Im Gespräch mit Fala

„Eine weiße Kiste ist das Künstlichste, das man entwerfen kann"

 - Nils Freiwald

Fala aus Porto ist für starke Farb- und Materialkontraste in seiner Architektur bekannt. In jüngster Zeit wendet das Büro diese Strategie auch auf den sozialen Wohnungsbau an, berichtet Mitgründer Filipe Magalhães.

„Eine weiße Kiste ist das Künstlichste, das man entwerfen kann"
© Francisco Ascensão


Wenn ich an Fala denke, fallen mir vor allem eure Collagen ein. Welchen Stellenwert hat dieses Werkzeug in eurer Arbeit?


Ganz am Anfang waren Collagen für uns sehr wichtig. Als wir noch in Tokio gearbeitet haben, hatten wir weder Zeit noch Geduld für hochauflösende Renderings – das war 2014, also noch vor Künstlicher Intelligenz. Collagen lassen sich schnell erstellen und entsprachen zu dieser Zeit auch dem Charakter unserer Projekte. Mit der Darstellungsform konnten wir unsere Gedanken direkt ausdrücken und schnelle Wirkung erzeugen. Offenbar wirken diese Bilder bis heute – wir sprechen zwölf Jahre später immer noch darüber. Heute arbeiten wir kaum noch mit Collagen, sondern mehr mit Strichzeichnungen und Wireframes. Auf diese Weise können wir im ­Planungsprozess die Komplexität der Konstruktion reduzieren. Dennoch: Die Collage war stets nur ein Werkzeug unter vielen und nicht der zentrale Bestandteil unserer Architektur.

Der zentrale Wohnraum bildet das Herzstück der Wohnungen im Projekt 179. Materialien und Farben setzen Akzente und schaffen gezielt Kontraste.
Der zentrale Wohnraum bildet das Herzstück der Wohnungen im Projekt 179. Materialien und Farben setzen Akzente und schaffen gezielt Kontraste. © Francisco Ascensão


Ihr gebt allen euren Projekten laufende Nummern. Wenn man sich den Wohnungsbau 179 in Porto anschaut, erkennt man, dass die Collage und die gebaute Architektur dieselbe Wirklichkeit erzählen. Was wolltet ihr mit dem Bild herausstellen?


Das Projekt zählt zu den letzten, bei denen wir Collagen im klassischen Sinn benutzt haben. Wir wollten damit die kontextbezogene  Herausforderung im Projekt darstellen: Das Gebäude befindet sich in einer hochfrequentierten Umgebung, wo Menschen vorbeigehen und Autos parken, es gibt dort eine Bäckerei und einen Friseur. Die Szenerie hat uns an die Tänzer von David Hockney erinnert: Sie nehmen den öffentlichen Raum ein und haben offensichtlich Spaß dabei. Genau da setzt unser Entwurf an.

Wir wollten ein Gebäude schaffen, das edel wirkt, aber auch so präsent und laut sein kann wie der Ort selbst.

Wir wollten ein Gebäude schaffen, das edel wirkt, aber auch so präsent und laut sein kann wie der Ort selbst. Dabei bleibt es aber immer nur Hintergrund des alltäglichen Treibens. Es ist kein Museum, sondern nur ein Wohnblock für fünf Familien.

Grundrisse EG - 2.OG
Maßstab 1:400
1	Stellplätze
2	Wohnraum
3	Zimmer 
4	Treppenraum
5	Eingang
Grundrisse EG - 2.OG Maßstab 1:400 1 Stellplätze 2 Wohnraum 3 Zimmer 4 Treppenraum 5 Eingang © Fala

Wie geht diese Gebäudestruktur auf den Ort ein?

Bei dem Projekt war es wichtig, kosteneffizient zu bauen und auch sonst sparsam mit Ressourcen umzugehen. Die Gebäudekubatur ergab sich aus der Baulinie und den weiteren Parametern der Bauvorschriften, die vor 50 oder 60 Jahren beschlossen wurden. Wir haben auf eine Tiefgarage verzichtet und stattdessen vier Stellplätze im Erdgeschoss geplant. Dadurch konnten wir gleichzeitig die Frage der Privatsphäre im Erdgeschoss lösen: Wegen der Garagen orientiert sich die Erdgeschosswohnung zum Innenhof.

Mit den durchgesteckten Wohnräumen in den oberen Etagen haben wir die Wohnfläche maximiert und die Verkehrsflächen auf ein Minimum beschränkt. Durch den zentralen Raum stehen die unterschiedlichen Räume in einer ständigen Blick­beziehung. Außerdem verbindet dieser Raum den öffentlichen Straßenraum mit dem Privatgarten hinter dem Haus. Alle Wohnungen sind durch eine zen­trale, einläufige Treppe verbunden. Die Resträume ober- und unterhalb der Treppe werden ebenfalls dem Wohnraum zugeschlagen. Auf diese Weise wirken die relativ kleinen Wohnungen größer, als sie eigentlich sind.

Von hier aus führen Blickachsen in die einzelnen Zimmer. Materialien und Farben setzen Akzente und schaffen gezielt Kontraste.
Von hier aus führen Blickachsen in die einzelnen Zimmer. Materialien und Farben setzen Akzente und schaffen gezielt Kontraste. © Francisco Ascensão


Die Innenräume wirken auf Fotos sehr hochwertig. Wie habt ihr das geschafft?


Durch bewusste Materialwahl und kontrastierende Farbgestaltung erscheinen die Innen- und Außenräume sehr reichhaltig. Bei genauerer Betrachtung merkt man jedoch, wie sparsam wir die Mittel eigesetzt haben: Ein bisschen Naturstein in den Tür- und Fensterlaibungen, Farben, mit denen wir bewusst Kontraste schaffen, und wenige formschöne Türgriffe. Der Terrazzo ist Standardware, genauso wie das Fensterprofil. 


„Wir haben die Mittel sehr sparsam eingesetzt: etwas Naturstein in den Tür- und Fensterlaibungen, Farben, mit denen wir bewusst Kontraste schaffen, und wenige formschöne Türgriffe.“


Beim Wohnungsumbau 215 in Porto lassen sich gewisse Ähnlichkeiten zum Projekt 179 erkennen. Dennoch ist die Atmosphäre eine andere. Wie kam es dazu?


Im Projekt 215 wollten wir die gleiche Herangehensweise fortführen und verfeinern – wieder mit ein paar steinernen Akzenten, ein bisschen Farbe, dem gleichen Terrazzoboden und denselben Schreinerarbeiten für Türen und Küche. Allerdings ging es nur darum, eine einzelne Wohnung umzugestalten. Von Anfang an kamen unsere räumlichen Ideen sehr gut bei der Familie an. Wir wollten alle Verkehrswege und Gemeinschaftsbereiche miteinander verbinden und ihnen eine neue Qualität geben. Der mittig liegende Raum eignete sich perfekt als offener Spielbereich für die beiden Kinder, die damals noch sehr jung waren. Heute liegt dort ein Teppich. Gemeinsam mit der Küche bildet der Raum das Zentrum der Wohnung. Auch unseren Vorschlag, dem Kinderzimmer, das nicht an der Gebäudeecke liegt, zum Ausgleich eine zweite Tür zu geben, griff die Familie positiv auf. Durch den engen Austausch mit der Bauherrschaft sind wir unglaublich weit gekommen. 

© Fala


Vergleicht man die Grundrisse der beiden Projekte, dann kommt mir der Geschosswohnungsbau klarer vor. Wenn ich jedoch die Bilder betrachte, wirkt auf mich das Projekt 215 atmosphärischer und ruhiger. Woran liegt das?


Ich glaube, der starke Farbkontrast des Wohnblocks täuscht. Wenn in beiden Projekten die Wände weiß gestrichen wären, würde man besser wahrnehmen, dass die Wohnungssanierung räumlich viel dynamischer und damit atmosphärischer, aber auch instabiler ist. Nehmen wir eine Säule vor einer Wand: einmal im selben Farbton wie die Wand gestrichen, einmal heller und einmal blau-weiß gestreift. Durch den unterschiedlich starken Kontrast verändert sich in jedem Szenario die Beziehung zwischen beiden Elementen – obwohl es die gleiche Säule und die gleiche Wand bleibt.


„Welche Farbe ist die aggressivste, die der Natur am meisten widerspricht? Weiß. Stellen wir uns eine weiße Kiste in einem Wald, inmitten einer Wüste oder direkt am Wasser vor.“


Habt ihr durch Standarddetails so etwas wie eine „pattern language“ für euch gefunden und zeichnet diese in Kombination mit gezielten Farb- und Materialkontrasten eure Architektur aus?


Unsere Projekte sind immer unterschiedlich. Gleiche Abläufe sind selten. Aber viele Details gleichen sich – was typisch ist für die portugiesische Architektur. Wir haben jetzt in Dutzenden Bauvorhaben immer das gleiche Fensterprofil benutzt, weil es schön filigran ist und kostengünstig ist. Außerdem arbeiten wir seit bestimmt 50 Projekten immer mit den gleichen beiden Schreinern zusammen. Alle Türen und Scharniere gleichen sich – aber es macht einen großen Unterschied, ob das Türblatt weiß, grün oder gelb ist und in einem roten oder blauen Rahmen steckt. Dies verschafft unseren Entwürfen eine originelle Komplexität.

Naturstein, farbige Oberflächen und ­Türgriffe prägen die Architektur. Spiegel und Glasbausteine lassen die Grenzen zwischen den Räumen verschwimmen.
Naturstein, farbige Oberflächen und ­Türgriffe prägen die Architektur. Spiegel und Glasbausteine lassen die Grenzen zwischen den Räumen verschwimmen. © Francisco Ascensão

Wie kommt es, dass Kontraste für euch so eine wichtige Rolle spielen?

Gegenfrage: Welche Farbe ist die aggressivste, die der Natur am meisten widerspricht? Weiß. Stellen wir uns eine weiße Kiste in einem Wald, inmitten einer Wüste oder direkt am Wasser vor. Es ist das Künstlichste, was wir uns denken können. Dennoch wirkt die Kiste auf die Menschen friedlich und wird akzeptiert. Das war nicht immer so: In den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren hatten Autos, Häuser und Innenräume alle Nuancen, Farben und Kon­traste. Erst durch die hygienische Ökonomie des „guten“ Geschmacks hat sich alles in ein tristes Weiß, Grau oder Beige verflacht. 

Welche Rolle spielen Material und Kontraste in Projekten mit einem knappen Budget?

Beim Wohnblock 179 verwenden wir Marmor nur an einem Prozent der Wandfläche. Dazu kommen noch die Farbakzente innen und die gestrichene Fassade außen – alles sehr sparsam in den Mitteln, aber effektiv in der Wirkung. In Kombination mit den flächensparenden Grundrissen ohne Korridore konnten wir bezahlbare Wohnungen anbieten. Am Ende hat die Stadt das Gebäude gekauft und die Wohnungen sozial vermietet. Wir sehen das als großes Kompliment und hoffen, dass so etwas öfter passiert.

Der Wohnungsmarkt in den Städten Portugals steht – wie fast überall – sehr unter Druck. Wie reagiert ihr darauf in eurer Arbeit und der Lehre an der EPFL in Lausanne?

Soziales Wohnen in Europa sieht immer aus wie soziales Wohnen. Möglicherweise liegt das an der Verherrlichung der Sozialwohnungsprogramme der 1960er- und 1970er-Jahre. Das muss nicht sein. Deswegen versuchen wir auch bei den kleinsten Aufträgen stolz zu sein. Wir verwenden beispielsweise Streifen an der Fassade. Diese Streifen sagen: „Wir haben wenig Geld, aber das was wir haben, setzen wir sinnvoll ein.“ Oder eine rote Eingangstür, die durch ihre Gestaltung zeigt: „Ich bin stolz, eine Tür zu sein“. Wenn wir am Ende unserer Karriere vielleicht 20 solcher Projekte umgesetzt haben, die ihre Umgebung kulturell beeinflussen, können wir zufrieden sein.

An der EPFL beschäftigen wir uns mit den gleichen Fragen. Unter dem Begriff „good housing“ haben wir reale portugiesische Architekturwettbewerbe aus den vergangenen sechs Jahren als Entwurfsaufgaben ausgegeben. Die Studierenden sollten beweisen, dass in den Wettbewerben Chancen vertan wurden, weil sie unter den gleichen Rahmenbedingungen und zum gleichen Budget bessere Lösungen entwerfen können. Das ist ihnen auch gelungen. Die typologische Vielfalt der Entwürfe war enorm. Und sie zeigte, wie unterschiedliche Familien in einem Haus zusammenleben können, ohne sich gegenseitig Platz wegzunehmen. In den Modellen sind wir bis ins Detail gegangen und haben beispielsweise über die Farbe von Sockelleisten oder über das Fliesenmuster in zwei benachbarten Räumen gesprochen. Eine eindrucksvolle Erfahrung.

Fala ist ein Architekturbüro mit Sitz in Porto und Lausanne. Das Atelier wird von Filipe Magalhães (Porto, PT, 1987), Ana Luísa Soares (Porto, PT, 1988), Ahmed Belkhodja (Lausanne, CH, 1990) und Lera Samovich (Nowokusnezk, RU, 1991) geleitet. Seit 2013 hat Fala mehr als zweihundert Projekte und Wettbewerbsvorschläge realisiert, von denen bis heute fast siebzig Bauwerke fertiggestellt wurden. Seit 2015 sind die Partner kontinuierlich als Gastprofessoren an verschiedenen europäischen und nordamerikanischen Hochschulen tätig, derzeit unter anderem an der EPFL in Lausanne, der Yale University und der Universität Tokio.
Fala ist ein Architekturbüro mit Sitz in Porto und Lausanne. Das Atelier wird von Filipe Magalhães (Porto, PT, 1987), Ana Luísa Soares (Porto, PT, 1988), Ahmed Belkhodja (Lausanne, CH, 1990) und Lera Samovich (Nowokusnezk, RU, 1991) geleitet. Seit 2013 hat Fala mehr als zweihundert Projekte und Wettbewerbsvorschläge realisiert, von denen bis heute fast siebzig Bauwerke fertiggestellt wurden. Seit 2015 sind die Partner kontinuierlich als Gastprofessoren an verschiedenen europäischen und nordamerikanischen Hochschulen tätig, derzeit unter anderem an der EPFL in Lausanne, der Yale University und der Universität Tokio. © Paulo Catrica