»Bauen im Bestand« unterscheidet sich von »Bauen mit Bestand« deutlicher als es der Austausch einer Präposition vermuten lässt. Bauen im Bestand beschreibt eine Haltung des Nebeneinanders: hier der Bestand, dort der Neubau. Beide Teile stehen selbstreferenziell nebeneinander und kommunizieren nicht. Sie stehen jeder für sich in einer eigenen Welt, einer eigenen Epoche: dort die Gründerzeit, hier das 21. Jahrhundert. Die gründerzeitliche Entwurfsidee bleibt gründerzeitlich und erhält einen heutigen Nachbarn. Der in diesem Entwurfskonzept enthaltene vermeintliche Respekt vor dem Schaffenden des Vorhandenen könnte aber auch ein Desinteresse sein. Das Vorhandene auf den Sockel des Unantastbaren, des Musealen zu heben ist gar das Ergebnis von Kritiklosigkeit. »Bauen gegen Bestand« wäre die konkurrierende Haltung, welche den Bestand als grundlegend überholt, als Zeugnis einer zu überwindenden architektonischen Verirrung, ansieht. Die Moderne macht sich diese Haltung zueigen. Doch es entstehen auch in ihrer »Wut« verständliche Entwürfe wie von Günter Domenig, der seine Architektur zielgerichtet gegen die Speersche Dumpfheit einsetzt (Abb. 1). Bauen mit Bestand steht für ein kritisches Miteinander der Entwurfshaltungen. Es will eine Einheit schaffen zwischen dem Vorhandenen und dem Neuen. Im besten Falle verschmilzt das Beste des Bestands mit dem Besten des Neuen. Bauen mit Bestand übersetzt eine bis ins 19. Jahrhundert übliche Technik des Bauens in eine Planungstechnik. Vor dem Einsatz schwerer Maschinen haben Architekten, Bauherren und Handwerker immer versucht, Materialien aus dem Vorhandenen zu nutzen: Man könnte dies als »Direkt-Recycling« bezeichnen. Zum Beispiel wenn der Neubau eines Wohnhauses so geplant ist, dass eine Außenwand der an dieser Stelle ursprünglich stehenden alten Scheune genutzt und inte-griert wird. Dies sparte Mühen und Material, also Zeit und Kosten, jedoch nur unter der Bedingung, dass der Architekt bereit war, seine Neubauplanung an solche Relikte anzupassen. Diese Planungstechnik verschwand einerseits mit den neuen Möglichkeiten der Abbruchtechniken, andererseits aber auch mit den Anforderungen aus Normen und Rechtssprechungen zu Haftungsfragen. Direkt-Recycling war aber nicht nur ökonomisch und ökologisch sinnvoll, sondern konnte auch als Entwurfsmethode dienen. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Weiternutzung einer DDR-Typenschule zu einem Neubau durch zanderroth architekten aus Berlin. Hier wurden zwei Planungsalternativen verworfen: der Komplettabbruch mit sicherlich gewinnmaximierender Neuplanung sowie das Herausstellen der Plattenbauweise als Ostalgie-Museum. Zwei Alternativen, zwischen denen der Umgang mit Plattenbau zu pendeln scheint. Der Abbruch beseitigt einen meist gut funktionierenden Rohbau, das Herausarbeiten des Plattenbaus erhebt eine Bauweise in den Stand eines Entwurfskonzepts. Das pragmatische Verwenden des Rohbaus ist ein Beispiel für Bauen mit Bestand (Abb. 5, 6). Dazu gehört aber auch die Beschäftigung mit diesem und hierbei insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit dessen Entwurfskonzept. Statt der Begriffe Sanierung oder Umbau gibt es den des »Weiterbauens«.
