Magazin: Leben entwerfen: Zur Resonanz des Bauhaus

 - Philip Ursprung

Bauhaus 100 - Diskontinuitäten und Widersprüchlichkeiten halten das Bauhaus bis heute lebendig. Philip Ursprung sieht sein Erbe in einem Lebensentwurf, der sich auf die Gemeinschaft konzentriert und Kreativität sowie Spaß im Alltag miteinschließt.

Magazin: Leben entwerfen: Zur Resonanz des Bauhaus
Wenn Leben und Kunst zu einer Einheit werden: Blechbläser der Bauhauskapelle, fotografiert von Theodore Lux Feininger, Dessau 1929. The Bauhaus Jazz Band, 1929 © 2019. Digital image, MoMA, New York/Scala, Florence / Estate of T.Lux

Im Herbst 2014 besuchte ich mit meinen Studierenden die Russische Kunstakademie in Sankt Petersburg. Der Dekan der Architekturfakultät führte uns mit einer Mischung aus Stolz und Herablassung durch das Haus. Wir verloren uns in endlosen, düsteren Korridoren. In hohen Sälen sahen wir greise Professoren, welche die Studierenden instruierten, Gipsbüsten zu kopieren. Schwarzweiß zeichnen, dann mit Farbe malen, und schließlich Grundrisse und Aufrisse schaffen, so lautet das Beaux-Arts-Curriculum, unverändert seit der Zarenzeit. Die Mitte des 18. Jahrhunderts gegründete Institution habe schon viele unterschiedliche Regimes überlebt und Generationen von Genies hervorgebracht, erklärte der Dekan. Die Entwürfe, die uns präsentiert wurden, waren allerdings trivial: Stereotype Shopping-Malls, monotone Wohntürme, konfuse Interieurs. Die Schule mochte zu den ältesten der Welt gehören, aber schöpferisch war sie nicht mehr

Ewige Jugend

Was wäre, wenn das Bauhaus 1933 nicht aufgelöst worden, sondern sich wie die meisten Hochschulen in Deutschland mit dem nationalsozialistischen Regime arrangiert und bis heute existieren würde? Hätte es sich durch die Anpassungen an den politischen Druck erschöpft, wie die Petersburger Akademie? Wäre es zum Mittelmaß herabgesunken, gelähmt vom eigenen Erbe, ähnlich wie die vom Bauhäusler Ludwig Mies van der Rohe gebaute Architekturschule des Illinois Institute of Technology in Chicago oder die von Alvaro Siza Vieira gebaute Architekturfakultät der Universität Porto? Oder wäre es im Gegenteil die heute weltweit führende Hochschule für visuelle Kultur, ein Magnet für Talente und der Ort, wo die Synthese von Kunst, Architektur und Hochtechnologie gelingt?

Die Langlebigkeit des Bauhaus hängt paradoxerweise mit seiner kurzen Lebensdauer zusammen. Gerade sein frühes Ende nach nur 14 Jahren hat ihm eine ewige Jugend beschert. Wir können uns das Bauhaus gar nicht anders vorstellen denn als unversiegbaren Quell der Erneuerung und des Experiments. Nicht die Kontinuität, sondern die Diskontinuität und innere Widersprüchlichkeit verleihen ihm bis heute Vitalität. Im Unterschied zu anderen, ebenfalls kurzlebigen Schulen wie die Höheren Künstlerischtechnischen Werkstätten Moskau Wchutemas (1920 –1930), das Black Mountain College in North Carolina (1933 –1957) und die Hochschule für Gestaltung Ulm (1953 –1968) ist das Bauhaus von divergierenden Haltungen geprägt. Zum Bild, das man sich von ihm macht, gehört der Zwist zwischen den Meistern, zwischen politischen und ästhetischen Haltungen, zwischen Industrie und Handwerk, Moderne und Tradition. Wie ein facettenreicher Kristall spiegelt es die Wünsche und Ängste wider. Jeder kann sich sein eignes Bild machen, denn „die“ Bauhaus-Schule gibt es gar nicht.

Geliebt und verhasst

Tatsächlich hat sich die Rezeption des Bauhaus im Lauf der Zeit geändert. In der Nachkriegszeit bot es diversen Nachfolgeinstitutionen dies- und jenseits des Atlantiks Orientierung. In den 1970er- und 80er-Jahren wurde es als Ursprung der Monotonie des International Style dämonisiert. Tom Wolfe sah darin die Wurzel einer entfremdeten gebauten Umgebung. Und Gordon Matta-Clark meinte ironisch, dass die Deutsche Design-Maschine die USA und die Welt erobert hat, um am Ende als Berliner Mauer wieder nach Deutschland zurückzukehren. Seit den 1990er-Jahren ist der Stern des Bauhaus wieder am Steigen. Die Gebäude wurden restauriert. Als die nach dem Krieg in der DDR eröffnete Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar 1995 entschied, sich Bauhaus- Universität Weimar zu nennen, wurde sie über Nacht für Studierende aus der ganzen Welt zum Anziehungspunkt. Längst reißt der Designmarkt sich um die Klassiker. Und auch Politik und Tourismusindustrie haben erkannt, dass sich der Name verwerten lässt.

Obwohl das Bauhaus keine eigentliche Architekturausbildung anbot, ist es aus der Perspektive einer Architekturschule wie derjenigen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, wo ich tätig bin, durchaus aktuell. Nicht wegen des runden Geburtstags, und auch nicht wegen eines spezifischen Formenvokabulars oder Stils (obwohl die Ab straktion als zentraler Wert auch an der ETH in  vielen Studios  noch immer hochgehalten wird). Bis heute hält das Bauhaus einen Spiegel vor, in dem sich das eigene Tun kritisch reflektieren lässt. Während im Bauhaus Handwerker willkommen waren, sind sie an der ETH nur über Umwege zugelassen. „Praxis“ heißt heute, in einem Architekturbüro am Bildschirm sitzen. Welche Bereicherung für das Entwerfen und Denken wäre es, wenn die Studierenden daneben auch weben, schreinern oder schweißen lernten! Die Bildende Kunst, am Bauhaus der rote Faden des Studiums, ist an der ETH im ersten Jahreskurs konzentriert und damit vom weiteren Verlauf des Studiums abgetrennt. Theater, Tanz, Kunsthandwerk kommen nicht vor. Die im Lauf der Geschichte der visuellen Kultur so wichtige Auseinandersetzung zwischen den künstlerischen Gattungen bleibt somit eine Ausnahme. 

In der Didaktik hingegen ist das Bauhaus präsent. Der legendäre Vorkurs lebt im sogenannten Ersten Jahreskurs weiter, wo Konstruktion, Entwurf, Kunst, Technologie und Geschichte gelehrt wird. Und das eigentliche Herz der Lehre, der Unterricht im Entwurfsstudio, erinnert in mancher Hinsicht an die Werkstattidee des Bauhaus, die Präsenz unterschiedlicher Meister. So wie im Bauhaus, im Un ter schied zur Ausbildung an den Akademien, nicht ein einzelner Professor im Vordergrund stand, sondern eine Vielfalt von Meistern, so wechseln an der ETH die Studierenden in jedem Semester das Studio. Dort verfolgen sie als Gruppe zusammen mit ihren Lehrern eine gemeinsame Aufgabe. Handwerk,  Technik, Imagination, Reflexion lassen sich in den  Studios nicht voneinander trennen. Das Kollektiv steht höher als die Autorität der einzelnen Lehrerfigur.

Das Leben entwerfen

Resonanz hat das Bauhaus für mich weniger durch seine Produkte als wegen der Art, das Leben zu entwerfen. Dies ist nicht zu verwechseln mit einem Lifestyle, der die damalige Atmosphäre mittels Konsumobjekten rekonstruiert. Die Fotos des Teenagers Theodore Lux Feininger sind für diese Lebensgestaltung emblematisch, mehr als die formalistischen Studien von László Moholy-Nagy und Lucia Moholy, Marianne Brandt, Josef Albers, Herbert Bayer und Lyonel Feininger. Sie fokussieren nicht auf das ikonische Gebäude in Dessau, sondern zeigen, aus der Perspektive des Studenten, die Kommilitonen bei der Arbeit und im Alltagsleben, beim Fußballspiel, beim Musizieren, beim Sonnenbaden. Sie zeugen von den Freuden der akademischen Gemeinschaft, vom Genuss zu lernen. Zugleich zeugen sie davon, dass die Studenten jeden Moment festhalten und keine Kreativität vergeuden. Die Gemeinschaft scheint den Druck zur ständigen Performance, der die immaterielle Arbeit und die „Kreativindustrie“ ab Ende des 20. Jahrhunderts prägen sollten, schon zu ahnen. Das Leben als solches, erzählen uns die Bilder, wird zum Gegenstand der Kunst – ein Rohstoff, der bereit ist gestaltet, aber auch vermarktet und konsumiert zu werden. Mehr als von den Meistern können wir von den Studierenden des Bauhaus lernen.


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