Diskussion: Die Herausforderung steckt im Detail - ein Gespräch mit Fritz Haller

Detail: Sie beschäftigen sich seit mehr als 50 Jahren mit der Systematisierung des Bauens. Was motivierte Sie zu der Entwicklung ihrer Baukastensysteme?

Diskussion: Die Herausforderung steckt im Detail - ein Gespräch mit Fritz Haller
© Bernhard Moosbrucker

Haller: Die Neugierde, wahrscheinlich. Uns wurde nie die Aufgabe gestellt, Baukästen zu entwickeln, sondern es wurden immer Probleme und Anforderungen an uns herangetragen. Und dafür suchten wir dann Lösungen. Vielleicht sollten wir aber das Wort Baukasten vergessen. Das bringt viele Irrtümer mit sich, klingt nach Selbstzweck. Wenn dieser Begriff weg ist, kommt man viel direkter an die Probleme heran, für die man Lösungen sucht. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es dieses Wort im Englischen und auch Französischen gar nicht gibt. Da spricht man von »Building-Systems«.

Es ist wichtig zu wissen, dass wir nicht zuerst Theorien entwickelt haben, die später in die Praxis umgesetzt wurden, sondern es war ein ständiges Wechselspiel, das sich ununterbrochen weiter verflochten hat – über die fertig gestellten Gebäude hinweg immer wieder zur nächsten Bauaufgabe.

Unser Anliegen war eigentlich diese besondere Art der Variabilität eines Gebäudes mit allen seinen Teilen und vor allem das Erkennen ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten, dass alles mit allem zu tun hat. Das hat uns auch beim Konstruieren immer wieder beschäftigt. Solange man nur die tragenden Stahlgerüste entwerfen muss, geht es ja noch. Aber wenn der Lichtschalter, der Bodenbelag und die Unterdecke dazu kommen, aber auch die Treppe, die Klosetts und alles, was sonst noch dazu gehört, wenn all diese Dinge miteinander koordiniert werden müssen und jedes Teil selbstverständlich mit dem andern verbunden sein soll, dann ist das die große Herausforderung! Das hat die Neugierde und den Ehrgeiz geweckt. Man sollte es doch eigentlich schaffen!

Detail: Hatten Sie nicht auch mit dem Vorurteil der fehlenden Individualität zu kämpfen, wenn es galt, Ihre Bausysteme bei der Bauherrschaft durchzusetzen?

Das war ein großes Problem vor allem im Schulbau. Jedes Schulhaus in der Schweiz ist ja einer Gemeinde als Bauherr zugeordnet, und die wollte schon gar nichts mit der Nachbargemeinde zu tun haben. Jedes Schulhaus musste anders werden. Auch in Deutschland war das nicht anders. Kurze Zeit gab es dort System-Schulbauten, etwa drei Jahre lang. Während einer Baukrise ist dieser Ansatz dann wieder in Vergessenheit geraten. Das einzige Beispiel, das etwas länger funktionierte, ist ein ganz interessantes Schulbausystem in Kalifornien. Dort hat man nur die »Innereien« als Prototyp entwickelt und sowohl die technische Ausrüstung als auch die Fassade waren Sache der Gemeinde und des Architekten, der jeweils hinzugezogen wurde. Das hat funktioniert, weil man nicht dasselbe Haus bauen musste und immer noch Freiheiten hatte.

Detail: Geben Sie nach diesen Erfahrungen solchen komplexen Bausystemen in Zukunft überhaupt eine Chance?

Haller: Wir werden auch morgen Häuser bauen, Häuser zum Wohnen, zum Arbeiten, für die Freizeit und die Bildung, zum Spielen, zum Begegnen zum Meditieren. Diese Aktivitäten werden zu neuen Begegnungen führen. Neue Strukturen werden entstehen, sich fortwährend verändern.

Vieles ist schon in Ansätzen erkennbar. Die Familie wird immer mehr zur Ehe auf Zeit. Es wird immer weniger feste persönliche Arbeitsplätze geben. Gearbeitet wird irgendwo, in der Wohnung, im Bistro, im Zug, im Flugzeug. Durch Verkürzung der Arbeitszeit entsteht immer mehr Freizeit oder Zeit, um sich weiterzubilden. Schulen werden nicht mehr Schulen sein, sondern Begegnungsorte in einem Netzwerk von Beziehungen und Daten. Diese gesellschaftlichen Revolutionen werden von einer globalen technologischen Revolution begleitet und Lebensmöglichkeiten von unvorstellbarem Reichtum. Vor allem die elektronischen Medien werden unseren Lebensraum ins fast Unermessliche vergrößern. Diese globalen Veränderungen werden zweifellos die gebaute Umwelt grundlegend verändern.

So wie sich Situationen verändern, sollten sich auch Gebäude verändern. Und wenn sie es können, werden sie es tun. Wenn sie es nicht können, muss man wohl oder übel mit ihnen leben. Dass ein Umbau, zum Beispiel, keinen Materialtransport verursachen muss, weil dieselben Bauteile weiter verwendet werden können, das sind eigentlich ganz wichtige Aspekte, aber die Architekten setzen sich mit solchen Themen nicht mehr auseinander.

Detail: Sie haben sich bei Ihren Bausystemen ganz dem Stahlbau verschrieben. Haben Sie andere Konstruktionsmaterialien nie gereizt?

Haller: Es ist ja nicht speziell der Stahlbau, sondern die Einheit der Konstruktion, die uns beschäftigt. Es geht um die Verträglichkeit der verschiedenen Baustoffe untereinander. Das ist die Überlegung. Das Stahlbaugerüst kann dann mit denselben Toleranzstrukturen gebaut werden wie die Fassade. Es gibt keine Toleranzprobleme, alles passt zusammen. Das Bauteil selbst wird zur Messlatte. Man muss es nur zusammenbauen, mehr nicht.

Detail: Sie sprechen hier sehr grundlegende Probleme des Systembaus an. Können Sie beschreiben, welchen Einfluss dieses systematische Denken auf den Entwurfsprozess bei Ihnen gehabt hat?

Haller: Das lässt sich vielleicht am besten an einigen Beispielen verdeutlichen. Nehmen wir zum Beispiel die »runde Ecke« bei der Höheren Technischen Lehranstalt in Windisch. Bei jedem System stellt sich die Frage: Wie komme ich in dem jeweiligen System um die Ecke herum? Es gibt nicht nur eine Lösung, aber jede Ecke muss da, wo sie entsteht in allen ihren Bezügen stimmen. Wenn die Ecke nicht stimmt, egal ob sie rund oder eckig ist, ist sie nicht brauchbar.

Als sich in Windisch zeigte, dass es hier der schlaueste Weg ist, mit einem Viertelkreis um die Ecke zu kommen, musste ich schnell entscheiden – vorwärts oder rückwärts. Es war wie ein Schachspiel. Wir bauen doch keine runden Ecken! Aber in den schon vorgegebenen Zusammenhängen fanden wir keine bessere Möglichkeit.

Hinterher, als Windisch fertig war, wurde das Haus durch die runde Ecke charakterisiert: »Aha«, sagten alle, »jetzt macht der Haller runde Ecken«. Ich habe nie eine runde Ecke im Kopf gehabt, sondern nur dieses Gebilde mit allen seinen Zusammenhängen. Nie haben wir uns gesagt, das nächste Haus wird ein Haus mit runden Ecken, was die Architekten oft tun und was falsch ist. Das geht einfach nicht. So etwas muss aus den Zusammenhängen herauskommen. Wenn es das nicht tut, dann ist es keine Lösung, dann ist es nicht gut.

Oder nehmen Sie eine Maschine mit Zahnrädern. Da kann ich nicht einfach zwei Zacken auslassen, nur weil es schöner ist.

Architekten aber tun das. Ein Musiker kann das auch nicht. Der kann nicht einfach ein paar Takte in seiner Tonfolge auslassen. Er muss sie definieren, er muss damit leben. Bauen hat durchaus mit Musik zu tun und dass da die Töne nicht daneben liegen, ist gar nicht so einfach. Das ist es, was wir lernen müssen, diese Art der Baukultur.

Es gibt Techniker, die haben sich ihr Leben lang mit der Erforschung, Entwicklung und Optimierung einer bestimmten Turbinenschaufel beschäftigt. Sie können über das kleinste Detail Auskunft geben, wie es funktioniert und was es leisten kann und wie es zum Stimmen kommt. Und wir Architekten, wir sind oft stolz bei unseren Bauwerken, wenn es nicht zum Stimmen kommt. Das nennt sich dann Architektur!

Oder noch ein ganz anderes Beispiel: Ein Elektriker stemmt Schlitze in eine Mauerwerkswand. Das sieht man auf jeder Baustelle. Schon allein die Tatsache, dass der eine die Arbeit des anderen kaputt macht, ist verletzend. So etwas muss aus den Gebäuden verschwinden.

Das Ziel für einen Architekten ist doch, jeden Punkt, jedes Detail zu kontrollieren und damit auch manipulieren zu können. Wir haben uns lange mit Lösungsmöglichkeiten beschäftigt, um Strukturen wie Leitungen, Träger und andere Gebilde so zusammenzubringen, dass es funktioniert. Also z. ein Abluftkanal ist nicht an einer bestimmten Stelle, weil da zufällig im Träger eine Öffnung ist, durch die ich ihn durchschieben kann, sondern weil er da hin gehört und da im Ordnungssystem seinen Platz hat. Damals, als wir so etwas nur im Modell hatten, war die Realisierung eines solchen Ordnungssystems in weiter Ferne. Inzwischen haben wir es geschafft, mit diesem Ordnungssystem planen zu können. Es fehlen uns noch zwei, drei Gebäude, dann passt es.

Erst wenn nicht nur die Stützen eines Gebäudes ihren bestimmten Ort haben, sondern auch jeder Bogen in einem Leitungsnetz und jede Abzweigung usw. genau dasselbe Existenzrecht haben, dann fügen sich diese Dinge zu einem harmonischen Ganzen, zu etwas Schönem. Am Besten wäre es, wenn wir ganz bescheiden sagen würden, ich will ein schönes Haus. Das tönt ein wenig banal, trifft aber den Kern.

Mit allem was Menschen tun entsteht dieses Spannungsfeld, komme ich ran, komme ich nicht ran an die Lösung. Ist sie was Wert, oder ist sie nach zwei Wochen nichts mehr Wert, sodass ich sie verwerfen muss. In diesem Prozess des ständigen Hinterfragens sieht man neue Zusammenhänge, sieht, ob sich Lösungen besser bewähren als die, die man bereits hinter sich gelassen hat. Das ist eine Art Schicksal, oft auch Zufall. Ich denke oft an Zugefallenes, und da beginnt eine andere Welt – die Meditation.