Zuerst ging es in unserem »Paradies« recht primitiv zu. Mit Handwerkszeug und Motorsäge übten wir uns im »einfachen Bauen«. Wir schlugen Bäume, entrindeten sie, sägten sie zu Balken und stemmten Schwalbenschwanzverbindungen. Es entstand das erste Blockhaus. Doch bald gab es auch an dieser Idylle etwas auszusetzen, und so hielt nach kurzer Zeit eine wintersichere Wasserversorgung und eine holzgefeuerte, auf Konvektion basierende Warmluftheizung in einen neu erstellten Holzständerbau Einzug. Mit Sonnenenergie erwärmten wir unser Wasser, und Solarstrom nutzten wir für die Beleuchtung. Schließlich bereiteten wir mit dem Bau einer Duschzelle aus klarem Plexiglas den Rückweg in die Dekadenz der ehemals verachteten Konsumgesellschaft vor. Inzwischen ungeeignet für ein Leben in der Großstadt, zogen wir nach Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon-Territoriums im Nordwesten Kanadas.
Das Yukon-Territorium liegt nördlich des 60. Breitengrades, hat die doppelte Fläche der Bundesrepublik Deutschland und beheimatet ganze 30 000 Einwohner. Mehr als zwei Drittel davon leben in der Hauptstadt Whitehorse. Fast alle Lebensmittel, aber auch Baumaterialien kommen aus dem 1500 km entfernten, besiedelten Süden Kanadas. Wirtschaftlich ist der Yukon fast völlig von den hart erkämpften Steuerausgleichszahlungen des Bundes abhängig. Das eigene Steueraufkommen würde nicht einmal genügen, die Straßen schneefrei zu halten, ganz zu schweigen von der Finanzierung öffentlicher Bauprojekte. Dennoch gibt es in Whitehorse einen Flughafen mit Direktverbindung nach Vancouver, eine höhere Lehranstalt (regional college), ein Kulturzentrum mit Theater für 1000 Zuschauer, ein Krankenhaus, zwei Gefängnisse sowie die Gebäude für Stadtverwaltung und Territorialregierung.
Klimatisch gesehen ist der Yukon eine Kältewüste mit weniger als 200 mm Jahresniederschlag. Der Winter dauert von Oktober bis Mai bei teilweise anhaltenden Temperaturen von – 40 °C und tiefer. Im Sommer scheint die Sonne dafür 22 Stunden pro Tag und lange, regenlose Perioden mit Tagestemperaturen über 30 °C sind keine Seltenheit.
Von 1991 an arbeitete ich hier als Architekt, zuletzt mit zwei Partnern. Da zu den ökonomischen und klimatischen Bedingungen noch der Mangel an erfahrenen Bauunternehmern und Handwerkern kommt, benötigt man neben einem gesunden Menschenverstand die Fähigkeit zur Improvisation und den Blick für einfache Lösungen, um Architektur zu schaffen und mit bescheideneren Qualitätserwartungen praktische und wirtschaftliche Gebäude zu verwirklichen. Unsere Gebäude sollen darüber hinaus Freude wecken, inspirieren und begeistern. Davon dürfen auch »einfache Bauten« nicht ausgenommen werden.
Anhand der folgenden Beispiele möchte ich unseren Versuch zeigen, diesem Anspruch mit sehr einfachen Mitteln gerecht zu werden.
Kluane First Nation Waschsalon
Die kleine entlegene Gemeinde Burwash Landing am Alaska Highway wird jährlich von einer großen Zahl europäischer Wildnissucher passiert – schmutzig und müde nach ihren bestandenen Abenteuern. Unser Bauherr hatte deshalb die Idee, einen kleinen Waschsalon mit Duschgelegenheit zu bauen.
Das kleine Gebäude steht auf Dauerfrostboden. Eine technisch korrekte Pfahlgründung erschien jedoch wirtschaftlich nicht vertretbar. Wir behalfen uns nach Abtragung der organischen Bodenschicht durch das Einbringen eines Kiesbettes. Darauf wurde ein Raster von imprägnierten Holzauflagern aus 15 ≈ 15 cm starken Balken aufgebaut, auf dem die hölzerne Unterkonstruktion ruht. Der gut isolierte Fußboden und der durchlüftete Hohlraum unter dem Gebäude hilft, das Schmelzen des Dauerfrostbodens und damit Bewegungen des Bauwerks zu vermeiden. Ein System von Keilen zwischen den Holzauflagern und der Unterkonstruktion erlaubt ein Nachjustieren des »Fundaments«, falls es doch nach ein paar Jahren zu Setzungen kommen sollte. Um den Luftraum vor Tieren und sorglos mit Feuer spielenden Kindern zu schützen, setzten wir ein stabiles Stahlgitter anstelle der üblichen Holzlattung ein. Leider fallen im Norden Kanadas jedes Jahr einige Gebäude dieser Art Bränden zum Opfer, die unter ihnen gelegt werden.
Tr’ondek Hwech’in Cultural Centre
Es ist schon Ironie der Geschichte, dass das Volk der Tr’ondek Hwech’in auf die Hundertjahrfeier eines für sie schmerzlichen Ereignisses warten musste, um Gelder für den Bau eines Kulturzentrums zu bekommen und damit ihrem kulturellen Überlebenswillen ein Heim zu geben. Mit dem Ausbruch des Klondike Goldrausches wurde damals das bereits durch eine willkürliche Grenzziehung zwischen USA (Alaska) und Kanada (Yukon) geteilte Volk aus dem Gebiet der heutigen Stadt Dawson City verdrängt.
Vor die Aufgabe gestellt, ein kulturell bedeutungsvolles Gebäude für ein Volk zu entwerfen, das wegen seiner nomadischen Vergangenheit keine eigene architektonische Tradition besitzt, begannen wir mit dem Studium des Lebens der Tr’ondek Hwech’in vor ihrem ersten Kontakt mit europäischen Siedlern: In den kalten und dunklen Wintern warteten sie in ihren Erdhütten um ein Feuer sitzend auf den erlösenden Sommer, um dann am Fluss Lachse zu fangen, in den Bergen Beeren zu sammeln und der Wanderung der wilden Rentiere (Caribou) zu folgen. Diese Lebensweise und die Erzählungen der Gemeindeältesten beeinflussten unseren Entwurf. Der starke Kontrast zwischen den dunklen Wintern und den lichterfüllten Sommern des Nordens fand in der Baukörperkonfiguration seinen Ausdruck: Die introvertierte, dunkle Rotunde des Ausstellungsbereiches wurde zum Symbol des Winters, während der lichtdurchflutete Versammlungsbereich mit seiner filigranen Konstruktion an die Jagdlager und Räuchergestelle des Sommers erinnern soll.
Die Situierung auf dem Deich des Yukon Rivers gibt dem Gebäude einen direkten Bezug zum Fluss, der die Tr’ondek Hwech’in mit seinen Lachsen ernährte und auf dessen Eis und Wasser sie sich fortbewegten. Als Geste der Versöhnung stellt das Bauwerk die Verbindung zwischen Fluss und Stadt wieder her, die mit dem Deichbau verloren gegangen war. Dawson City wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Goldsuchern in Anlehnung an die Städte ihrer Heimat gebaut und ist heute eine Art Freilichtmuseum. Das Kulturzentrum der Tr’ondek Hwech’in ist das einzige Gebäude, das von den strengen historisierenden Gestaltungsrichtlinien befreit wurde.
Um den Deich nicht zu belasten und wegen des Dauerfrostbodens, war eine Pfahlgründung bis auf Grundfels für die Holzständerkonstruktion des Gebäudes notwendig. Für die aussteifende Sperrholzbeplankung wurde eingelassenes Birkensperrholz verwendet, das gleichzeitig die Fassade bildet. Die darüber liegende horizontale Lattung, die mit doppeltem Abstand auch über die Fenster fortgeführt wurde, erinnert mit ihrem harten Schattenwurf an das Innere eines Räucherhauses. Gleichzeitig kann sie zum Fensterputzen als Leiter verwendet werden.
Auch Kanadas Regierung versucht energiesparendes Bauen zu fördern. Die Förderungsprogramme waren am Anfang nicht sehr erfolgreich, da sie die erwünschten Einsparungen fast ausschließlich durch den Einsatz teurer Technologien erreichten, die vom Markt nicht akzeptiert wurden.
Das neue Förderungsprogramm »C-2000« versucht die Entwicklung von Gebäuden zu unterstützen, die Energieeinsparungen von 50% erreichen, ohne dabei die marktüblichen Baukosten zu überschreiten. Dies soll durch die optimale Synergie aller Entwurfskomponenten, von der Außengestaltung bis hin zur Haustechnik, geschehen. Dazu werden bereits die ersten Überlegungen von allen an der Planung Beteiligten gemeinsam diskutiert und entschieden. Ein solches Vorgehen steht meistens im Widerspruch zur alltäglichen Praxis, in der der Fachingenieur das Projekt erst dann zu Gesicht bekommt, wenn der Architekt seinen Entwurfsprozess bereits weitgehend abgeschlossen hat. Gleichzeitig belohnt das Commercial Buildings Incentive Program (CBIP) das Entwurfsteam mit einem Bonus in Höhe der zweifachen jährlichen Energieeinsparung für ein Gebäude, das im Rahmen dieser Programme entstanden ist und deren Zielsetzungen erfüllt hat. Vergleichsbasis ist ein simuliertes Gebäude gleicher Größe und Komplexität, das den geltenden gesetzlichen Anforderungen und dem momentanen Stand der Technik entspricht. Der Entwurf wird von den Betreuern der Programme begleitet und in allen Stadien anhand von Computersimulationen mit den Vorgaben verglichen. Nach Fertigstellung wird der tatsächliche Energiehaushalt des Neubaus ausgewertet, um die berechneten Daten zu bestätigen.
Das Gebäude der Yukon Energy Corporation steht auf dem Gelände des Umspannwerks für das Wasserkraftwerk in Whitehorse, mit Blick auf Staudamm und Turbinenhaus. Der Bauherr verlangte ein richtungsweisendes Niedrigenergiekonzept, wobei die Baukosten nicht über dem Marktdurchschnitt liegen durften. Wir beschlossen daher, das Projekt unter die Moderation der vorgenannten Programme zu stellen und erreichten unser Entwurfsziel fast ausschließlich durch nicht kostensteigernde Maßnahmen:
Die Orientierung auf dem Gelände und die Gebäudekonfiguration führen zu einer gleich-mäßigen Aufnahme von Sonnenenergie im Tagesverlauf und zur Vermeidung von Spitzen zur Mittagszeit. Alle betroffenen haustechnischen Systeme können so kleiner dimensioniert werden und länger im Bereich ihrer größten Effizienz (= Volllast) arbeiten.
Eine dezentrale Heizungs- und Lüftungsanlage, bestehend aus 27 individuellen Einheiten, vermeidet lange Kanäle großen Querschnitts und damit verbundene Energieverluste. Niedrigere Geschosshöhen, die dadurch möglich werden, senken die Baukosten. Grundwasserkühlung benötigt keine giftigen Kühlflüssigkeiten und teuren Kondensatoren.
Einfache, verzinkte Sonnenschutzgestelle funktionieren als Lichtreflektoren und verschatten die südseitigen Fenster in den Sommermonaten, ohne den Einfall indirekten Lichtes zu beeinträchtigen.
Raumtiefe und Befensterung sind, so ausgelegt, dass kein Arbeitsplatz Kunstlicht benötigt. Dieses wird bei Bedarf von Sensoren geschaltet. Die Tageslichtstrategie leistete den wesentlichsten Beitrag zum Erreichen unseres Entwurfszieles, da künstliche Beleuchtung bei diesen Gebäuden für fast 50% der Energiekosten verantwortlich ist und damit das größte Einsparungspotential bietet.
Nur durch die Verwendung von »intelligentem« Glas, das nur Licht im sichtbaren Bereich des Spektrums durchlässt und sowohl Aufheizung wie Abkühlung durch Strahlung verhindert, kam moderne Hochtechnologie zum Einsatz.
Der einfache Holzbau ist eines der ersten Gebäude in Kanada und meines Wissens das einzige nördlich des 60. Breitengrades gelegene, das die Anforderungen der C-2000 und CBIP Programme erfüllt hat. Die Baukosten lagen etwas unter denen für vergleichbare konventionelle Gebäude.
Der Fremdenverkehr ist der große Hoffnungsträger der Wirtschaft des Yukon, um unabhängiger von den Konjunkturschwankungen der Bergwerksindustrie zu werden. Bedenkt man, wie schnell unverfälschte Natur von dieser Erde verschwindet und sieht man, wie unbekümmert vor allem deutsche Ferienabenteuerer auf den Spuren Jack Londons damit umgehen, dann kann man vielleicht verstehen, dass ein Territorium mit 30 000 Einwohnern ein ganzes Gebäude dem Empfang und der Einstimmung seiner Besucher widmet. Des Weiteren sind hier die Büros des Tourismusministeriums untergebracht, das diesen Wirtschaftszweig auf Regierungsebene fördern soll.
Die Eingangshalle erschließt sowohl das Besucherzentrum als auch die Büros und ist nach den Anforderungen des Bauherrn mit formalen Hinweisen auf den viktorianischen Baustil des Klondike Goldrausches ausgeführt. Anstatt die Ornamentik dieser Periode wieder aufzugreifen, gelang es uns, diese Anforderung durch eine strenge, klassische Befensterung in einer sonst schlichten Holzfassade zu erfüllen.
Auch dieses Gebäude ist in Holzbauweise mit Ständerwänden und Holzdeckensystemen ausgeführt. Für den hohen Raum des Besucherzentrums entwickelten wir einen Fischbauchbinder aus zwei parallelen Brettschichtholz-Obergurten, einem Stahlrohr als Untergurt und diagonalen Spindeln, die wir aus den verkohlten Stämmen eines von einem Waldbrand heimgesuchten Jungwaldes fertigen ließen. Der Drehwuchs des Holzes und die interessante Geometrie der Träger zeichnen sich schön vor der schwarzen Sperrholzdecke ab.





