Bericht: Rheinauhafen Köln - Wolkenbügel und steinerne Sonnendecks

Es bewegt sich etwas in Köln, die 2000-jährige Stadt am Rhein erfindet sich noch einmal neu - und zwar auf dem Feld des Städtebaus. Zwar sind es bisher nur einige Pläne und bunte Bilder, die das Büro Albert Speer & Partner (ASP) den Kölner Bürgern und Politikern präsentierte; doch der Elan, mit dem man in der Domstadt nun auf Umsetzung der von Bürgern, Experten und Stadtplanern zusammengetragenen Ideen drängt, ist eindrucksvoll. Ungewöhnlich war schon die private - und privat finanzierte - Initiative, angestoßen vom Unternehmer Paul Bauwens-Adenauer, die das Planwerk ermöglichte.

Bericht: Rheinauhafen Köln - Wolkenbügel  und steinerne Sonnendecks
© Frank Peter Jäger

Mehr als die Hälfte der Masterplanempfehlungen thematisieren die Beziehung zwischen Stadt und Rhein. Vielleicht ist es kein Zufall, dass in diesem Jahr mit dem Entwicklungsgebiet Rheinauhafen das derzeit wichtigste innerstädtische Stadtumbauprojekt seinen Abschluss findet. Und zugleich greift es der Reurbanisierung der Rheinufer vor, die Speers Planern besonders am Herzen lag. Nicht nur darin scheint der Rheinauhafen ein Vorgriff auf den Masterplan. Dieser will neben einer Öffnung der Stadt zum Fluss mehr städtebauliche Großzügigkeit, »bessere Lesbarkeit« historischer wie neuer Stadträume und ihre stärkere Vernetzung. 

Die lange Zeitspanne zwischen Ideenwettbewerb (1992) und Verwirklichung, die Aufteilung in mehrere Bauetappen, schließlich die Vielzahl beteiligter Investoren und Architekten haben der Unternehmung Rheinauhafen sichtlich gut getan. Elementarer Baustein dieser Qualität ist die im Einsatz formaler Mittel reduzierte Freiraumarchitektur der Düsseldorfer Landschaftsarchitekten Fenner Steinhauer Weisser (FSWLA). Effektvoll inszenierten sie den Kontrast zwischen dem dicht bebauten »Hafenboulevard«, der den Hafen durchzieht, und der entgrenzten Weite der Flussaue. Das dabei hergestellte Passepartout von Außenräumen ist so robust und universell, dass der Gesamteindruck des Ensembles durch manch architektonisch schwächeres Gebäude nicht wirklich getrübt wird. 

Nähert man sich heute über eine der Rheinbrücken dem Kölner Zentrum, erkennt man schon von Weitem Hadi Teheranis »Kranhäuser« (Abb. 2), monumentale Winkelformen aus Glas und Stahl, die scheinbar bis über den Strom ragen. Zwei sind vollendet, das dritte, nördliche, wächst gerade in die Höhe. 

Es kommt dem neuen Stadtteil zugute, dass relativ viele der alten Speicher und Kontore umgenutzt wurden und sich jetzt wieder finden in einem eng vernähten Nebeneinander mit zeitgenössischen Bauten. Freilich gingen den Altbauumnutzungen in vielen Fällen Totalentkernungen voraus. Ein komplexes Thema, denn häufig war eine Entkernung notwendige Voraussetzung für die Weiternutzung der Gebäude. Zudem ließen sich die bis zu 25 m tiefen Speicher ohne Vergrößerung der Fenster kaum anderweitig nutzen. Das blieb nicht ohne Konsequenzen für die Revitalisierungskonzepte. Zwei Projekte des Kölner Büros Kister Scheithauer Gross zeigen, dass hier Licht und Schatten dicht beieinander liegen: Das Danziger Lagerhaus, in Köln besser bekannt als »Siebengebirge«, hat im Zuge der Umwandlung zur Wohnimmobilie sein einstiges Charisma weitgehend eingebüßt. Anders liegen die Dinge beim benachbarten Silo 23, einem alten Getreidespeicher (Abb. 3, links im Bild). Das von einem pagodenartigen Dachhelm beschirmte Gebäude war schon zum Abriss freigegeben, als eine Investorengruppe gemeinsam mit den Architekten prüfte, ob es nicht doch eine Nutzungsperspektive gibt. Kister Scheithauer Gross machten sich um den frühen Stahlbetonbau verdient, indem sie den 28 Meter hohen Silotrichter mit großem Aufwand entfernten und an seiner Stelle Bürogeschosse einzogen. Die zuvor fensterlosen Außenwände versahen sie mit einem symmetrischen Fensterraster: Ein Feld quadratischer, als plastische Betonrahmen auf die Fassade gesetzter Öffnungen formiert sich zur neuen, ausdrucksvollen Fassade aus modernen »Bow-Windows«. Ähnlich offensiv suchten und fanden die Architekten des Kölner Büros JSWD (Jaspert Steffens Watrin Drehsen) bei der weiter nördlich gelegenen Halle 11 den Weg zu einer schlüssigen Synthese aus Alt und Neu. Die Frage einer adäquaten Nutzung und die Belichtungsproblematik prägten auch bei diesem 1898 als Zollhalle errichteten Gebäude das schließlich verwirklichte Konzept. Die Halle 11 wurde für ihre neue Bestimmung ebenfalls entkernt. Auf neuen Etagen entstanden 68 Wohnungen und 3700 Quadratmeter Büroflächen. Wenngleich die Eingriffe am Speicher 11 grundlegend waren, gab es mit der zuständigen Denkmalbehörde eine Abstimmung zu einer Vielzahl einzelner Punkte. »In der Planung war die Zusammenarbeit mit den Denkmalpflegern ein stetes Geben und Nehmen«, sagt Maic Ausschrat, der Projektleiter des Büros JSWD. Zwar entfernte man vier von sechs Geschossdecken. Wo irgend möglich, restaurierte und reparierte man die Substanz mit großer Akribie, insbesondere an den Treppenhäusern und in der opulenten Gewölbehalle des Erdgeschosses, die fast vollständig erhalten werden konnte. Kreuzrippengewölbe aus säuberlich gemauerten gelben und roten Ziegeln überspannen die fast 2000 Quadratmeter große Halle. Diese Kulisse wird künftig für Läden und Showrooms genutzt. An der Außenseite zeigt sich die Fassade aus Lavabasalt und Tuffstein aufgefrischt, aber nicht totsaniert. Mit der Denkmalbehörde verständigte man sich darauf, den Status Quo der Halle an drei Seiten zu erhalten und dabei auf übermäßige Fassadenkosmetik zu verzichten. An der Stadtseite des Speichers fügte man zur besseren Belichtung unmittelbar neben den bestehenden, basaltgefassten Fenstern neue, direkt aus dem Mauerwerk ausgesparte Öffnungen ein (Abb. 4). Die Zinnen an der Dachkante kehrten in abstrahierter Form zurück, was erheblich zum Gelingen der bei der Halle 11 erprobten Collage aus Alt und Neu beiträgt. Dagegen tritt an der Rheinseite eine moderne Fassade mit ihren von Metallpfosten gerahmten Loggien als neuer, in sich monolithischer Körper aus der Schale des alten Gebäudes heraus. Neben der Halle 11 wächst das dritte, dem Wohnen vorbehaltene Kranhaus aus dem Boden. Gerade fertig geworden ist das südliche Kranhaus im Zentrum des Hafengeländes. Seine konstruktiven Daten können sich sehen lassen: Die so genannte MegaStütze, auf der das auskragende Brückengeschoss ruht, trägt 15000 Tonnen Last. In den Fundamenten stecken 400 Tonnen, in der Basis des Brückengeschosses alleine 780 Tonnen Bewehrungsstahl. Hier hatten die Betonbauer Mühe, vor lauter Bewehrungen noch genug Hohlräume für ihren Beton zu finden. Ursprünglich sollten die auskragenden Brückengeschosse der gläsernen Winkel schlanker ausfallen und bis auf den Fluss hinausragen. Hadi Teherani wollte die Megastütze direkt in den Rhein gründen – was an den Vorschriften der Bundeswasserstraßen scheiterte. Über die Kranhäuser wurde lebhaft diskutiert, jedoch stand ihre Verwirklichung offenbar nie ernsthaft in Frage. Die Stadt Köln knüpfte ihren planerischen Segen lediglich an die Bedingung, dass sich, der räumlichen Wirkung wegen, für alle drei Türme Investoren finden. »Andernfalls bestand politischer Konsens, dass kein Kranhaus gebaut wird«, sagt Anne Luise Müller, die das Stadtplanungsamt leitet. Die drei Kranhäuser stehen als »städtebauliche Dominanten« sicher an der richtigen Stelle. Hadi Teherani hat für die Verwirklichung dieses Entwurfs viele Jahre gekämpft und sah den Widerstand dagegen als Ausdruck rückwärtsgewandten Denkens. Er versteht seine Landmarken als ortsbezogene Adaption und Variation von El Lissitzkys Entwurf eines Wolkenbügel-Hochhauses. Ob man in den Glastürmen den russischen Konstruktivisten erkennt oder nicht – in Köln präsentiert sich dem über die Brücken rollenden Verkehr und den Schiffspassagieren ein strenger Dreiklang aus gerasterten, monolithischen Quadern. Da sich Teherani und sein Team so entschieden auf das Motiv des kühn und weit gespannten festlegten, hätte man den Proportionen und der Erscheinung der »Kräne« als Ganzem mehr Eleganz und Raffinement gewünscht.


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