Der neue Pragmatismus
Wie kann Architektur trotz knapper Mittel, drängender Aufgaben und begrenzter Ressourcen ihre Versprechen einlösen? Eine neue Generation denkt Bauen anders: pragmatisch, aber nicht einfach. Mit dem Fokus aufs Wesentliche gelingen trotz Sparsamkeit überraschend kreative Experimente. Normen, Bauvorschriften und der gewohnte Standard können kluge Ansätze verhindern – aber auch auslösen. Simpel Bauen bleibt ein komplexes Feld. Wir lassen in dieser Ausgabe erfolgreiche Minimalisten zu Wort kommen.
Je kleiner der Etat, desto wichtiger sind die Freiheiten der Architekturgestaltung, meint Ludwig Zitzelsberger. Für den Architekten der Kunstscheune (Seite 76) besteht der Reiz gerade darin, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Unsere Redaktion kann er mit sorgfältigen Details wie dem Übergang von gefalteter Dachhaut und -rinne überzeugen. Das Schweizer Büro Holzhausen Zweifel spricht bei dem Projekt für den temporären Busbahnhof (Seite 34) über die zum Teil schwierige Kommunikation mit dem Handwerk. Wenn Leitungen sauber verlegt werden sollen, um Verkleidung zu sparen, bedeutet das manchmal doppelte Arbeit – sicher kein Einzelfall. Der Kostenunterschied liegt dann im Arbeitsaufwand, nicht im Material, erklärt Sebastian Holzhausen. Das spanische Studio Harquitectes verdichtet die Philosophie des Einfachen in einem Mehrfamilienhaus (Seite 64) zu einer einzigen Wand, die trägt, dämmt und für ein gutes Raumklima sorgt. Mit einem veredelten Rohbau öffnet das Haus für fünf Frauen in Bosnien (Seite 22) Türen für die Zukunft. Kollektiv Ten hat einen Ort für Selbstbestimmung und Gemeinschaft geschaffen. Architektur, die mit wenig auskommt und etwas bewegt: Klingt nach einem alten Mantra, ist aber eine gute Devise. Keep it simple!
Jeanette Kunsmann
