Objekt+Produkt: Studentenwohnanlage am Felsennelkenanger in München

Rot wie die Felsennelke ist die neue Studentenwohnanlage im Münchner Norden. Wie alle umliegenden Straßen, ist der Erschließungsanger der Wohnanlage nach einer geschützten Pflanze benannt. Die Felsennelke ist eine Pflanze, die in rosa bis lila Tönen blüht und in Gruppen stehend auf Wiesen heimisch ist, so auch hier auf der Nordheide. Als eine der wenigen Pflanzen wurde sie schon im frühen Mittelalter zur Pigmentbildung intensiver Rottöne benutzt. Eine Rotfärbung wird auch dem Gebäude zuteil – wie eine Art modernes Ornament ziehen sich sieben Rottöne, in Form abstrakter Metalltafeln, der Fassade als Sonnenschutz vorgelagert, über die unteren Geschosse. Das Gebäude besteht aus drei, entlang des Felsennelkenangers aufgereihten Sockelkörpern mit jeweils drei Geschossen über eine Gesamtlänge von 250 m und eine Breite von 18 m sowie fünf darauf aufsetzenden Wohntürmen.

Objekt+Produkt: Studentenwohnanlage am Felsennelkenanger in München
© Florian Holzherr

Die Architekten Rainer Hofmann und Ritz Ritzer von bogevischs buero, die den Auftrag zum Bau der Studentenwohnanlage in einem beschränkt offenen Wettbewerb gewonnen haben, setzen die Sonnenschutzelemente der Fassade bewusst als gestalterisches Element ein. Im Bereich des Sockels ist die Fassade ein lebendiges Wechselspiel aus den anthrazitfarbenen Faserzementtafeln »Isocolor Pigmenta« von Eternit und 400 roten Schiebeläden von Glasl Stahl- und Metallbau, Geretsried. Für eine spielfreie Lauf- und Führungstechnik sorgt das Beschlagsystem des Schweizer Herstellers Hawa »Frontslide 60«, das speziell für den Außeneinsatz entwickelt wurde. Es garantiert jahrelange Laufruhe, hohe Verschleißfestigkeit sowie eine makellose Erscheinung. Ein Schienenpuffer mit einstellbarer Rückhaltefeder sorgt für die gewünschte Stabilität. Die dahinter liegenden Laubengänge erfüllen auf elegante Weise über den gestalterischen Aspekt hinaus, die bauliche Auflage eines zweiten Fluchtwegs zusätzlich zu den inneren Gängen.

Über den farbigen Sockelgebäuden sitzen insgesamt fünf elfenbeinfarbige Turm-Baukörper mit zusätzlich vier Geschossen. Auch hier trägt der Sonnenschutz zur Gestaltung der Fassade bei. 240 hellgraue Falt-Schiebeläden, ebenfalls gefertigt von Glasl Stahl- und Metallbau und mit dem Beschlagsystem »Hawa-Frontfold 20« bestückt, lockern die Fassade auf. Die vierflügeligen Fensterläden lassen sich leicht zusammenfalten und im 90-Grad-Winkel seitlich an die Fensterfront schieben. Dadurch wird zusätzlich Licht in die Räume reflektiert. Die Turmfassade selbst ist mit durchgefärbten Faserzementtafeln von Eurocem verkleidet. Rund 3100 m2 des Produkts »Cembonit« in der Ausführung Hellgrau kamen dabei zum Einsatz.

Im Innern ist diese Teilung in Sockel und Turm funktional aufgenommen. Die Sockelbaukörper nutzen die 18 m Baufeldtiefe vollständig aus. Die Zimmer auf der Ost- und Westseite sind jeweils ganz auf die Baugrenze geschoben, sodass auf drei Geschossen offene Atrien mit umlaufenden Gängen entstehen. Ein witziges Detail dieser inneren Laubengänge ist der Bodenbelag – ein verkehrsroter Gussasphalt der Michel Asphalt- und Isolierbau GmbH, der von der Künstlerin Lucia Dellafant gestaltet und mit Markierungen für »Start« und »Ziel« versehen wurde.

Die Zimmer sind sehr funktional gehalten. 12,9 m2 hat das Durchschnittszimmer in den Sockelbauten, 13,3 m2 misst die Zimmerfläche in den Wohntürmen. Die Zimmer in den Türmen sind wie eine Wohngemeinschaft organisiert. Um einen zentralen Kern mit Küche, Duschbädern und Toiletten lagern sich jeweils fünf Zimmer. Jeder der Räume wurde mit einer Standard-Möbilierung, bestehend aus einem weißen Tisch mit Stahlrohrgestell, der nach Entwürfen der Architekten von der Firma Scholze gefertigt wurde, einem Bürostuhl mit Rollen, »Catifa« von Amper, sowie einem Bett und einem Einbauschrank ausgestattet, gefertigt von der Schreinerei Voit, Au. Ein Schiebeelement kann als Schrank- oder Zimmertüre eingesetzt werden.

In der Küche gewährt eine große Fenstertüre einen freien Blick nach Osten und Süden oder durch ein langes Panoramafenster nach Norden. Bei der Wahl der Fenster hat die Architekten das sehr schlanke System der Holz-Alu-Fenster von ip company überzeugt. Filigrane Rahmenansichten ermöglichen einen zusätzlichen Lichtgewinn von 10 % gegenüber Standard-Holzfenstern. Mit einem UF-Wert von bis zu 0,98 erreicht das System Bestwerte im Bereich der Wärmedämmung. Die Elemente mit den Maßen 1,61 x 2,45 m wurden in Kiefer, keilgezinkt, mit weißer Lasur ausgeführt.

Über die Erschließung hinaus dienen die Gänge als eine Art sozialer Pufferraum. Sie erlauben Kommunikation über alle drei Geschosse. Durch ein Oberlicht erhalten sie intensives Zenitlicht und öffnen den Blick auf die Türme. Diese Hallen sind aber auch ein thermischer Pufferraum. Sie werden nicht auf die normale Zimmertemperatur beheizt, sondern haben minimal ca. 16 °C. Die Zufuhr von Wärmeenergie erfolgt über Luft, die über einen 100 m langen, unter der Längsachse der Tiefgarage laufenden Erdkanal natürlich durch die Erde vorgewärmt und vorgekühlt wird. Ähnlich einer römischen Hypokaustenheizung ist der komplette Erdgeschossgang um ca. 30 cm aufgeständert. Auf einfachste Weise werden so Ressourcen gespart – zusammen mit der Brauchwassererwärmung mittels Solarkollektoren, die auf zwei Turmdächern angeordnet sind, entstand ein Gebäude, das verantwortlich mit der Nutzung von Primärenergie umgeht.

Die schwierige Wohnsituation für Studierende in München erfährt durch diese vom Freistaat Bayern öffentlich geförderte Wohnanlage eine spürbare Entspannung. 545 Studenten und Studentinnen finden in der Anlage im Felsnelkenanger Platz. Mit ihren knallroten Akzenten bildet die Wohnanlage eine deutliche visuelle Bereicherung der neuen Wohnbebebauung auf der Nordheide.

Architektur
bogevischs buero
Standort
München (DE)

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