Fachwissen: Deutsches Gütesiegel Nachhaltiges Bauen

2008 wurde das Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen als Alternative zu international etablierten Zertifizierungssystemen wie LEED und BREEAM ins Leben gerufen. Anhand von rund 50 Einzelkriterien bewertet es die ökologische und ökonomische Nachhaltigikeit, aber auch die soziokulturelle Qualität und die Prozessqualität beim Gebäudeentwurf. Wie lässt sich ein Bewertungssystem dieser Komplexität handhaben, wie werden die notwendigen Daten erhoben? Christine Lemaitre und Peter Mösle (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen/DGNB) geben Auskunft über das Gütesiegel.

Fachwissen: Deutsches Gütesiegel Nachhaltiges Bauen
© Gerhard Hagen

Das Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen wird oft als Nachhaltigkeitszertifikat der »zweiten Generation« bezeichnet. Was bedeutet das konkret?

CL: Das DGNB-System ist performance-orientiert aufgebaut. Das bedeutet: Seine Kriterien bewerten die Auswirkungen, die einzelne Maßnahmen im Gesamtgebäude haben. Dies geschieht aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Sehr gut kann man das am Thema Materialwahl darstellen: Die Materialien fließen in die Ökobilanz und in die Lebenszykluskosten ein, aber auch in das Kriterium »Innenraumhygiene«. Hierbei wird ihre Wirkung auf den Nutzer hinsichtlich möglicher Ausdünstungen bewertet. Das Kriterium »Risiken für die lokale Umwelt« hingegen bewertet die Auswirkung der eingesetzten Materialien auf die äußere Umwelt des Gebäudes.

PM: Ein zweites Beispiel ist die CO2-Bilanz des Gebäudes. Hier sieht das System einen Best-Practice-Zielwert für den CO2-Aufwand vor. Wie der Wert erreicht wird, ist jedoch abhängig vom Konzept des Planers. Er kann zum Beispiel den Wärmeschutz verbessern, effizientere Beleuchtungs- oder Lüftungssysteme oder erneuerbare Energiequellen verwenden.

Dieses Vorgehen hat einen großen Vorteil: Ganz unterschiedliche Maßnahmen im Gebäude können ein gutes Ergebnis bei der Zertifizierung erzielen. Für Bauherren und Planer ist es dadurch möglich, einzelne Maßnahmen gegeneinander abzuwägen und die für das jeweilige Gebäude optimale Lösung zu finden.

Das Gütesiegel stellt den Anspruch, den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie zu bewerten. Auf welche Datenquellen stützt es sich dabei, und wie ausgereift sind die Werkzeuge zum Berechnen und Bewerten?

CL: Der gesamte Lebenszyklus wird insbesondere durch die Ökobilanzierung der eingesetzten Materialien und Energien sowie die Ermittlung der Lebenszykluskosten abgebildet. Des Weiteren gibt es Kriterien, die beispielsweise ein geplantes Monitoring der Betriebsdaten bewerten.

PM: Die Werkzeuge sind heute schon sehr gut entwickelt. Allen gemein ist die noch nicht vollständige Datenlage, etwa bei den Ressourcen, die für die Herstellung einzelner Materialien erforderlich sind. Es fehlen aber auch noch Angaben zur jeweiligen Nutzungsdauer sowie den Montage- und Demontagevorgängen.

Ein anderes wichtiges Thema ist das Mikroklima: Es ist wissenschaftlich belegt, dass Gebäude je nach Ausrichtung und Außengestaltung – etwa durch Farbwahl und Oberflächentextur – einen großen Einfluss auf das Stadtklima haben. Um diesen Aspekt jedoch einfach quantifizierbar und damit bewertbar zu machen, sind noch weitere Forschungsarbeiten notwendig.

Welche Anforderungen an die Gebäudedokumentation müssen erfüllt sein, damit ein Gebäude nach DGNB zertifiziert werden kann?

PM: In der DGNB-Pilotphase hat sich gezeigt, dass rund 80 % der Unterlagen, die zur Zertifizierung erforderlich sind, ohnehin während des Planungsprozesses anfallen. Die übrigen 20 % resultieren aus Nachweisen, die heute noch nicht Standard sind, wie beispielsweise der Ökobilanz.

Wie gestaltet sich der Ablauf einer Zertifizierung?

CL: Im ersten Schritt wird ein Projekt vom zuständigen Auditor bei der DGNB-Geschäftsstelle angemeldet. Anschließend beauftragt der Bauherr die DGNB mit der Prüfung zur Zertifizierung. Falls erforderlich, unterstützt die DGNB den Auditor während seines Audits. Liegen alle Unterlagen vor, werden sie geprüft; Bauherr und Auditor werden über das Ergebnis informiert. Am Ende steht die Zertifikatsvergabe, bei der der Bauherr eine Urkunde mit den detailierten Zertifizierungsergebnissen sowie eine Plakette erhält, die er am Gebäude anbringen kann.

Wer bürgt für die Objektivität der Auditoren, wer überprüft die Prüfer?

CL: Die von den Auditoren eingereichten Unterlagen werden von zwei unabhängigen Prüfern auf ihre Richtigkeit geprüft. Wenn ihnen etwas nicht nachvollziehbar erscheint oder die Dokumentation unvollständig ist, bitten sie den Auditor um Stellungnahme und geben ihm die Möglichkeit, Dokumente nachzuliefern. Erst danach wird das finale Prüfergebnis ermittelt.

Die DGNB vergibt Vorzertifikate für noch nicht erstellte Gebäude und Zertifikate für bereits realisierte Bauten. Wie unterscheiden sich Ablauf und Datenerhebung bei beiden Zertifikatstypen?

PM: Hier besteht kein prinzipieller Unterschied. Im Rahmen des Vorzertifikats kann allerdings nur der Planungsstand dokumentiert werden. Für Kriterien, die noch nicht nachweisbar sind, werden entsprechende Absichtserklärungen vorgelegt, die das Planungsziel abbilden.

Welchen Zeit- und Kostenaufwand muss man für eine Zertifizierung nach DGNB einkalkulieren?

CL: Dies kommt immer auf das Projekt an – und auf den Zeitpunkt der Entscheidung, ein Gebäude zu zertifizieren. Außerdem ist es abhängig davon, welchen Auszeichnungsstandard der Bauherr anstrebt und wie hoch sein bisheriger Baustandard ist. Grundsätzlich fallen die Kosten deutlich geringer aus, wenn der Auditor schon sehr früh in den Planungsprozess eingebunden wird. Dann kann er die entsprechenden Nachweise planungsbegleitend erbringen und sinnvolle Ergänzungen wie etwa eine Simulation in die Planung einbinden.

Gibt es eine Art »Quick-Check«, mit dem zertifizierungswillige Bauherren einschätzen können, in welche Notenkategorie ihr Bauwerk voraussichtlich fallen wird?

PM: Eine solche Voreinschätzung war schon für viele Bauherren die Grundlage, sich für eine Zertifizierung zu entscheiden, und sie wird auch künftig wichtig sein. Allerdings stellt die DGNB hierfür kein »Tool« zur Verfügung, sondern setzt auf die Erfahrung und Beratungsleistung der Auditoren.

Nach der ersten Systemvariante für Verwaltungsbau sind bei der DGNB derzeit weitere Varianten für Handels-, Industrie- und Bildungsbauten in Vorbereitung. Wie werden sich Art, Bewertung und Gewichtung der Kriterien je nach Gebäudetyp unterscheiden?

CL: Bei der Übertragung auf andere Nutzungsarten ist es uns sehr wichtig, dass die systemdefinierenden Themen wie etwa die Ökobilanz, die Lebenszykluskosten und die Hauptkriteriengruppen erhalten bleiben. Die Einzelkriterien übertragen wir so weit dies möglich und sinnvoll ist. Bei den bisher in der Entwicklung befindlichen Varianten erweist sich dies als sehr gut umsetzbar.

PM: Die Systemvarianten können sich bei der Nachweisform sowie den Grenz- und Zielwerten einzelner Kriterien unterscheiden. Zum Beispiel beträgt der Betrachtungszeitraum für die Lebenszykluskosten bei Industriebauten 15 bis 20 Jahre, bei Bürobauten dagegen 50 Jahre. An den Bedeutungsfaktoren, die die gesellschaftliche und politische Relevanz eines Kriteriums repräsentieren, wird für keine Systemvariante etwas verändert. Allenfalls wird die Gewichtung über den neu eingeführten »nutzungsspezifischen Faktor« leicht modifiziert, wenn dies sinnvoll erscheint.

Wie weit sind die Überlegungen zur Zertifizierung von Bestandsgebäuden inzwischen gediehen?

CL: Die Entwicklung der Systemvariante »Bestand Büro und Verwaltung« haben wir im März dieses Jahres gestartet. Das System basiert auf dem Kriterienkatalog der Neubauvariante, aber es zeichnet sich durch einen mehrstufigen Prozess aus. Im Vergleich zum Neubau ist es bei einem Bestandsgebäude oft viel schwieriger, die für die Zertifizierung benötigten Unterlagen zu erhalten. Daher startet die Bestandsvariante zunächst mit einer Voreinschätzung des Gebäudes, die auf Basis der vorhandenen Unterlagen und einer Gebäudebegehung getroffen wird. Für detaillierte Informationen können danach auch invasive Maßnahmen erforderlich werden. Liegen alle notwendigen Informationen vor, wird auf dieser Basis eine Bewertung des Gebäudes in Anlehnung an die DGNB-Neubaukriterien durchgeführt. So erhält man einerseits eine Aussage darüber, wie das Qualitätsniveau des Gebäudes im Vergleich zu einem Neubau einzuordnen ist, und andererseits eine Grundlage für einen Maßnahmenplan zur Modernisierung.

Auch die Nachhaltigkeit von Bestandsgebäuden unterliegt Veränderungen. Wird ein Gütesiegel für Bestandsbauten daher eine unbegrenzte Gültigkeit haben oder regelmäßig erneuert werden müssen?

PM: Die Plakette, mit der die Zertifizierung dokumentiert wird, enthält die Jahreszahl der Version, auf der die Zertifizierung beruht. Es ist also transparent, wann zertifiziert wurde. Eine Erneuerung wäre nur sinnvoll, wenn das Gebäude verändert wird, ansonsten wäre die Datenbasis ja mit der Ursprungszertifizierung identisch.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie das Gütesiegel auf ausländische Märkte adaptieren?

CL: Wir benötigen zunächst einen lokalen, qualifizierten Kooperationspartner. Im besten Fall gibt es bereits erste Gebäude für Pilotprojekte, an denen man eine Adaption praxisorientiert umsetzen kann. Das Vorgehen ist sehr ähnlich wie bei der Entwicklung einer neuen Systemvariante: Zunächst wird gemeinsam untersucht, inwieweit unser System direkt anwendbar ist und wo die Unterschiede hinsichtlich Normung, Klima oder auch Baustandard liegen. Wenn diese identifiziert sind, werden die entsprechenden Kriterien von den lokalen Experten überarbeitet. Diese Anpassung erfolgt in engem Dialog mit der DGNB und ist mit einem Qualitätsmanagement-Verfahren verbunden. Es folgen die Anwendung an konkreten Projekten, die Auswertung dieser Anwendung und eventuell eine weitere Überarbeitung des Kriterienkatalogs. Wichtig für uns ist dabei, dass die Gebäude aus verschiedenen Regionen miteinander vergleichbar gemacht werden können.

Wie weit muss die Anpassung an örtliche Gegebenheiten gehen, und wie erhalten Sie dabei die Qualitätsstandards des DGNB?

PM: Die Adaption ist aus unserer Sicht immer erforderlich. Ihr Umfang kann sehr unterschiedlich ausfallen. Für die DGNB ist es sehr wichtig, dass das System sinnvoll angepasst wird, um die Akzeptanz für eine Zertifizierung und für das Thema Nachhaltigkeit im Allgemeinen zu fördern. Es wird jedoch eine Art Referenzgebäude-Verfahren für die Anpassung geben, sodass eine Vergleichbarkeit der Qualitäten im internationalen Kontext gegeben ist.

CL: Unseren qualitativen Anspruch stellen wir außerdem durch die enge Kooperation sicher, also durch die Mitarbeit der DGNB bei der Systemübertragung. Wir können es uns sicher nicht leisten, dass andere Länder mit dem deutschen System werben und eine schlechtere Gebäudequalität auszeichnen.