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Wandelbarer Wohnungsbau

Wandelbarer Wohnungsbau: Konzepte für unterschiedliche Nutzergruppen

Was sind die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau? Gibt es rezipierbare Modelle aus der Vergangenheit, mit gesellschaftlichem Wandel im Wohnungsbau umzugehen? Wie ist die Kooperation eines zunehmend komplexer werdenden Netzwerks im Baugeschehen? Welche Rollen spielen Politik, Wirtschaft, Forschung und Planer in diesem Netzwerk, was können sie leisten, was nicht? Wie wirkt sich die stark ansteigende Zahl neuer Verordnungen auf den Bauprozess und die gebaute Umwelt aus? Welche Rolle spielt der Immobilienmarkt? Diesen und anderen Fragen geht die Expertenrunde unter der Moderation der Berliner Professorin Christiane Sauer nach. Anhand der in der Runde vorgestellten unterschiedlichen Projekte wird deutlich, wie vielschichtig die Lösungsansätze sind und wie wichtig das erfolgreiche Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure ist. So untersucht Johanna Burkert am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumordnung Modellvorhaben zum nachhaltigen und bezahlbaren Raum für Variowohnungen. Die modularen Wohneinheiten sollen zunächst von Studierenden, Auszubildenden und optional anteilig von Rentnern bewohnt und später flexibel umgebaut werden können. In der Typologienforschung geht es bei der Suche nach Lösungen für das serielle Bauen darum, individuelle Lebensräume innerhalb der seriellen Fertigung zu produzieren. »Menschen wollen in Gebäuden leben, mit denen sie sich identifizieren können«, so Johanna Burkert. In Julia Kirchs Forschungsprojekt »Individuelle Wohnansprüche im Lebenszyklus« an der Hochschule Ostwestfalen - Lippe werden Möbelsystemkonzepte mit dem Ziel der Lebenslaufbeständigkeit untersucht. Der sich wandelnde Nutzeranspruch an Mobiliar innerhalb eines Lebenszyklus ist hier leicht übertragbar auf den sich wandelnden Bedarf an Wohnraum.

Das von Henri Praeger und Jana Richter von Praeger Richter Architekten vorgestellte Konzept der Ausbauhäuser in Berlin beruht auf der gestalterischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Trennung von erweitertem Rohbau und Ausbau. Den Eigentümern werden für den Ausbau drei verschiedene Varianten angeboten - vom Selbstausbau in Eigenleistung zum Ausbaupaket, mit dem Ergebnis einer gestalterischen wie sozialen Vielfalt in der Wohngemeinschaft.

Das von Dietmar Walberg, dem Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen in Kiel vorgestellte »Kieler Modell« zeigt, dass sich ein Rekurs in die Geschichte des bundesrepublikanischen Wohnungsbaus lohnt. Denn Vorbild für das »Kieler Modell« ist ein Wohnbauprojekt aus der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte. Das Sonderprogramm »10.000 Flüchtlingswohnungen« startete 1949 als Pilotprojekt in Schleswig - Holstein, finanziert worden war es durch Mittel aus dem 1947 aufgelegtem Europäische Wiederaufbauprogramm European Recovery Program (ERP). Insgesamt waren damals 10.000 Wohnungen mit eigenen variablen Typenplanungen in 50 Städten gebaut worden. Spätestens Ende der 1980er Jahre hingegen hatte man auf Bundesebene aufgehört, das Thema Wohnungsbau zu thematisieren. Die Aufgaben und Verantwortungen des Wohnungsbaus waren auf die kommunale Ebene oder den privaten Sektor verschoben worden, den Baudiskurs bestimmten seitdem zunehmend Themen wie Kosten- und Energieeffizienz und weniger gesellschaftliche Bedürfnisse. Bei der Entwicklung eines aufgefächerten Expertentums hatte man den Blick auf das Ganze verloren, so Walberg. Er plädiert dafür, durch Partizipation und Vernetzung den Blick auf das Ganze wieder zu schärfen.

Michael Neitzel, Ökonom und Geschäftsführer der InWIS Forschung & Beratung GmbH sowie Henri Praeger blicken bis in die Gründerzeit zurück. Damals, so Neitzel, war Nutzungsneutralität Leitlinie - es entsprach dem Bild gesellschaftlicher Heterogenität einer modernen Großstadt, dass Wohnräume hierarchiefrei und wandelbar waren. Für die Berliner Architekten Henri Praeger und Jana Richter hat das Entwurfsmodell aus der Gründerzeit Vorbildcharakter: In ihren Ausbauhäusern zeigen sie, wie flexibler Wohnraum sich den gestalterischen und sozialen Bedürfnissen seiner Nutzer anpassen kann. Michael Neitzel beschreibt auch, wie feste Gesellschaftsbilder - wie etwa das Bild der Kernfamilie in den 1950er und 1960er Jahren, oder die Funktionalität der 1970er Jahre entsprechende Grundrisse kreiert hatten. Ebenso reflektiere der aktuelle Wunsch nach variablen Nutzungsbedingungen das Gesellschaftsbild unserer Zeit, so Neitzel, der Projektleiter der 2015 vom Bundesbauministerium im Rahmen des Bündnisses für bezahlbares Wohnen und Bauen initiierten Baukostensenkungskommission war.

Doch wo können Variabilität und Flexibilität im Wohnungsbau heute ansetzen? Die Variowohnungen verfolgen das Prinzip, Individualräume zu minimieren und als Ausgleich qualitativ hohe Gemeinschaftsräume und Flächen zu schaffen. Dabei gehe es vor allem um die Flexibilität der Grundrisse und die Qualität und Nutzeranforderungen an die Gemeinschaftsräume, so Johanna Burkert.
Die Frage, wie Gemeinschaftsflächen in vermieten Räumen genutzt werden, führt zu dem grundsätzlichen Unterschied zwischen Mietwohnungsbau und Eigentumswohnungsbau. Teilhabe und Eigeninitiative sind noch immer Domainen, die eher in Baugruppen und Genossenschaften gefunden werden als im Mietwohnungsbau. Die entsprechenden Modelle zuzulassen, wie etwa die Mischung aus Eigenleistung und Unternehmerleistung, hänge von der Bereitschaft der Wohnungsunternehmen ab, so Dietmar Walberg, welche aber wiederum gerade in hochpreisigen Immobilienmarktlagen nicht immer die Notwendigkeit sehen für derartige gestalterische und soziale Konzepte. Um so wichtiger sei die Steuerung neuer Prozesse über politische Fördermodelle. Jana Richter und Henri Prager suchen nach Wegen, diese Brücke zu schlagen und das Konzept des wandelbaren Bauens auf den Mietmarkt zu skalieren. »Das Konzept der Baugruppen in Berlin ist endlich«, so Henri Praeger. »Die wenigen Grundstücke, die es noch gibt, werden von Investoren erworben, die über einen anderen Einsatz von Ressourcen verfügen«.

Michael Neitzel erachtet die Tendenz zu kleineren Wohnungen als eine sinnvolle Ergänzung zum Wohnungsmarkt, nicht zuletzt aufgrund aktuell nur gering wachsender Haushaltseinkommen. Er betont aber gleichzeitig, wie wichtig es ist, dass sich die Heterogenität von Haushalten im Wohnungsangebot und dessen Nutzungsmöglichkeiten wiederspiegeln. Im kleinen Grundriss gingen Flexibilisierungsmöglichkeiten verloren, die im Lebenszyklus von Haushalten oft notwendig sind. »Heute gibt es deutlich mehr Haushaltstypen als früher«, sagt Neitzel und weist auf einen aktuellen Mangel an mehrräumigen bezahlbaren Wohnungen hin. Dietmar Walberg sieht im Bereich der Förderung eine Gefahr darin, sich allein auf eine Quadratmeterrendite zu stützen - die Gefahr, dass dies auf Kosten der sozial überaus wichtigen Gemeinschaftsräume ginge, sei groß: »wohnbegleitende Funktionen müssen mitgefördert werden«. Wenn Dietmar Walberg sich für eine Flexibilität von Fördermodellen ausspricht, so betont er gleichzeitig die Wichtigkeit, Spielräume und Grenzen zu definieren. Doch wo liegen diese? Baurechtsfreie Zonen zu schaffen, wie es zum Beispiel in den Nachkriegsjahren der Fall war, oder eine Entschlackung der Bauvorgaben, wie es momentan in den Niederlanden forciert wird, kann nur unter Partizipation aller Beteiligten funktionieren, gibt Michael Neitzel zu Bedenken.

Gerade auf der Seite der Planer wird die Vielzahl immer neuer und komplexerer Regelwerke beklagt. Die extreme Regulierung des Mietwohnungsbaus sei ein Hindernis für Wandelbarkeit und Innovation, so Henri Praeger. Gleichzeitig bringt der Wegfall von Regelungen die Planer in schwierige Situationen, da die Architekten immer mehr Verantwortung übernehmen müssen, die sie weder finanziell, personell noch von ihrer Ausbildung her stemmen können. »Der rechtsfreie Raum hat eine perfide Form der Verantwortungsdelegation«, stimmt Dietmar Walberg zu. Sind Skalierbarkeit und industrielle Fertigung im wandelbaren Wohnungsbau Chancen, auch neue Modelle der Wirtschaftlichkeit zu entwickeln, so führen eine Vielzahl neuer Verordnungen vor allem im Bereich der Haustechnik, aber auch kommunale Verordnungen zu einer starken Verteuerung von Bauprozessen. Gerade in den hochpreisigen Ballungsräumen ist die Gefahr groß, den akuten Bedarf an Wohnraum zu decken, indem man sich ausschließlich an den Anforderungen des Immobilienmarktes orientiert - anything goes, da der Markt vorhanden ist. Es gilt, neue Formen der Finanzierung zu finden die neben dem spekulativen Wohnungsmarkt bestehen können, wie etwa bei den Ausbauhäusern von Praeger Richter Architekten, in denen die Nutzer Selbsthilfe als Eigenkapital einsetzen können oder auch die Integration von Bauzeit und Planungszeit zu erheblichen Kosteneinsparungen geführt hat.

Wie ist die Rolle der Architekten innerhalb des neuen Gefüges an Akteuren und Planungsbedingungen? Dietmar Walberg sieht in der momentanen Situation eine Renaissance des Architektenberufes, seiner Meinung nach sollten Architekten die Koordination des gesamten Bauprozesses nicht den Projektsteuerern überlassen, sondern den komplexen Prozess unter Einbeziehung von Experten maßgeblich koordinieren.

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Hier können Sie sich die Präsentationen der einzelnen Vorträge der Veranstaltung Wandelbarer Wohnungsbau herunterladen:

InWIS Wohnungsbauoffensive

Kieler Modell

Wohnansprüche im Lebenszyklus

ALLE VERANSTALTUNGEN IM ÜBERBLICK

Frankfurt, 22. September 2016
RESSOURCENEFFIZIENTE MATERIALIEN UND SYSTEME
Potenziale neuer Werkstoffe und Technologien

Berlin, 13. Oktober 2016
VORFERTIGUNG UND SERIELLE ARCHITEKTURPRODUKTION
Modulare Bauformen der Zukunft

München, 24. November 2016
DIGITALISIERTE BAUPROZESSE UND METHODEN
Automatisiertes Bauen mit Robotern

Stuttgart, 1. Dezember 2016
EINFACH BAUEN
Projekte zwischen Effizienz und Lifestyle

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