- Jakob Schoof
Seit seiner Einweihung 1958 war das Wohnhochhaus unweit des Brüsseler Nordbahnhofs ein stadtbildprägender Fremdkörper. Mit seinen 13 Geschossen überragte es das umliegende Migranten- und Rotlichtviertel deutlich, seine aus der Straßenflucht zurückgesetzte Position betonte seinen Solitärcharakter. 55 Jahre später war für den Sozialwohnungsbau und das Anfang der 1970er-Jahre errichtete Nachbargebäude jedoch eine Sanierung überfällig. Den von der öffentlichen Stadtentwicklungsagentur Beliris ausgelobten Wettbewerb gewann das Architekturbüro A2M mit einem ambitionierten Entwurf, der die Sanierung der beiden Gebäude auf Passivhausniveau vorsah. Auch ein neuer, dreigruppiger Kindergarten und die Öffnung des vorher als Parkplatz genutzten Innenhofs waren Teile des Konzepts. Das Terrain steigt zwischen westlichem und östlichem Grundstücksende um ein Geschoss an; eine Rampe durch den niedrigeren der beiden Baukörper überwindet den Niveauunterschied. Beide Gebäude wurden im Zug der Sanierung bis auf den Rohbau zurückgebaut. Die Fassaden sind komplett neu und bestehen größtenteils aus nichttragenden, mit Zelluloseflocken gedämmten Holzrahmenelementen. Außen sind sie mit Schichtstoffplatten in Weiß und einer künstlichen Holzmaserung verkleidet, die beim Hochhaus die innere Schottenstruktur nach außen abbilden. Große, im Raumprogramm des Bauherrn ursprünglich gar nicht vorgesehene Balkone erweitern die Wohnungen in beiden Gebäuden zum Innenhof. Weil sich die Geschossdecken als sehr wenig tragfähig erwiesen, mussten sie mit einer 4 - 6 cm dicken Aufbetonschicht und über viele Fassaden mit neuen Unterzügen verstärkt werden. Als skulpturales Element fügten die Architekten dem Hochhaus eine Fluchttreppe aus Sichtbeton und Lochblech an, die als einziges Element der Sanierung den zuvor vorhandenen Duktus des Betonbrutalismus aufgreift.
