Man täte der Veranstaltung jedoch unrecht, würde man sie allein auf Punktzahlen und Messwerte reduzieren. Wie in einem Brennglas spiegeln sich im Solar Decathlon Tendenzen und technologische Entwicklungen im Bereich des nachhaltigen Bauens. Ferner wurden in Versailles wichtige Weichenstellungen sichtbar, die die Zukunft dieses wohl prestigeträchtigsten studentischen Architekturwettbewerbs weltweit betreffen. Denn trotz des großen Medieninteresses hatte der Solar Decathlon in den letzten Jahren kaum noch Antworten auf wichtige Zukunftsfragen zu geben. Seine Regularien waren seit der Premiere 2002 in Washington stets die gleichen gewesen. Sie sahen vor, dass jedes Team ein Wohnhaus mit 45 bis 75 m² Nutzfläche für zwei Personen entwirft und finanziert, schließlich am Wettbewerbsort baut und zwei Wochen lang betreibt. Die Bewertung umfasst zehn Kategorien, von denen sieben per Juryentscheid und drei anhand von objektiven Messergebnissen bewertet werden. Die Häuser müssen sich unter den klimatischen Bedingungen am Wettbewerbsstandort so weit als möglich selbst mit Solarenergie versorgen und sollen all jenen Komfort bieten, der auch von jedem anderen Wohnhaus erwartet werden kann.
Ideen für die Stadt von morgen
Mit diesem Regelwerk war eine gewisse Gleichförmigkeit der Entwürfe vorprogrammiert. Vor allem aber sind Einfamilienhäuser gewiss nicht der Gebäudetyp, der die städtebaulichen, sozialen und ökologischen Probleme der Ballungsräume der Welt lösen wird.
Um diesem Problem zu begegnen, entschlossen sich die Veranstalter in Versailles zu einigen Regeländerungen. Sie forderten von den Teilnehmern, dass sich ihre Häuser wichtigen Zukunftsthemen der Architektur widmen sollten wie etwa der urbanen Verdichtung, dem kostengünstigen Bauen, der Verzahnung von Architektur und Mobilität sowie einem sparsamen Ressourcen- und Energieeinsatz. Vor allem aber sollten die Entwürfe Antworten geben auf die Situation im jeweiligen Herkunftsland der Studenten.
Die Entwurfsteams begegneten der Herausforderung mit analytischem Scharfblick und Ideenreichtum. Um ihre Konzepte zu verstehen, war oft einiges an Abstraktionsvermögen nötig – weil das, was in Versailles (aus Platz-, Kosten- und Zeitgründen) im Einfamilienhausformat präsentiert wurde, meist lediglich ausschnitthafte Prototypen waren für viel weitreichendere Konzepte.
Bei dem siegreichen Objekt aus Rom handelte es sich eigentlich um das Dachgeschoss eines Mehrfamilien-Sozialwohnungsbaus in Holzbauweise, der – sofern sich ein Investor findet – dereinst an der Peripherie der italienischen Hauptstadt entstehen könnte. Das zweitplatzierte Team präsentierte ein Konzept, um einem frühmodernen Industriebau im Hafen von Nantes mit einem Mix aus Wohnen und Gewächshäusern neues Leben einzuhauchen. Die TU Delft rekonstruierte gar das komplette Reihenhaus der Großeltern eines Teammitglieds in Versailles und demonstrierte daran ihr Konzept einer solar-energetischen Sanierung. Gleich fünf Teams – darunter das viertplatzierte aus Berlin – zeigten Häuser, die eigentlich als Dachaufstockungen für Bestandsbauten gedacht sind.
Auch bei den Häusern, die nicht im Vorderfeld landeten, fehlte es nicht an interessanten Ideen: Die Studenten aus Chile und Japan befassten sich mit Wiederaufbaukonzepten nach Sturmfluten und Erdbeben. Ihre Kollegen aus Mexiko City entwarfen ein Low-Budget-Baukastensystem für die Bewohner von Armutssiedlungen, das auf das besondere Klima und auf die chronische Wasserarmut in der mexikanischen Hauptstadt Bezug nimmt. Bezahlbarkeit stand auch bei den südeuropäischen Teams im Vordergrund: Die Studenten aus Sant Cugat bei Barcelona – Sieger in der Kategorie »Architektur« – präsentierten einen Einfachstbau mit Gerüsttragwerk und Polycarbonathülle, der nach dem Wettbewerb einer Gemeinde im katalanischen Hinterland zur Verfügung gestellt werden soll. Wie er genutzt wird, bleibt den Bewohnern überlassen – das Gebäude ist so flexibel, dass es als Gemeindehaus ebenso tauglich wäre wie als Supermarkt oder Werkstattgebäude.
Drei Studententeams zeigten mit ihren Entwürfen die Potenziale nationenübergreifender Zusammenarbeit auf. Dazu zählte das Reihenhaus »Maison Reciprocity«, mit dem die Studenten aus Angers (Frankreich) und Boone (USA) den europäischen Massivholzbau in Nordamerika hoffähig machen wollen. Der Weg, den die Baumaterialien in diesem Fall nahmen, ist allerdings bezeichnend für die Frühphase eines solchen Technologietransfers: Die Brettsperrholztafeln für Außenwände, Decken und Dach wurden in Österreich gefertigt, an der Hochschule in den USA zu fertigen Bauelementen weiterverarbeitet und dann wieder zum Wettbewerb nach Europa zurückverschifft.
Nachhaltig über die Energiefrage hinaus
Dass der Solar Decathlon auch ein »solarer« Zehnkampf ist, geriet in Versailles fast zur Nebensache. Im Vordergrund der Präsentationen standen stets die städtebaulichen, konstruktiven und sozialen Aspekte. Einige wichtige Zukunftsthemen tauchten dabei immer wieder auf − so zum Beispiel die Verwendung von Recyclingwerkstoffen, die vor allem beim Innenausbau fast schon zum Standardrepertoire der Solar-Decathlon-Häuser gehörte. Überhaupt würde die Kunstfertigkeit, die viele Teams beim Innenausbau an den Tag legten, künftig durchaus eine eigene Bewertungskategorie rechtfertigen. Oft handelte es sich beim Mobiliar und anderen Einrichtungsgegenständen in den Häusern um Entwürfe von Designstudenten aus den gleichen Hochschulen.
Ein zweites, stets wiederkehrendes Trendthema war das Urban Gardening. Am weitesten trieb es dabei die Equipe aus Nantes, die das Flachdach »ihres« Industriebaus komplett mit Gewächshäusern bebauen und diese von professionellen Gartenbaubetrieben bewirtschaften lassen möchte. Bei den übrigen Häusern wären eher die Bewohner selbst als (Hobby-)Gärtner gefragt – sei es mithilfe großer Pflanztröge, begrünter Fassaden mit Automatikbewässerung oder – deutlich kostengünstiger – mit halbierten, mit Erde gefüllten Kunststoff-Getränkeflaschen.
Zukunftsthema Nummer drei: die »Sharing Economy«. Die Gemeinschaftsnutzung von Räumen und Ressourcen lag vor allem dem Haus »Your+« aus Luzern zugrunde. Es stellt einen Ausschnitt aus einer größeren Wohnüberbauung dar, in der die Wohnfläche pro Kopf statt wie in der Schweiz derzeit üblich 50 Quadratmeter nur noch 35 betragen soll. Erreicht werden soll dies durch eine differenzierte Hierarchie aus Privatzimmern und -bädern, in Kleingruppen genutzten Küchen und Wohnbereichen sowie weiteren Räumen, die allen Bewohnern der Wohnanlage zur Verfügung stehen.
Aufbruch ins Smart Grid
Bei den Energieversorgungskonzepten vollzieht der Solar Decathlon 2014 einen Paradigmenwechsel nach, der sich im Zuge der deutschen Energiewende bereits abzeichnet. Die Plusenergiehäuser der Zukunft werden keine hochgezüchteten »Solarkraftwerke« mehr sein, die zur Mittagszeit Unmengen an Solarstrom ins öffentliche Netz einspeisen und nachts dennoch auf Strom aus dem Netz angewiesen sind. Ihre Solaranlagen sind sparsamer bemessen und auf einen möglichst gleichmäßigen Energieertrag über den ganzen Tag ausgerichtet. Oft haben diese Häuser zudem einen Batteriespeicher und sind »Smart Grid«-fähig, können also einzelne Elektrogeräte gezielt ein- und ausschalten, wenn besonders viel oder wenig Strom im Netz zur Verfügung steht.
In Versailles durften die gebäudeintegrierten PV-Anlagen der Häuser maximal 5 kWp Spitzenleistung erbringen. Um dennoch eine komplette energetische Selbstversorgung zu erreichen, installierten die Teams in der Regel zusätzliche Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung und häufig auch einen Batteriespeicher. Zur Heizungsunterstützung diente die Solarthermie aber nur in den seltensten Fällen; stattdessen hatten fast alle Häuser eine Luft/Wasser-Wärmepumpe. Deutlicher waren die Unterschiede bei den passiven Maßnahmen: Während die mitteleuropäischen und nordamerikanischen Teams vor allem auf gut gedämmte Gebäudehüllen setzten, stand bei den Entwürfen für (sub-)tropische Regionen die natürliche Belüftung und passive Kühlung im Vordergrund. Als Herausforderung erwies sich angesichts der Tatsache, dass es sich bei Solar-Decathlon-Häusern aus Transportgründen traditionell um Leichtbauten handelt, die Integration thermischer Masse. Das Team aus Rom baute hierzu Metallröhren in die Außenwände ein, die mit nassem Sand gefüllt wurden. Beim Mehrzweckgebäude aus Sant Cugat bestand der Fußboden aus Betonfertigteilen, beim »Orchid House« aus Taiwan war die Westfassade aus wassergefüllten Kunststoffkanistern gefertigt, die wie Puzzleteile ineinandergesteckt werden konnten. Und in der »Casa Fenix« des Teams aus Valparaiso und La Rochelle diente ein Regal voller Wasserflaschen als Raumteiler, Trinkwasserreservoir und thermische Masse zugleich.
Innovation fand bei den Entwürfen zumeist auf der Konzept-, nicht auf der Technologieebene statt. Gleichwohl präsentierten viele Teams durchaus experimentelle Detaillösungen – von phosphoreszierenden Wandfarben, die nachts eine elektrische Beleuchtung obsolet machen sollen, bis zu Verschattungselementen, die sich − angetrieben durch Federn aus einer Formgedächtnislegierung − abhängig von der Außentemperatur automatisch öffnen und schließen.
Regionalismus trifft Ökotechnologie
Hätte Kenneth Frampton den Begriff des »kritischen Regionalismus« nicht schon vor 25 Jahren geprägt, müsste man ihn heute neu erfinden, um die Entwurfshaltung der Studententeams beim Solar Decathlon zu beschreiben. Mit großem Scharfblick haben die Studenten die Herausforderungen analysiert, vor denen Städte und ländliche Regionen in unterschiedlichen Teilen der Welt heute stehen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist eine veritable Weltausstellung junger Architektur, bei der der Wettstreit um Energiebilanzen, ja überhaupt die Vergleichbarkeit der Häuser, eher in den Hintergrund rückt. Das ist durchaus positiv zu bewerten. Arbeiten müssen die Organisatoren jedoch noch an der Öffentlichkeitswirkung ihrer Veranstaltung: Versailles mag ein geschichtsträchtiger Ort sein. Wer jedoch die Massen für das nachhaltige Bauen begeistern will, sollte für den nächsten Wettbewerb tunlichst einen publikumswirksameren Standort in Innenstadtlage anstreben.





