Sie sind Architekt, betreiben aber auch eine Unternehmensberatung und waren bis vor Kurzem an mehreren Firmen beteiligt, die Bauprodukte herstellen. Wie kam es dazu?
Als Architekt weiß ich, dass Bauherren bei allem, was nachhaltig ist, die Kostenfrage stellen. Und ich habe gesehen, wie wenig sich die etablierten Hersteller für das Recycling von Baumaterialien interessierten. Ich begriff also, dass ich mich darum selbst kümmern musste. Heute beraten wir Unternehmen und Kommunen, die herausfinden wollen, welche Materialien in ihrem Gebäudebestand verbaut sind. Daraus entwickeln sich oft Projekte für mein Architekturbüro – und daraus wiederum eine Nachfrage nach recycelten Bauprodukten. Um den Bedarf zu befriedigen, habe ich lange Zeit eine Entwicklungs- und Produktionsfirma für Recyclingprodukte betrieben, die ich vor Kurzem an Investoren verkauft habe. Aus meiner Sicht ist das ein Meilenstein für das Geschäftsmodell, das wir entwickelt haben.
Kein alltägliches Geschäftsmodell für einen Architekten.
In meinem Fall war es notwendig. Und ich denke, als Architekten können wir es uns auf Dauer nicht leisten, immer nur großartige Entwürfe zu entwickeln und andere das finanzielle Risiko dafür tragen zu lassen.
Mit welchen Kunden arbeiten Sie vorwiegend zusammen? Privaten, öffentlichen, kommerziellen?
Mit allen. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders: Wenn Sie damals mit Vertretern der großen dänischen Pensionsfonds sprachen, hörten die sich gern Ihre Ideen an – und sobald Sie gegangen waren, haben sie die Sache abgehakt. Heute arbeiten wir mit den konservativsten Investoren zusammen, die Sie sich vorstellen können – und sie sehen, dass sie Geld verdienen können mit kreislauffähigem Bauen. Es müsste aber noch schneller gehen. Die Verbraucher sind oft viel weiter als die Industrie: Sie wollen nachhaltig leben. Die Nachfrage nach ökologischen Lösungen ist so groß, dass die Baubranche gar nicht mit der Lieferung hinterherkommt.
Sie beraten auch Kommunen und Unternehmen, die wissen wollen, welche Materialien in ihrem Gebäudebestand verbaut sind. Mit welchem Ziel?
Wenn diese Unternehmen bisher ein Gebäude abreißen und das Grundstück neu bebauen wollten, haben sie dem Abbruchunternehmer einen Pauschalpreis bezahlt. Mit unserer Methode können sie jetzt genau herausfinden, wieviel Beton, Glas und Stahl in einem Gebäude stecken, was diese Materialien wert sind und wie sie sich recyceln oder wiederverwenden lassen. Daraus ergibt sich eine viel bessere Verhandlungsbasis bei den Abbruchkosten. Außerdem zeigen wir ihnen, wieviel Geld sie sparen können, wenn sie diese Materialien im Neubau wiederverwenden. Hier wird es für viele Investoren richtig interessant.
Baumaterialien in Bestandsgebäuden sind oft mit Schadstoffen wie Asbest oder PCB belastet, ohne dass man ihnen dies ansieht. Inwieweit ist das ein Problem?
Es gibt mittlerweile ausgereifte Methoden, um die Schadstoffbelastung von Baustoffen noch vor dem Abbruch zu messen. Und selbst wenn sich herausstellt, dass 3 % der Baumasse Schadstoffe enthalten, kann man immer noch 97 % wiederverwenden. Manchmal auch mehr: Wir haben auch schon Betonfertigteilbauten aus den 1970er-Jahren hier in Dänemark untersucht, bei denen die Fertigteile mit PCB belastet waren. Wenn man sie jedoch erhitzt, verflüchtigt sich das PCB. Also haben wir aus einem Container eine Art großen Ofen gebaut und darin die Betonelemente thermisch dekontaminiert.
Sie sagen, dass recycelte Baumaterialien nicht mehr kosten müssen und oft sogar günstiger sind als neue. Worauf muss man achten, damit das tatsächlich eintritt?
Es kommt natürlich darauf an, was Sie wiederverwenden. Terrassenbeläge aus Altholz lassen sich zum Beispiel einfacher zu konkurrenzfähigen Kosten herstellen als Recyclingbeton – oder die Ziegelfassaden für unser Projekt Resource Rows in Kopenhagen. Doch in aller Regel ist ein Bauprodukt, das wir aus Recyclingmaterial entwickeln, maximal 10 % teurer als ein neues Vergleichsprodukt. Wenn wir es dann an zwei, drei Bauprojekten verwendet und die Produktionsmenge entsprechend gesteigert haben, wird es oft um 50 bis 70 % günstiger.
Für alle Materialien, die Sie verbauen wollen, brauchen Sie in Europa Zulassungen. Verkompliziert das die Wiederverwendung nicht?
Auch nicht mehr, als wenn Sie mit neuen Materialien bauen. Die Tragfähigkeit von alten Stahl- oder Betonträgern kann man testen, man kann Brandschutzversuche mit wiederverwendeten Materialien durchführen. Ich bin vermutlich der am besten bekannte Architekt bei den dänischen Brandschutzbehörden, weil ich ständig mit den verrücktesten Materialien aufkreuze, die ich testen lassen will!
Auch die Gewährleistung ist kein großes Drama. Ein gutes Fenster hält durchaus 50 Jahre. Wenn wir also ein Bestandsfenster nach 10, 15 Jahren ausbauen und in ein neues Haus einsetzen, können wir darauf auch fünf Jahre Garantie geben. Wo ist das Problem?
Inwieweit beeinflusst bei Ihrer Art zu arbeiten die Verfügbarkeit von Materialien auch die Entwurfsästhetik?
Das ist eine wichtige Frage, die ich oft diskutiere: Sollen recycelte Materialien in Gebäuden als solche erkennbar sein oder nicht? Wir haben schon beide Strategien bei unseren Projekten angewandt. Wenn man die Materialien sichtbar belässt, können sie ihre Geschichte erzählen. Die Bewohner in den Resource Rows in Kopenhagen wissen zum Beispiel genau, wo die Ziegel in ihrem Gebäude herkommen. Damit entwickeln die Menschen eine viel engere Beziehung zu ihrem Haus, als das in einem Neubau der Fall wäre. Allerdings funktioniert das nicht immer: Recycelten Glasscheiben oder Recyclingbeton sieht man natürlich nicht ohne weiteres an, dass sie schon einen Lebenszyklus hinter sich haben.
Darüber hinaus gibt es noch einen zweiten Aspekt: Wenn Sie Fenster in einem Gebäude wiederverwenden, muss sich die Fassadengestaltung nach deren Maßen und Proportionen richten. Bei einigen unserer Projekte hat uns die Stadt Kopenhagen daher schon Baugenehmigungen erteilt, ohne genau zu wissen, wie das Ganze am Ende aussehen würde. Dazu gehört natürlich auch Mut seitens der Verwaltung.
Was muss geschehen, damit Ihre Denk- und Arbeitsweise in der Baubranche zur alltäglichen Praxis wird?
Der Impuls wird möglicherweise aus einer ganz unerwarteten Richtung kommen. Mir hat vor einigen Jahren ja auch niemand zugetraut, ins Betonrecycling einzusteigen. Wenn wir die Idee vom kreislauffähigen Bauen vorantreiben wollen, müssen wir Einfluss nehmen auf die Materialien, die in unseren Gebäuden verbaut werden. Mies van der Rohe hat zum Beispiel genau gewusst, welchen Marmor er im Barcelona-Pavillon verwenden wollte. Heute treffen viele Architekten für ihre Gebäude bestenfalls noch eine Farbauswahl. An dieser Stelle müssen wir Kontrolle zurückgewinnen. Wir sollten wieder Baumeister sein, keine Oberflächengestalter.
Das heißt nicht, dass wir selbst in die Baustoffproduktion einsteigen müssen. Aber wir können Allianzen schmieden mit Unternehmen. Das werden nicht immer die Big Player unter den Bauzulieferern sein; kleinere Firmen sind da oft viel besser aufgestellt.
Was muss sich auf politischer Ebene ändern?
Ich habe schon viel Zeit damit verbracht, Ministerien und andere Behörden zu beraten. Leider geht da meist wenig vorwärts, weil hier in Dänemark alle paar Jahre die Regierung wechselt und man dann wieder bei null beginnt. Mittlerweile denke ich, dass wir nicht mehr auf die Politik warten können, sondern selbst aktiv werden müssen. Meine Projekte habe ich schließlich auch unter den derzeit geltenden Rahmenbedingungen realisiert. Und Sie wissen ja: Wenn Sie mit dem Finger auf andere zeigen, zeigen mindestens drei Finger auf Sie selbst zurück.
Peikko wurde 1965 in Finnland gegründet und bietet Lösungen für Verbundkonstruktionen, Befestigungs- und Verbindungstechnik an. Wie diese zum nachhaltigen Bauen beitragen, erläutert Simo Hakkarainen, Business Director für den Bereich Deltabeam.
Null CO2-Emissionen und keine Abfälle mehr – diesen Herausforderungen muss sich die Baubranche künftig stellen. Welchen Beitrag leisten Sie dazu?
Die zunehmende Urbanisierung führt weltweit zu einem massiven Neubau- und Sanierungsbedarf in städtischen Gebieten. Aus ökologischer Sicht ist das eine immense Herausforderung, denn die Bauindu-strie ist für einen großen Teil der weltweiten Abfälle und Emissionen verantwortlich. Daher hat sich Peikko das Ziel gesetzt, die Nachhaltigkeit und Effizienz beim Bauen zu verbessern.
Im Betonfertigteilbau, einem unserer Hauptgeschäftsfelder, spielen die verwendeten Ressourcen und Materialien eine wichtige Rolle in der Ökobilanz. Daher investieren wir in Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Circular Economy. Sie lässt einmal gebundene Ressourcen nach dem Ende des Gebäudelebenszyklus wieder zu modular einsetzbaren Bauteilen werden. Unsere schraubbaren Stützenverbindungen sind demontierbar, die Bauteile dadurch wiederverwendbar. Das setzt die Bereitschaft von Investoren und PlanerInnen voraus, die Architektur und das Tragwerk von vornherein kreislauffähig zu konzipieren. Passend dazu richten wir in diesem Jahr auch die Konferenz „Construction Goes Circular“ in Lahti, der Umwelthauptstadt Europas 2021 und gleichzeitig dem Hauptsitz der Peikko Group, aus.
Mit dem Deltabeam Green haben wir ein bestehendes Produkt hin zu mehr Nachhaltigkeit weiterentwickelt. Die Technologie des Verbundträgers wurde von allen erdenklichen Seiten auf Ökologie und Umweltverträglichkeit hin optimiert. Das neue Produkt reduziert die CO2-Emissionen um bis zu 50 % im Vergleich zu herkömmlichen Stahl-, Verbund- oder Betonträgern. Um die Auswirkungen auf den ökologischen Fußabdruck von Gebäuden zu beurteilen, haben wir ein eigenes Ökobilanzierungstool, den „Game Changer“, entwickelt. Den größten Effekt auf die CO2-Emissionen entfalten die grünen Verbundträger in hybriden Konstruktionen zusammen mit einer Holz- oder Holz-Beton-Verbundbauweise.
Was stimmt Sie hoffnungsfroh für die Zukunft?
Im Verkehrswesen sehen wir rasante Fortschritte innerhalb kürzester Zeit. In der Baubranche ist das größte Hindernis, das es zu überwinden gilt, die Mentalität. Die schnelle Entwicklung von neuen Lösungen entspricht nicht der gewohnten Praxis. Natürlich darf man bei Vorschriften und Sicherheitsaspekten keine Kompromisse eingehen. Aber es ist unerlässlich, dass wir schnell Lösungen für mehr Nachhaltigkeit beim Bauen finden. Dabei geht es nicht unbedingt um große Investitionen oder spektakuläre Neuerfindungen, sondern um „Low Hanging Fruit“: Maßnahmen, mit denen durch wenig Aufwand große Wirkung erzielt werden kann. Es macht oft schon einen großen Unterschied, kleine, wiederholbare Veränderungen durchzuführen oder Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Die Aufmerksamkeit und das Wissen um die Dringlichkeit globaler Umweltprobleme sind gewachsen. Damit ist auch die Bereitschaft gestiegen, auf die Suche nach Lösungen zu gehen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir eine nachhaltigere Welt erreichen werden – wir müssen einfach damit anfangen.






