Typologie: Industriebau zwischen »Smart Factory« und »Future Urban Industries«

 - Frank Kaltenbach

Wie schaffen es Firmen in den klassischen »Industrienationen« trotz der vergleichsweise hohen Lohnkosten auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben? Wie rekrutieren sie ihre Mitarbeiter, wie motivieren sie sie, mit den immer kürzer werdenden Innovationszyklen der neusten Technologien Schritt zu halten? Und wie gelingt es, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen und gemeinsam mit Kunden und Geschäftspartnern die Qualität der Produkte ständig zu verbessern? Vertreter der deutschen Bundesregierung sehen in diesem Wandlungsprozess die vierte industrielle Revolution und kommunizieren ihr »Zukunftsprojekt« unter dem Marketingbegriff »Industrie 4.0«. Dabei sind die Individualisierung (Mass Costumization) anstelle von Massenproduktion, computergesteuerte schienenunabhängige Transportsysteme anstelle von Fließbändern und Produkte mit integrierten Chips zur Warenverfolgung (Internet der Dinge) längst Alltag. Neben Effizienzsteigerungen durch IT, Logistik, Kosten- und Energieeinsparung, Flexibilität und einer perfekten Infrastruktur wird zunehmend eine hohe Qualität der Industriearchitektur zum Wettbewerbsfaktor. Anstelle spektakulärer Fassaden rücken bei der »Smart Factory« die »inneren Werte« in den Vordergrund: Neben hochwertigen Oberflächen heißt das: viel Raum für Kommunikation und eine hohe Arbeitsplatzqualität. Die folgenden acht Projekte spiegeln die Bandbreite ganz individueller Antworten auf diese Herausforderungen. Dass nur eines der Beispiele, das Entwicklungsgebäude in Takatsuki (s. S. 178f.), in einem städtischen Kontext steht, entspricht dem noch immer geltenden Credo der Charta von Athen. Doch ist die Trennung von Arbeiten, Wohnen und Kultur zeitgemäß? Im Unterschied zu den Anfängen der Industrialisierung gehören Emissionen durch rauchende Fabrikschlote längst der Vergangenheit an - zumindest in den Industriestaaten. Modernste computergesteuerte Maschinen erfordern hochqualifizierte, kreativ denkende Mitarbeiter - sie bevorzugen zunehmend attraktive Städte als Wohnort anstelle eines Einfamilienhäuschens auf dem Land. Daher schlägt ein Team aus Wissenschaftlern um Martin Schössler von der Stiftung Neue Verantwortung mit dem Projekt »Future Urban Industries« vor, Industriebetriebe von der grünen Wiese zu holen und wieder näher mit dem kreativen Potenzial der Stadtgesellschaft zu vernetzen. Ein Beispiel ist die Brillenmanufaktur Mykita, die mit sämtlichen Unternehmensbereichen das historische Pelikanhaus in Berlin bezogen hat.

Typologie: Industriebau zwischen »Smart Factory«  und »Future Urban Industries«
© Frank Kaltenbach

Doch auch bei Neubauten auf der grünen Wiese spielt der Aspekt der Kommunikation eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt deshalb werden verstreut liegende Unternehmensbereiche an einem Standort vereint, ist der heutige Industriebau weit mehr als nur Produktionsstätte: Um Innovationen und Wissenstransfer zu fördern, werden Forschung, Entwicklung und Produktion oft eng miteinander verbunden. Lobbies und Kantinen werden als angenehme soziale Treffpunkte gestaltet, Innenhöfe, Dachterrassen oder Freiflächen mit Alpenblick unterstützen den informellen Austausch, wie beim Hydraulikwerk in Kaufbeuren (s. S. 173ff.) oder dem Maschinenbauer Bobst bei Lausanne (s. S. 183ff.Einige Hersteller veranstalten an ihren Entwicklungs- und Produktionsstandorten Hausmessen mit eigenen Ausstellungs- und Konferenzbereichen. Der Mechatronikspezialist in Igersheim konzipiert die zentrale Halle als Bindeglied mit Blickbeziehung in unterschiedliche Abteilungen und »Marktplatz« der Ideen (s. S. 190ff.Bei der Entwicklung und Produktion von Überwachungsgeräten ist die Flächeneffizienz wichtiger als die Flexibilität großer Spannweiten, sodass die Schwerlastböden über einem engen Stützenraster vertikal gestapelt werden können (s. S. 186f.Allen acht Projekten gemeinsam ist ein Bezug der Gebäudehülle zur jeweiligen Produktpalette. In Udine deutet der »Faltenwurf« aus marmorglänzenden Betonfertigteilen Vorhangsysteme an (s. S. 188f.), in Saint-Emilion lockt die Betonskulptur der Überdachung mit den verführerischen Kurven eines Weinglases (s. S. 180ff.Der Industriebau eines Holzbetriebs im Allgäu will dagegen gar nicht mehr sein als er ist: eine effiziente, nachhaltige und flexible Kiste mit Blick in die Landschaft (s. S. 176f.).


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