noch: Während sich das benachbarte Konzerthaus von Frank Gehry wie ein exzentrischer Filmstar gebärdet und damit den dekonstruktivistischen Zeitgeist der 1990er-Jahre auf den Punkt bringt, konterkariert die stromlinienförmige Fassade von The Broad die urbane Entwicklung, für die das Projekt eigentlich stehen sollte: die Umwandlung der Grand Avenue von einer rein dem Automobil vorbehaltenen Magistrale zu einer entschleunigten lebenswerten Flaniermeile mit Aufenthaltsqualität - den Champs Élysées von Los Angeles.

Bericht: »The Broad« in Los Angeles - Streamlinefassaden für die entschleunigte Stadt
© Hufton+Crow

Homebase für die »Freihandbibliothek bildender Kunst«

Mitinitiator dieses ambitionierten Städtebauprojekts ist Kunst- und Kulturmäzen Eli Broad, der nach eigenen Angaben 1996 die Anschubfinanzierung zu Gehrys Walt Disney Concert Hall leistete, 2008 Arata Isozakis Museum of Contemporary Art MOCA aus den 1980er-Jahren mit einer millionenschweren Spende am Leben erhielt und durch finanzielle Unterstützung wesentlich zur Fertigstellung von Renzo Pianos Erweiterungsbau des Los Angeles County Museums LACMA beitrug. Die Kunstsammlungen und Stiftungen von Eli und Edythe Broad werden auf einen Wert von 2,6 Mrd. US-Dollar geschätzt. Seit den 1980er-Jahren verleiht die Foundation ihre 2000 hochkarätigen Werke an Museen in aller Welt. Mit The Broad hat diese »Freihandbibliothek bildender Kunst« nun ein eigenes Zuhause an Los Angeles prominentester Adresse bekommen.

Schleier und Höhle

Der Charakter der Stiftung spiegelt sich im Raumprogramm wider. Nicht nur Ausstellungsräume sollten geschaffen werden, sondern auch ausreichend Platz für das umfangreiche Depot, in dem über 80 Prozent der Bilder und Plastiken lagern. Diller Scofidio + Renfro sperren diesen Bereich nicht im Untergeschoss weg, sondern machen ihn visuell für den Besucher erlebbar, indem sie das Archiv als geschlossene Box zwischen den Ausstellungsflächen im Erdgeschoss und im zweiten Obergeschoss anordnen. Architektonisch interpretieren sie die Dialektik zwischen Ausstellung und Archiv als »Veil and Vault« und meinen damit einen Schleier, der über einer gewölbeartigen Höhle zu schweben scheint. Tatsächlich sieht sich der Passant, der von der Grand Avenue durch eine der hochgezogenen Ecken der Hülle das Foyer betritt, einer amorph gerundeten Raumskulptur gegenüber. Wie die Zunge eines Insekts saugt die Rolltreppe den Besucher durch den schlundartigen Tunnel zwei Geschosse nach oben direkt in den stützenfreien 57 ≈ 57 m großen Ausstellungsraum. Der Fassadenschleier scheint sich über das Dach zu legen und taucht die Ausstellungsfläche in helles blendfreies Tageslicht. Wie die Gunst des Schicksals scheint es, dass hier in Downtown LA im Gegensatz zu Hollywood das Straßenraster um fast 45 Grad gegen die Kardinalrichtungen verdreht ist. So bilden die diagonalen Nordsheds in Überlagerung mit den Parallelen zu den Wänden 318 rautenartige Oberlichter mit der doppelten Breite der rautenförmigen Fassadenelemente. Von innen erlebbar wird dies allerdings nur zur Schauseite der Grand Avenue, die drei übrigen Wandflächen sind geschlossen. Für den Rückweg steht ein Aufzugsstempel bereit. Es lohnt jedoch, für den Abstieg die Treppe zu wählen, da von hier im ersten Obergeschoss Einblicke ins Depot möglich sind sowie Ausblicke auf die Grand Avenue durch das Fenster der in den Konferenzraum gebeulten Hülle.

Dekorierter Schuppen?

Die Renderings hatten eine Hülle aus tragendem faserverstärktem Beton suggeriert. Realisiert wurde sie nach langer Verzögerung schließlich als Stahlgitter mit Ummantelung aus Faserbetonelementen – bei laufenden Kontroversen zwischen ausführender Firma und Bauherr wegen der technischen Machbarkeit, Kosten- und Terminüberschreitungen. Auch die gewölbten Oberflächen des »Vault« sind nicht aus tragendem Sichtbeton, sondern vom orthogonalen Rohbau abgehängte Raumschalen. Genau genommen machen diese Konzessionen an die Praxis das ambitionierte Projekt der intellektuellen East Coast-Architekten wieder sympatisch. In Sichtweite zur Traumfabrik Hollywood dürfen Fassaden Kulissen sein, wird die Straße zur Bühne. Los Angeles ist nicht Boston, die Grand Avenue nicht die 5th Avenue in New York. Interpretiert man man das Projekt als leichtfüßigen West Coast Digitalism, der genauso an Robert Venturis Bild vom »decorated shed« aus seinem Buch »Learning from Las Vegas« erinnert wie an die hochgestülpte Eingangsecke der Juilliard School von Diller Scofidio + Renfro in Manhattan, kann man dem Bau eine gewisse Kontextualität zubilligen. Die breite Bevölkerung jedenfalls ist begeistert, nicht nur wegen des freien Eintritts. »Mainstreet is almost alright« schrieb einst Venturi. Die Grand Avenue ist bereits viel mehr: Sie ist auf dem Weg ein urbaner Raum zu werden. Kurz nach der Eröffnung von The Broad hat an seiner Westecke eines der angesagtesten Restaurants der Stadt aufgemacht. Einige Gäste kommen sogar zu Fuß.


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