Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Funktion öffentlicher Bäder von der reinen Hygieneanstalt hin zum Ort für sportliche Betätigung und Körperkultur.
Die architektonischen Wurzeln der Bäderkultur reichen weit zurück: Bereits die Römer bauten öffentliche Thermen, die neben verschiedenen Kalt-, Warm- und Heißbaderäumen auch Schwimmbecken umfassten – häufig ergänzt durch öffentliche Nutzungen wie Versammlungsräume, Geschäfte oder Bibliotheken. Verglichen mit heutigen Schwimmbädern besaßen die antiken Gebäude erstaunliche Dimensionen: Die Anlage der Diokletiansthermen etwa, im Jahr 306 in Rom fertiggestellt, nahm mit 376 × 361 m eine größere Fläche ein als der heutige Bade- und Freizeitpark Tropical Islands bei Berlin, der das riesige Volumen einer ehemaligen Luftschiffhalle nutzt. Obwohl die antiken Thermen mit dem Niedergang des Römischen Reichs verschwanden, blieb das Thema Baden in der einen oder anderen Form stets aktuell, zum Beispiel als Schwimmen in natürlichen Gewässern oder als hygienebewusstes Waschen. Auch die heilende Wirkung von Mineralquellen wurde früh erkannt. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Kurorte mit eigens für Heilbäder und Trinkkuren errichteten Gebäuden. Im Zuge der Industrialisierung geriet der Aspekt der Körperhygiene stärker in den Fokus. Allen Bürgern sollte ein tägliches Bad und die körperliche Ertüchtigung im Wasser ermöglicht werden. In Liverpool wurde 1842 die erste Bade- und Waschanstalt für Arbeiter gebaut, doch rasch wandelte sich die Funktion solcher öffentlichen Bäder von der reinen Hygieneanstalt hin zu einem Ort für sportliche Betätigung und Körperkultur. Während sich die Architektur zunächst an antiken Vorbildern orientierte, gewannen industrielle Lösungen zunehmend an Bedeutung. Typische Beispiele ihrer Zeit sind das im Jugendstil errichtete Müllersche Volksbad in München von 1901 und das Stadtbad Mitte in Berlin von 1930, das als Vertreter der Neuen Sachlichkeit gilt. Bis 1933 entstanden in deutschen Städten 240 kommunale Hallenbäder – die Bauaufgabe des modernen Schwimmbads war geboren.
Anforderungen und Funktionen
Die wesentlichen Planungsparameter für Schwimmbäder gelten bis heute. Zentrales Element ist das 25 oder 50 m lange und mindestens 2 m tiefe Schwimmbecken, das zum Teil auch für Wettkämpfe genutzt wird. Je nach Wettkampftyp und Sportart – zum Beispiel Wasserball oder Synchronschwimmen – gelten verschiedene Anforderungen bezüglich Markierungen, Anzahl der Bahnen und Wassertiefe. Ergänzt wird das Hauptschwimmbecken oft durch einen Sprungturm, der eine Wassertiefe von mindestens 3,40 m benötigt und manchmal auch mit einem separaten Sprungbecken geplant wird. Daneben gibt es in der Regel ein kleineres Nichtschwimmerbecken mit einer Wassertiefe von maximal 1,35 m. Manchmal sind Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken zu einem Mehrzweckbecken kombiniert, bei dem das Wasser von einer Seite zur anderen tiefer wird und durch eine Leine mit Schwimmkörpern abgetrennt wird.
Das Funktionsschema von Schwimmbädern folgt dem immer gleichen Prinzip: Von einem zentralen Eingangsbereich mit Kasse werden die Besucher in die Umkleideräume geleitet. Von dort gelangen sie zu den Duschen und in die verschiedenen Schwimmbadbereiche. In vielen Fällen sind die Nebenräume als Spange mit geringerer Raumhöhe neben der hohen Schwimmhalle angeordnet. Die umfangreiche Technik mit den Filteranlagen zur Reinigung des Wassers ist in der Regel im Untergeschoss untergebracht, auf Höhe des Schwimmbadbodens.
Neben dem oder den zentralen Schwimmbecken gibt es je nach Art des Schwimmbads weitere kleinere Becken mit warmem Wasser, Solebecken, Sauna, Dampfbad, Rutschen, Strömungskanäle und vieles mehr. Liege- und Sitzflächen, Ruhe-, Fitness-, Gymnastik-, Massageräume und Solarien ergänzen das Angebot, teilweise auch Gastronomie und Geschäfte. Häufig gibt es auch einen Außenbereich, der zusätzliche Liegeflächen, Becken oder Saunen anbietet.
Die Typologie von Sportbad, Thermalbad, Freizeit- oder Erlebnisbad lässt sich oft nicht exakt festlegen. Die meisten Bäder sind heute multifunktional konzipiert und sprechen so verschiedenste Nutzer an. Im Folgenden zeigen wir mit sechs ganz unterschiedlichen Gebäudebeispielen ein Spektrum aktueller Schwimmbad-Architektur.
Eingeschossiger Pavillon
Das öffentliche Hallenbad in Stutensee bei Karlsruhe von 4a Architekten ersetzt einen in die Jahre gekommenen Bau und besticht durch seine klare Einfachheit. Die auf einem rechteckigen Grundriss basierende Haupthalle mit einem 25 m langen Becken, einem Nichtschwimmerbecken mit Rutsche und einem Kleinkindbecken wird seitlich von einer etwas niedrigeren Spange flankiert, die den Eingangsbereich, Café, Umkleiden und Nebenräume aufnimmt. Große Glasflächen lassen viel Licht in die Schwimmhalle und bieten Ausblicke auf die angrenzende Liegewiese. Durch die kompakte Bauweise ließen sich nicht nur die Baukosten, sondern auch die Energie für den Betrieb reduzieren.
Prägendes architektonisches Element der Schwimmhalle ist das hölzerne Dachtragwerk aus Leimbindern, das die gesamte Hallenbreite überspannt. Das Naturmaterial sorgt nicht nur für eine warme Atmosphäre im Innenraum, sondern eignet sich auch gut für die in Schwimmbädern herrschende hohe Luftfeuchtigkeit. Darüber hinaus konnten die im Werk inklusive Akustikverkleidung, Beleuchtung und Entwässerung vorgefertigten Dachelemente in kurzer Zeit montiert werden.
Mehrgeschossiger Stadtbaustein
Das Paracelsusbad in Salzburg von Berger + Parkkinen ist ein innerstädtisches Schwimmbad, das einen Altbau aus den 1950er-Jahren ersetzt und mitten in der Altstadt liegt. Der sechsgeschossige Baukörper schließt seitlich an das Kongresszentrum und ein Hotel an und nimmt die Höhe der Nachbarbebauung auf. Aufgrund der städtebaulichen Situation sind die Hauptfunktionen gestapelt: Im dreigeschossigen Sockel befinden sich das Kurhaus und die Umkleiden, über eine als Himmelsleiter angelegte Treppe erreicht man die darüber liegende Hauptebene des Schwimmbads. Hier decken ein 25-m-Becken, ein Kleinkindbecken, ein Sprungturm, eine Kletterwand, eine Röhrenrutsche und ein Relax-Becken mit Massagedüsen und Strömungskanal verschiedene Bedürfnisse vom sportlichen Schwimmen über die Erholung bis zum Freizeitspaß ab. Ergänzt wird das Angebot durch vier Saunen und ein Dampfbad auf der obersten Ebene, wo sich auch ein Restaurant und eine großzügige Dachterrasse befinden.
Außen bestimmt ein Kleid aus weißen Keramiklamellen das Erscheinungsbild, das auf Höhe der Badeebene durch eine wellenförmige Verglasung unterbrochen wird. Die Keramikstäbe setzen sich innen als wellenförmig geschwungene Decke fort, die über den Schwimmbecken eine spektakuläre Raumskulptur bildet und bis ganz oben zum Dach reicht, wo ein trichterförmiges Oberlicht viel Licht in die Innenräume lenkt.
Badelandschaft mit Innenhof
Auch der Entwurf für das Sportbad Friedrichshafen reagiert in erster Linie auf die städtebauliche Situation. In dem gewerblich geprägten Umfeld am Stadtrand haben Behnisch Architekten den Neubau als introvertierte Badelandschaft organisiert. Das Gebäude liegt zwischen zwei ehemaligen Messehallen, die heute als Einkaufszentrum und Veranstaltungshalle genutzt werden, und umfasst auch ein seitlich angelagertes Parkhaus.
Herzstück des Sportbads ist der begrünte Innenhof, der mit einem kleinen Außenbecken und Liegeterrasse einen geschützten Raum zur Entspannung bietet. Um den Hof herum entfaltet sich der Badebereich mit verschiedenen Schwimmbecken: Kleinkindbecken, Nichtschwimmerbecken, Sportbecken, Lehrschwimmbecken mit Sprungturm und das durch Glaswände abgetrennte Kursbecken, das über einen höhenverstellbaren Boden verfügt. An der Längsseite zum Parkhaus sind alle weiteren Nutzungen auf zwei Ebenen zusammengefasst: Im Erdgeschoss befinden sich das Foyer und die Umkleideräume, im Obergeschoss ein Restaurant und der Saunabereich – beide mit separaten Dachterrassen – sowie Räume für die Verwaltung.
Nach außen präsentiert sich das Gebäude überwiegend transparent mit horizontaler Fassadengliederung. Die Dachflächen reagieren auf die unterschiedlichen notwendigen Raumhöhen und bilden zusammen mit den Terrassen eine abwechslungsreiche Dachlandschaft.
Kubisches Multifunktionsgebäude
Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Beispielen ist der Entwurf vom Architekturbüro GNWA für das neue Schwimmbad der Westschweizer Gemeinde Romont streng orthogonal angelegt. Zwischen einer Mehrzweckhalle und einem Schulgebäude gelegen, orientiert sich der kubische Baukörper an den Nachbargebäuden und präsentiert sich nach außen durch eine gerasterte Fassade aus Stahl- und Glasfeldern.
Im Erdgeschoss sind die Hauptnutzungen des Schwimmbads untergebracht: Die vier Schwimmbecken – Hauptbecken, Sprungbecken, Lehrschwimmbecken und Kleinkindbecken – gruppieren sich um den zentralen Kern mit den Umkleideräumen. Zur Straße hin werden sie durch Foyer, Cafeteria und Theorieräume abgeschirmt. Im Obergeschoss ist nicht nur ein separat erschlossener Fitness- und Wellnessbereich untergebracht, sondern auch Übungs- und Konzerträume für das dezentral organisierte Musikkonservatorium Fribourg. Das teilweise in den Hang gegrabene Sockelgeschoss beherbergt neben den Schwimmbecken die umfangreiche Technik.
In den zurückhaltend gestalteten Innenräumen setzen skulpturale, V-förmige Dachträger über den beiden Hauptbecken einen starken Akzent in dem bis zum Dach reichenden Luftraum. Zusätzlich bringt das Holz der Träger einen warmen Farbton in die durch graue Sichtbetonoberflächen dominierten Räume, der sich an den perforierten Holzwerkstoffplatten der Deckenuntersichten in den niedrigeren Bereichen fortsetzt.
Solitär mit Hängedach
Das Grandview Heights Aquatic Center in der westkanadischen Stadt Surrey nahe Vancouver ist als große verglaste Halle konzipiert, die in Längsrichtung von einem Hängedach überspannt wird. Auch hier haben die Architekten von HCMA Holz als Konstruktionsmaterial gewählt. Paarweise Leimbinder spannen über 45 bzw. 55 m und werden in der Mitte von V-förmigen Betonstützen gehalten. Dabei nutzt der Kunstsprungturm mit 1-, 3-, 5- und 10-m-Brett den Luftraum am höchsten Punkt der Hängekonstruktion aus. Nicht nur der Sprungturm, auch das 50-m-Schwimmbecken erfüllt die hohen Anforderungen, die für die Austragung nationaler und internationaler Wettbewerbe erforderlich sind. Für diese Anlässe befindet sich eine Zuschauertribüne im Obergeschoss.
Dennoch ist das Bad nicht nur für Sportwettkämpfe konzipiert: Im vorderen Bereich runden Nichtschwimmer-, Warmbecken, Rutsche, Sauna und Dampfbad das Raumprogramm für den Freizeitspaß ab. Eingangsbereich, Umkleiden und Nebenräume und ein großer Fitnessraum sind auf der Nordseite in einer zweigeschossigen Spange untergebracht. Beim Schwimmen ist jedoch in allen Becken das dominierende, in Querrichtung geneigte Holzlamellendach erlebbar.
Schwimmen ohne Chemie
Ein besonderes Beispiel für ein Freibad ist das Naturschwimmbad Borden Park im westkanadischen Edmonton von gh3*. Hier wird das Wasser auf natürliche Weise gereinigt und auf chemische Zusätze verzichtet. In einem separaten Becken, das 2,5 m hoch mit Sand und Kies gefüllt ist, wird das verunreinigte Wasser über Düsen auf der teilweise bepflanzten Oberfläche verteilt und sickert nach unten. Durch den mechanischen Filterprozess werden Schwebstoffe entfernt, gleichzeitig bindet der Biofilm, der sich an der Oberfläche der einzelnen Kieselsteine befindet, Algen und Keime. In zwei bepflanzten Wasserbecken kann das Wasser weiter gereinigt werden. Bei Bedarf passiert das Wasser einen Phosphatfilter im Technikraum; dort wird auch die Wasserqualität überprüft. Da die diesbezüglichen Standards in Kanada bei Schwimmbädern sehr hoch sind, nannten die Architekten von gh3* ihr Projekt „Erholungsgewässer“; es wurde von den Behörden als „bebauter Strand mit Abweichungen“ genehmigt.
Ein langgestreckter, eingeschossiger Gebäuderiegel nimmt nicht nur den Eingang, Umkleiden und Nebenräume auf, sondern bildet auch einen Sichtschutz für die dahinter liegenden Pools im Freien: ein kombiniertes Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken sowie ein kleineres Becken für Kinder. Mit seinem Sandboden ist der Freibereich wie ein Strand angelegt, in dem die mit einem Betonboden eingefassten Schwimmbecken wie eine Insel liegen. Holzdecks führen zu den Duschen und in das Empfangsgebäude; auf dem Sand ist Platz für Liegen und ein Volleyballfeld. Inspiriert durch den mechanischen Filterprozess haben die Architekten die Außenwände durchgängig aus Gabionen gebaut.
Vielfältige Architektur
Die Tragstruktur über dem Schwimmbecken, die Anordnung der einzelnen Funktionen und die gewählten Baustoffe prägen die Architektur der Schwimmbäder wesentlich. Darüber hinaus stellen die Wasserbecken ein besonderes bauliches Element dar, das zahlreiche Anforderungen erfüllen muss – von der Konstruktion bis zu den umfangreichen technischen Anlagen für die Aufbereitung des Wassers. Die ausgewählten Beispiele zeigen, dass trotzdem ein breiter Gestaltungsspielraum bleibt: vom eingeschossigen Flachbau bis zum gestapelten Stadtbaustein, von der frei geformten Badelandschaft bis zum orthogonalen Kubus, vom kleinen Pavillon bis zur riesigen Halle.






