Diskussion: Große Kultur - Kulturbauten für das 21. Jahrhundert

Neben Museen sind es vor allem Konzertsäle, Theater und Opernhäuser, deren Entwürfe im letzten Jahrzehnt zu einer Art Kür in jeglicher Dimension für die Architektur geworden sind. Und das nicht nur in Europa, dem Herkunftsraum klassischer Konzerte und Opern, wo es auch nicht an einer reichhaltigen Tradition für den Bau großer Häuser fehlt. Denn schon im 19. Jahrhundert wurde das Konzert als Veranstaltung der höfischen Pflege entrissen und war laut Adorno »neben der Opern-Repräsentation die charak-teristischste Form der bürgerlichen Musik-übung«. Dieser frühe Trend hat inzwischen eine globale Ausdehnung erreicht, denn auch im asiatischen sowie arabischen Raum bauen und entwerfen wiederum überwiegend westliche Architekten für einen zukünftigen Orchester- und Opernapparat.

Diskussion: Große Kultur - Kulturbauten für das 21. Jahrhundert
© Herzog & de Meuron

»Hamburg braucht ein Wahrzeichen«. Mit diesem Wahlspruch warb der Hamburger Senat für Zustimmung und Spenden bei seinen Bürgern zugunsten der Elbphilharmonie (Abb. 1–3). Ursprünglich hatte ein privater Investor die Idee mit Skizzen der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron nach Hamburg gebracht, nach der sich der Bau durch ein Hotel und Luxusapartments im Haus quasi selbst finanzieren würde. Inzwischen sollen allein aus den öffentlichen Kassen 320 Millionen Euro für den Bau bezahlt werden, dessen Eröffnung sich wegen der komplexen Konstruktion auf dem Dach des Kaispeichers A nun um zwei Jahre auf 2012 verschieben wird. Die Stadt aber hält an dem fulminanten 103 Meter hohen wellenförmigen Wahrzeichen fest – zum einen als Symbol für die Rückkehr Hamburgs ans Wasser in die ehemalige Speicherstadt und zum anderen als Antrieb für den Kulturbetrieb als Image- und Wirtschaftsfaktor.

Bleibt allerdings die Frage, wer eine Philharmonie für 2200 Besucher künftig erfolgreich bespielen wird. Zwar sagen die Architekten und der Akustikplaner Yasuhisa Toyota für den Konzertsaal, der nach dem Prinzip der Weinberg-Arena konzipiert ist, eine meisterhafte Akustik voraus, doch besitzt Hamburg kein wirklich erstklassiges Orchester. Auch der derzeitige Konzertbetrieb der Stadt verspricht keine der Größe des Projekts angemessene Ausnutzung.

In der portugiesischen Hafenstadt Porto ist die qualitative Aufwertung eines ganzen Stadtviertels, wie sie auch in Hamburg angestrebt wird, geglückt: Die Casa da Música (Abb. 4) steht in einem über lange Zeit vernachlässigten Stadtteil an der Rotunda da Boavista, einem stark befahrenen Verkehrskreisel. Rem Koolhaas (OMA), der den Wettbewerb für sich entschied, als Porto 2001 europäische Kulturhauptstadt war, beschäftigte sich intensiv mit der Beziehung zwischen dem Geschehen im Konzertsaal selbst und dem in der Stadt. Er behandelte den Bau wie einen kristallinen Block, aus dem er die Funktionen herausschnitt und schuf große Öffnungen, durch die das Gebäude der Stadt sein Innerstes enthüllt. Foyers, Restaurant und eine Terrasse sind um das große Auditorium gruppiert und für jedermann zugänglich. Sie bilden eine Zwischenzone zwischen Stadt und Kultur, in der, bei gleichzeitigem Konzertbetrieb, auch Feste stattfinden. Der Konzertsaal mit 1238 Plätzen folgt ebenso wie das kleine Auditorium dem Prinzip der »Schuhschachtel« und weist eine ausgezeichnete Akustik auf. Somit hat das Orquestra Nacional do Porto eine adäquate Heimat gefunden. Dank demontierbarer Bühne und wandelbarer Bestuhlung sind beide Säle flexibel nutzbar und verlangen nicht allein nach klassischer Musik.

Zwar wurde das rund 100 Millionen Euro teure Haus erst mit vierjähriger Verspätung im April 2005 eingeweiht, doch ist es für Porto und seine Bewohner nicht nur architektonisch, sondern auch kulturell zu einem Juwel geworden.

Für eine vielseitige Nutzung geplant wurde auch der weitläufige Parco della Musica (Abb. 5) in Rom, der als das größte Konzert- und Veranstaltungszentrum in Italien nach einem knappen Jahrzehnt Bauzeit im April 2002 eröffnet wurde. Der Sieger des Wettbewerbs, Renzo Piano, hat nicht einfach ein multifunktionales Gebäude aufgestellt, sondern eine ganze Musiklandschaft aus einer Gruppe von drei eigenständigen Baukörpern entworfen. Als Standort dient eine Brache in der unmittelbaren Nachbarschaft des früheren Olympiageländes im Norden der Stadt. Um ein Amphitheater mit 3000 Plätzen, das für Freilichtveranstaltungen vorgesehen ist und als öffentlicher Platz zum Verweilen einlädt, gruppieren sich drei Säle für 750, 1270 und 2750 Zuschauer. Neben dem Konzertzentrum locken zudem ein Musikinstrumentenmuseum, ein Restaurant und Café sowie ein Laden für Tonträger, Noten und Bücher zahlreiche Besucher zu der ehemaligen stadtgeografischen Leerstelle. Ein neues Zuhause besitzt nun auch das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit der großen Philharmonie »Sala Santa Cecilia«. Als Vorbild für die Form der drei Baukörper diente Renzo Piano der Korpus einer Laute aus dem 19. Jahrhundert, während er mit der Wahl der Baustoffe Holz, Travertin, Ziegel und Blei (für die Dachverkleidung) auf die alte Stadt Rom und ihre Materialien verweist. Von der Anlage her ist der große Konzertsaal mit der Arenatypologie der Berliner Philharmonie von Hans Scharoun (1963) vergleichbar und folglich für die akustische Feineinstellung für diverse Orchesterformen und Klangfarben weitaus komplizierter zu optimieren als der erprobte Schuhschachtel-Typ.

Neben diesen bereits realisierten Beispielen entsteht in Europa derzeit eine Fülle weiterer kultureller Prestigebauten wie das Mariinsky-Theater in St. Petersburg, für das Dominique Perrault den Wettbewerb gewann, die Philharmonie in Paris von Jean Nouvel, die Oper in Kristiansand des finnischen Büros ALA Architects, das Konzerthaus für die polnische Stadt Thorn von Menis Arquitectos oder das BBC Music Centre in London, auch Music Box genannt, von Foreign Office Architects (Abb. 10).

Auch China hat die Kultur als Wirtschaftsfaktor bzw. den Kulturbau westlicher Prägung zu Repräsentationszwecken entdeckt. Obwohl dort zu Zeiten der Kulturrevolution westliche Kultur (von klassischer Musik bis zur Literatur) als verpönt galt und verboten war, hatte bereits vor fünfzig Jahren der erste Ministerpräsident Chinas Zhou Enlai die Absicht, ein Kulturzentrum in Peking zu bauen; doch erst unter Jiang Zemin in den 1990er-Jahren wurde das Projekt eines Nationaltheaters in der Hauptstadt verwirklicht. Umgesetzt hat die »große Geste« der französische Architekt Paul Andreu. Das Theater, dessen Grundfläche eine Ellipse nachzeichnet (213 ≈ 144 m), ist nicht nur kulturell, sondern auch städtebaulich ein Fremdkörper (Abb. 6). Im Volksmund »Entenei« oder poetischer »Riesiger Tautropfen« bezeichnet, liegt es nahe der Verbotenen Stadt inmitten eines künstlichen Sees. Es zeigt keine Öffnung in seiner mit einer glatten Titanhaut überzogenen Kuppel. Über einen 60 Meter langen Tunnel unter der Wasseroberfläche gelangt der Besucher in das Foyer, dessen Glasfassade in die Geometrie des Gebäudes eingeschnitten ist. Das Haus verfügt neben Restaurants und Geschäften im Foyerbereich über drei große Veranstaltungsräume: ein Opernhaus (2416 Plätze), einen Theaterraum (1040 Plätze) und einen Konzertsaal (2017 Plätze).

Seit der Eröffnung im Dezember 2007 wurde der Konzert- und Theaterbetrieb vornehmlich durch Gastspiele aus den USA, Russland und Europa bestritten. Ein stringentes künstlerisches Konzept für die Bespielung des Hauses durch ein eigenes Ensemble steht noch aus.

Einen weiteren Großauftrag erhielt die Ar-chitektin Zaha Hadid für ein Opernhaus in Guangzhou, Südchina (Abb. 12). Nahe dem Pearl River liegt das Gebäude, dessen Form an einen gigantischen Flusskiesel erinnert. Vor dem Hintergrund der Skyline der Stadt soll es zu einer Skulptur aus Glas, Stahl und Beton werden. Neben der traditionellen chinesischen Oper werden vor allem westliche Inszenierungen den Spielplan beherrschen. Mit einer Fläche von 46 000 Quadratmetern und 1800 Sitzen (Kosten ca. 100 Mio. Euro) wird das Theater das drittgrößte Chinas sein. An Eigenwilligkeit und Größe übertroffen wird Hadids Opernhaus von Toyo Itos Entwurf für das Taichung Metropolitan Opera House in Taichung, Taiwan (Abb. 11). Itos komplexer Entwurf mit vertikal und horizontal ineinanderfließenden Räumen entfernt sich weitgehend von einer traditionellen Opernhaustypologie. Vielmehr soll das Haus Ort der Begegnung sein zwischen den Künsten sowie zwischen Kunstinteressierten und Künstlern. Zwei Theaterräumen, (mit 2000 und 800 Sitzen) sowie einer Experimentierbühne (mit 200 Plätzen) wird für alle Spielarten östlicher und westlicher Musik- und Theatertraditionen optimale Akustik vorhergesagt. Um die großen Säle winden sich kleine Läden, Foyers, ein Konferenzraum und Restaurants – ein ambitionierter Bau, dessen Eröffnung für das Jahr 2009 geplant ist.

Noch ehrgeiziger, um nicht zu sagen größenwahnsinniger, mutet ein kulturelles Entwicklungsprojekt der asiatischen Wirtschaftsmetropole Hongkong an. Die ehe-malige britische Kronkolonie plant auf einer aufgeschütteten Halbinsel mit dem West Kowloon Cultural District (Abb. 13) einen neuen Stadtteil auf einer Fläche von 43 Hektar. Hongkong verspricht sich davon, zu einem Zentrum für Kunst und Kultur in Asien zu avancieren sowie ausländische Investoren und Touristen anzuziehen. Da sich nach dem Wettbewerb 2003, den Norman Foster für sich entschied, keine privaten Investoren fanden, hat nun die Regierung

2,5 Milliarden US$ für das Projekt bewilligt. Bereits 2015 soll die erste Phase fertiggestellt sein. Teil von Fosters Entwurf ist das größte Glasdach der Welt mit 1,3 km Länge, das in Zukunft als eine Art Baldachin 55 Prozent der zu bebauenden Fläche bedecken soll. Damit weist Hongkong neben der ehemals längsten Rolltreppe der Welt einen weiteren Superlativ auf. Auch hier sind international anerkannte Architekten wie Tadao Ando oder Herzog & de Meuron involviert. Geplant sind unter anderem drei Theater für bis zu 2000 Besucher, eine Performance Hall mit 10 000 Plätzen, vier Museen, ein Amphitheater, eine Amüsiermeile mit Kinos und Restaurants sowie Wohnungen, Einzelhandel und Gewerbe.

Einen weiteren neuen Kunst-Stadtteil von nahezu pharaonischen Ausmaßen planen auch die Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi. Auf Saadiyat, »Insel des Glücks« genannt, soll mit Museen und Konzerthalle eine globale Kultur entstehen. Unter dem Motto »Kultur statt Öl« verspricht man sich eine neue kulturelle Identität und Attraktivität, die zu westlichen Großstädten in Konkurrenz treten kann. Fachliche Unterstützung hierzu leisten Louvre und Guggenheim sowie internationale Architekten wie Frank O. Gehry, Jean Nouvel oder Zaha Hadid, die im Übrigen auch ein an Sanddünen erinnerndes Opernhaus in Dubai plant (Abb. 7).

Welche der genannten Projekte trotz Finanzkrise tatsächlich Wirklichkeit werden, steht in den Sternen. Sicher aber ist, dass spektakuläre Kulturbauten in eine positive Zukunft weisen sollen – sei es als Zeichen der Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen wie in arabischen Staaten oder als Zeichen von Stärke und Macht wie in China. Auch die Revitalisierungsprojekte mit kulturellem Schwerpunkt, wie sie in Europa entstehen, sollen einen weitgreifenden Entwicklungsschub für das gesamte Umfeld auslösen. Dies ist mancherorts schon geglückt.

Trotz aller positiver Aspekte stellt sich bei einigen der hier beschriebenen architektonischen Superlativen die Frage nach der Bespielung der Räume, insbesondere bei den neuen Konzerthäusern und deren Akustik. Kann eine aufmerksamkeiterregende Hülle ohne adäquaten Inhalt, wie beispielsweise ein erstklassiges Orchester, allein durch Gastspiele von Superstars mit Bedeutung gefüllt werden? Oder bleibt der Bau qua Form bloß eine kostspielige, mediengemachte Sehenswürdigkeit?