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Foto: Jakob Schoof

Weißbeton vor Berglandschaft: Deutsche Schule in Madrid

Nach 54 Jahren hat die Deutsche Schule in Madrid ihren alten Standort im Stadtzentrum aufgegeben und ein neues Schulhaus am Nordrand der Stadt bezogen. Der Neubaukomplex steht am Rande des Stadtteils Montecarmelo, der in den letzten 15 Jahren entstanden ist und größtenteils aus ‚gated communities’ in Form einer vier- bis fünfgeschossigen Blockrandbebauung besteht. Unmittelbar nördlich der Schule führt in einer Talsenke die Autobahn M40 vorbei. Dahinter erstreckt sich das freie Feld, sodass die Schule – vorerst – einen unverbaubaren Blick auf die Berge nördlich von Madrid genießt.

Der Bezug zur Landschaft ist in den Klassenzimmern und teils auch in den Innenhöfen der Schule omnipräsent. Denn Grüntuch Ernst Architekten konzipierten den Neubau nicht als geschlossenen Block, sondern als Cluster aus wabenartigen, aneinandergelagerten Einzelbaukörpern unterschiedlicher Größe und Höhe. Gemeinsam ist ihnen ihre zumeist fünfeckige Form und die Materialpalette aus Weißbeton, Glas und Aluminium.

Ausgelegt ist die Schule auf 1500 Kinder; besucht wird sie derzeit von 1640. Das sind zwar nur 180 mehr als in der alten Schule, aber sie verfügen in dem weitläufigen Komplex über deutlich mehr Platz als zuvor. Das Betreuungsangebot reicht vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Oberschule. Außerdem umfasst das Raumprogramm eine Mensa, eine Vierfach-Turnhalle sowie eine Aula mit 700 Plätzen, die auch für zahlreiche öffentliche Veranstaltungen genutzt wird. Rund 55 Millionen -mehr als bei jeder anderen Auslandsschule bisher – ließ sich der Bund den Neubau kosten. Weitere 6 Millionen steuerte der Trägerverein bei, der auch den Schulbetrieb organisiert.

Ein Konglomerat aus Einzelbauten
Mit ihrer Patchworkstruktur besitzt die Schule keine echte Straßenfassade. Zur großzügigen Vorfahrt im Süden – die hauptsächlich von Schulbussen genutzt wird – präsentiert sie sich als Abfolge von Einzelhäusern mit unterschiedlichen Fassadentypen. Selbst die beiden überdachten Foyerhöfe, die die Schulbauten miteinander verbinden und als schattige Pausenzonen dienen, haben eigene Fassaden mit einer von maurischen Vorbildern inspirierten Aluminium-Gitterstruktur. Die beiden unteren Fassadenfelder sind mit Verbundsicherheitsglas verschlossen, um unerwünschte Besucher fernzuhalten. Eindrucksvoll ist vor allem die Hofüberdachung aus Ortbeton-Hohlkörperdecken, die von dreieckigen Wandscheiben gestützt werden und durch Oberlichter Sonnenlicht in die Höfe dringen lassen.

Weißbeton, Glas, Aluminium – dieser Materialdreiklang kehrt auch an den übrigen Schulhausfassaden wieder. Die Klassenzimmertrakte sind mit Bandfenstern und vorkragenden Betonbrüstungen versehen, die zugleich als Überzüge statisch wirksam sind. Dazwischen wurden die aus Weißbeton vorgefertigten Fassadenstützen befestigt.

Ton in Ton mit den Fassaden sind die Waschbetonböden der Innenhöfe gehalten. Ihr Farbton rührt daher, dass als Zuschlagsstoff rund 15% heller Marmorkies verwendet wurde. Die Bodenplatten wurden in Abschnitten von 200 bis 300 Quadratmeter gegossen und nach dem Erhärten über rund ein Drittel ihrer Dicke geschlitzt, sodass fünfeckige, maximal 20 Quadratmeter hohe Einzelfelder entstanden. Die – später dauerelastisch versiegelten – Schlitze dienen nun als Sollbruchstellen, um unkontrollierte Betonrisse zu vermeiden.

Farbe bringt Identifikation
Die Höhenstaffelung der Baukörper folgt dem Alter der Schüler: Der Kindergarten ist zwei-, die Grundschule drei- und die Oberschule viergeschossig, wobei Letztere ein Geschoss tiefer liegt als der Rest und den Gebäudekomplex deswegen nach außen hin nicht dominiert. Die Schulhäuser werden zumeist einhüftig von den Innenhöfen her erschlossen; die Räume orientieren sich also nach außen, zur Landschaft hin. Auch hier bildet die Oberschule eine Ausnahme, wo die unteren beiden Geschosse über klassische Zentralflure verfügen.   

Die grau-weiße Grundtönung des Bauwerks setzt sich auch in den Innenräumen fort, wird hier jedoch durch „hausspezifische“ Akzentfarben ergänzt. Im Kindergarten sind Treppenbrüstungen, Einbaumobiliar, Tischplatten und Nassräume gelb gehalten, in der Grundschule orange und in der Oberschule rot. Die Turnhalle erhielt als Akzentfarbe ein ins Pink tendierendes Purpurviolett. Viele der größeren Räume – etwa die Mensa, die Gymnastikhalle und der Multifunktionsraum im Kindergarten – erhielten raumhohe Vorhänge, um die Nachhallzeiten angesichts der vielen schallharten Oberflächen zu senken.

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weitere Informationen:

Tragwerksplaner: GTB-Berlin Gesellschaft für Technik am Bau mbH, Berlin
Prüfstatiker: Mike Schlaich / schlaich bergermann partner, Berlin
Projektsteuerung: Bureau Veritas Construction Services, Berlin
Haustechnik: Ingenieurbüro für Haustechnik KEM, Berlin, Úrculo Ingenieros, Madrid
Energietechnik: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart
Bauphysik: Müller-BBM GmbH, Berlin
Brandschutz: Hhpberlin, Berlin, Úrculo Ingenieros, Madrid
Betontechnologieberater: Martin Mangold, Berlin
Bodengutachter: GuD Consult GmbH, Berlin
Landschaftsplanung: Lützow 7 Garten- und Landschaftsarchitekten, Berlin
Lichtplaner: Lichtvision, Berlin
Kunst am Bau: Carsten Nicolai, Folke Hanfeld, Berlin
Sonnenschutz- und Sicherheitsverglasungen: Saint-Gobain Glass

Dieser Artikel ist aus dem Heft:

DETAIL 4/2016
Bauen mit Beton

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