Britische Hightech-Ikone wiederbelebt

Aecom sanieren das Waterloo International Terminal in London

 - Erik Behrens, Jakob Schoof

Von 1994 bis 2007 war das Waterloo International Terminal von Nicholas Grimshaw in London der Zielort der Eurostar-Züge über den Ärmelkanal. Danach blieb es mehr als zehn Jahre ungenutzt. Jetzt hat das Büro Aecom das Terminal als Londoner Vorortbahnhof wiederbelebt.

Aecom sanieren das Waterloo International Terminal in London
Die ikonische Dachkonstruktion des Bahnhofs von Nicolas Grimshaw wurde geöffnet und die ehemaligen Eurostar-Terminal-Bahnsteige mit dem Bahnhof Waterloo verbunden. © Hufton + Crow

Die Straßen und Gebäude Londons stecken voller verborgener Geschichten. Ein solcher Ort ist das ehemalige Eurostar-Terminal an der Waterloo Station. Früher wurde es als eines der schönsten Beispiele britischer Hightech-Architektur gefeiert. Doch spätestens seitdem die Eurostar-Züge 2007 in den Bahnhof St.Pancras umzogen, war das von Nicolas Grimshaw entworfene Wahrzeichen so gut wie ungenutzt. Ein Jahr nach seiner Schließung wurde der stillgelegte Taxi-Tunnel von Straßenkünstlern erobert, die damit unwissentlich den Grundstein für seine zukünftige Wiederbelebung legten. Seit 2022 hat das Terminal ein neues Leben als Pendlerbahnhof begonnen und entwickelt sich allmählich zu einem neuen kulturellen Zentrum in London.

Ein anspruchsvolles Umnutzungsprojekt

Erik Behrens und das Planungsbüro Aecom haben den Terminal im Zuge der Kapazitätserweiterung des Bahnhofs Waterloo saniert. Es war das erste große Bahnhofsprojekt von Aecom Architecture in Großbritannien und laut Erik Behrens auch das bislang komplexeste Sanierungsprojekt. Zu den Herausforderungen gehörte unter anderem, dass der Bahnhof im laufenden Betrieb umgebaut werden musste. Für die bahntechnischen Aspekte arbeitete Aecom mit dem Architekturbüro WW+P zusammen. Auftraggeber waren Network Rail und LCR.

© Lindner Prater / Max Cisotti

Verbindung des internationalen Terminals mit dem Bahnhof Waterloo

Um das ehemalige internationale Terminal mit dem Bahnhof Waterloo zu verbinden und als Pendlerbahnhof wiederzueröffnen, war eine sorgfältige Planung erforderlich. Dabei galt es, neue Funktionen bestmöglich in das ikonische Bauwerk zu integrieren. Die Lücke zwischen den Dreigelenksbindern der Bahnsteighalle von Nicholas Grimshaw und dem Stahlfachwerk des Hauptbahnhofs aus den 1920er-Jahren wurden mit einer neuen Dachausfachung geschlossen. Angesichts der kontrastierenden Architekturformen der Bestandsbauten sah das Entwurfskonzept einen einfachen, verglasten Kasten vor. Er bringt das geschwungene Dach zur Geltung, anstatt ihm eine eigene visuelle Identität aufzudrängen.

© Hufton + Crow

Der ehemalige Kopfbahnhof und seine Rückseite wurden umgestaltet und zur Stadt geöffnet. Eine sanft abfallende Brücke verbindet die Bahnsteige mit der Bahnhofshalle der Waterloo Station über den ehemaligen Zugang zum Eurostar hinweg. Der ehemalige Eingang zu den Check-in- und Grenzkontrollkabinen wurde in eine offene Einkaufspassage umgewandelt. Das Gleiche gilt für den Gebäudeteil unterhalb der Bahnsteige, der das zuvor nur privilegierten Eurostar-Reisenden zugänglich war. Hier sind nun Einzelhändler und Gastronomiebetriebe untergekommen. Die ursprünglichen Betondecken an der Unterseite der Gleisbetten und Bahnsteige wurden freigelegt und in ihrer Originalstruktur erhalten.

© Hufton + Crow
© Erik Behrens

Viele der ursprünglichen Ausstattungskomponenten mussten erneuert werden, da sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht hatten und nicht mehr den neuesten gesetzlichen Standards entsprachen. Für ihren Ersatz verfolgte das Team von Aecom die Maxime, dem ursprünglichen Design des Terminals aus den 1990er-Jahren treu zu bleiben. Neue gewölbte Deckenplatten, verglaste Trennwände, Beleuchtung, Lautsprecher und Sicherheitssysteme wurden im Stil der ursprünglichen Architektur entworfen.

© Hufton + Crow

Ein neues kulturelles Zentrum entsteht

Bei der Umnutzung des Terminals bot sich die einmalige Chance, das Gebäude in einen größeren Kontext zu integrieren. Was früher eine streng bewachte Grenzkontrollstelle mit einem einzigen Ein- und Ausgang war, ist heute ein offenes, durchlässiges Gebäude, das sich allmählich zu einem neuen kulturellen Zentrum wandelt. Seit der weltweit wohl bekannteste Street-Art-Künstler, Banksy, dort 2008 das Cans Festival (Spraydosen-Festival) veranstaltete, hat sich der ehemalige Zugangstunnel zu einer offiziellen Street-Art-Galerie mit ständig wechselnden Graffiti-Wanddekorationen entwickelt. Die 150 Jahre alten Backsteinbögen unter dem Bahnhof wurden zu Veranstaltungsorten mit Vorführräumen, Bühnen, Bars und einem Indoor-Skatepark umgebaut. Neben seinem Gastronomie- und Einzelhandelsangebot beherbergt das ehemalige Eurostar-Terminal auch Pop-Art-Galerien und Modegeschäfte. Außerdem hat sich Londons größte Craft-Beer-Bar auf zwei Etagen eingemietet.

© Erik Behrens
© Erik Behrens

Der Umbau des Waterloo International Terminals zeigt, dass umgebaute Strukturen aus der Vergangenheit mit zukunftsweisenden Innovationen koexistieren können. Der Umbau ist in einen langfristigen Plan für die künftige Entwicklung der Waterloo Station und des umliegenden Gebiets an der South Bank eingebettet. Sie zielt darauf ab, ein vernetztes, sicheres und prosperierendes Stadtviertel rund um den Bahnhof zu schaffen.


Architektur: Erik Behrens mit AECOM Architecture
Partnerarchitekten Schienenanbindung: WW+P
Innenarchitekten BrewDog Pub: Surface-id
Planung Leak Street Arches & LCR Einzelhandel: C&W
Bauherr: Network Rail / LCR
Standort: Waterloo Station, London (GB)


Bauunternehmen: Wessex Capacity Alliance (Network Rail, Mott MacDonald, AECOM, Skanska und Colas Rail)
Subunternehmer Dachkonstruktion: Lindner Prater
Tragwerksplanung: Mott McDonald
Lichtplanung, Gebäudetechnik, Bauphysik: AECOM