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DETAIL Stipendium 2017/2018, Bericht, Lionel Esche

Lionel Esche – GRAND TOUR DURCH ITALIEN

Mit ihren vorgegebenen Stationen haben die Reisen meist einen ritualisierten Ablauf und bilden beihnahe eine feste Institution, reisen wir doch fast jährlich nach Italien. Und nehmen dabei lange Flüge, Staus am Brenner und den chaotischen Verkehr in Kauf, um am Ende des Tages wieder vor der fantastischen Landschaft zu stehen oder uns auf den urbanen kleinen Plätzen zu tummeln. Um Architekturinkunabeln von alten Baumeistern zu betrachten und natürlich das Meer, den Wein und das gute Essen zu genießen. 

»The golden air of Rome« titelte Henry James es in seinem Journal – kurz: Italien und insbesondere Rom als historischer sowie gleichzeitig moderner Sehnsuchtsort. Die Architektur Roms ist vielseitig und bildet trotzdem ein kontinuierliches und vollkommenes Architekturbild. Es sind urbane Räume, die durch alte Schaufassaden gegliedert werden und kräftige diverse Einzelbaukörper, die erst zusammen ein Ganzes bilden und uns Aufschluss über die reiche italienische Kultur geben. Das Pantheon ähnelt – als Solitär mitten im städtischen Raum – einem Tempel. Einzig eine Öffnung zum Himmel hin, durch die die Luft auf- und absteigt, definiert den kreisförmigen Raum und macht ihn erlebbar – dieser Umgang mit dem Raum und seinen Formen wurde später in Frankreich von den Revolutionsarchitekten Ledoux und Boullée erneut zitiert. Führen wir den Spaziergang fort, stoßen wir auf den Petersplatz am Vatikan. Der Platz mit seinen kräftig gegliederten Säulen wirkt fast modern: Die Säulen grenzen das komplizierte Gefüge der vatikanischen Baumasse von der Stadt ab und geben dem Platz einen einheitlichen Charakter. Ebenso zeitgemäß erscheint auch das Kolosseum, nimmt es doch die Architektur unserer heutigen Stadien vorweg und lässt diese fast altmodisch erscheinen. Auch die Fragmente der versunkenen Stadt Pompeis in der Nähe von Neapel weist eine fortgeschrittene Parzellenstruktur auf, die bereits damals städtebauliche Platzsituationen ausbildete.

Im norditalienischen Mantua bemerken wir die Vielseitigkeit einer italienischen Architekturkultur, die sich ständig weiterentwickelt. Albertis moderne und äußerst reduziert anmutende Kirche San Sebastiano steht in unmittelbarer Nähe zu dem manieristischen Palazzo del Te von Giulio Romano, der wiederum von seiner Komplexität lebt. Seine Architektur ist geprägt von Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten: Ein umlaufendes Band wird überraschenderweise von einem Fenster gebrochen, Säulen drehen sich schneckenförmig um ihre eigene Achse, gesprengte Giebel und deutlich zu große Abschlusssteine deuten auf einen unvorhergesehenen Reichtum hin. Eine komplexe und in sich widersprüchliche ästhetische Ordnung, die wir in unserer heutigen Architektursprache in Fragmenten noch in der Postmoderne wiederfinden.

Aber die italienische Architektur ist keineswegs begrenzt auf ihre historischen Bauten. Moderne Architekturen wie die von Asnago Vender, BBPR, Terragni, Giovanni Muzio oder Aldo Rossi greifen die Prinzipien alter Baumeister wieder auf. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts fand mit dem Rationalismus eine bedeutende Architekturentwicklung in Italien statt: Geprägt durch eine klare architektonische Sprache wurde die Ornamentik auf wesentliche Elemente reduziert. Italien wappnete sich für eine zukunftsmoderne und industriell fortgeschrittene Gesellschaft. Bauten wie beispielsweise das EUR Gelände, das Fiat Zentrum in Turin und die Casa Fascio weisen den Weg in die Moderne und bilden eine immer noch währende Architektursprache zwischen Rationalismus und Neoklassizismus. Der Palazzo della Civita Italiana von Ernesto Bruno La Padula, Giovanni Guerrini und Mario Romano lässt einen erstaunen – und ist dabei doch zunächst einmal ein faschistischer Prachtbau: Der monumental anmaßende Baukörper gliedert sich in einen Sockel, den Mittelteil, der durch seine reduzierten Bögen bestimmt wird, und eine überhöhten Attika.

Auch mit dem Wiederaufbau der Städte in der Nachkriegsmoderne entstanden einige bedeutende Architekturen: Aldo Rossis Gallatarese in der Agglomeration Mailands ist ein länglicher Baukörper auf Stelzen. Das offene Erdgeschoss wird zur Galerie, die, von den flächigen Pilastern und einer großzügigen Treppe bestimmt, die Topographie des Ortes aufnimmt. Lediglich zwei kreisförmige Pilaster brechen den Rhythmus der Fassade. In den oberen Geschossen befinden sich Wohnungen, die über Laubengang erschlossen werden – die privaten Räume öffnen sich zum Garten. Der Raum zur Galerie hin erinnert mit seiner klaren und ruhigen Architektursprache an den Petersplatz und wirkt fast wie dessen moderne und reduzierte Weiterentwicklung. Das Motiv der Einheitlichkeit zum Gebäude im komplizierten und diversen Stadtgefüge der Agglomeration wird hier wieder aufgenommen.

Italien als Labor: Hier entwickeln sich reale utopische Ansätze von städtebaulichen Bauwerken, die sich teilweise – wie das Corviale in Rom von Mario Fiorentino – kilometerweit entlangziehen, sowie utopische Stadttheorien wie diejenigen von Superstudio, die durch ihre Radikalität noch heute bemerkenswert sind und gezielt die Probleme unserer Städte aufzeigen. Es sind mutige und spannende Theorien, die viel von einer Stadt verlangen. Eine Architektur, die sich der Diskussion stellt und gleichzeitig die großen Vorbilder unserer Zeit hervorgebracht hat: Die Bauten von Asnago Vender, BBPR, Moretti oder Giovanni Muzio erscheinen zeitlos und werden gerade in der heutigen Architekturdiskussion immer wieder für ihre städtische Architektur referenziert. So erscheint der einfache Umgang Giovanni Muzios mit den Materialen Beton und Ziegel, wie sie bereits Alberti verwendet und die zusammen einzelne Reliefschichten auszubilden und die Fassade eines Bauwerks wieder hervorzubringen, heute als selbstverständlich. Es sind die unterschiedlichsten Strömungen, die ein harmonisches Ganzes bilden – eine Gegenüberstellung von Alt und Neu, die Städte spannend macht und Räume gestaltet. Kurz: ein unvorhergesehener Reichtum.

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