Diskussion: Gelebte Geschichte - ein Gespräch über die Entstehung des neuen Estnischen Nationalmuseums in Tartu

 - Roland Pawlitschko

Tartu ist mit rund 100 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Estlands. Hier befindet sich nicht nur die landesweit älteste Universität, sondern auch das im Jahr 1909 gegründete Estnische Nationalmuseum. Nach der Zerstörung des Gebäudes während des Zweiten Weltkriegs wurden dessen Exponate auf mehrere Standorte in der Innenstadt verteilt. Seit Eröffnung eines Neubaus des französischen Büros DGT. Dorell.Ghotmeh.Tane / Architects sind sie seit Oktober 2016 erstmals wieder unter einem Dach zu sehen.

Diskussion: Gelebte Geschichte - ein Gespräch über die Entstehung des neuen Estnischen Nationalmuseums in Tartu
Haupteingang des Estnischen Nationalmuseums, Tartu, DGT. Dorell.Ghotmeh.Tane / Architects © Takuji Shimmura

DETAIL sprach mit dem Architekten Dan Dorell, der Landschaftsarchitektin Karin Bachmann und Tiit Sild, ehemaliger Stadtarchitekt von Tartu, über die Entstehungsgeschichte des Museums, die zugleich die neuere estnische Geschichte widerspiegelt.

DETAIL: Aus welchem Grund liegt das neue Estnische Nationalmuseum nicht in der Hauptstadt Tallinn und auch nicht im Zentrum Tartus, sondern auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen an deren nordwestlichem Stadtrand?

Tiit Sild: Die Wahl dieses geschichtsträchtigen Standorts basiert einerseits auf einer politischen Entscheidung, war andererseits aber auch der dezidierte Wunsch der Museumsleitung. Das Gelände spiegelt in gewisser Weise auch die Geschichte unseres Landes wider. Hier befand sich in einem vom deutschen Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné gestalteten Park (Raadi mõisa park) seit Ende des 18. Jahrhunderts das Gutshaus (Raadi mõis) der deutschen Familie Liphart (Abb. 4), die unter anderem für ihre Kunstsammlung bekannt war. Ein Teil ihrer Werke bildete den Grundstock der Sammlung des Estnischen Nationalmuseums, das seit dem Wegzug der Familie im Zusammenhang mit der 1918 erklärten Unabhängigkeit Estlands im leerstehenden Gutshaus untergebracht war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der weitgehenden Zerstörung des Gebäudes (ein Teil der Ruinen ist noch immer im Park zu sehen, Abb. 5) wurde die Sammlung aufgeteilt und an mehreren Standorten in der Innenstadt untergebracht, während auf einer Teilfläche des Raadi-Parks ein Militärflugplatz der sowjetischen Luftstreitkräfte entstand. Für die Bevölkerung frei zugänglich wurde das Areal erst nach Ende der sowjetischen Besatzung im Jahr 1990 (Abb. 5, 6).

Das neue Nationalmuseum nun ausgerechnet an diesem Standort zu errichten, ist nach der Nutzung des Gutshauses der Familie Liphart gewissermaßen der zweite Versuch, einen aus Sicht der estnischen Geschichte eher negativ besetzten Ort in etwas Positives, etwas Eigenes zu verwandeln.

Karin Bachmann: Man könnte das Museum auch als eine Art Rehabilitationsprogramm oder Befreiungsschlag für die ureigene estnische Geschichte beschreiben – nach fast 700 Jahren der unterschiedlichsten schwedischen, deutschen und russischen Besatzungszeiten.

DETAIL: Herr Sild, als Architekt der Stadt Tartu 2005 waren Sie an der Erstellung der Wettbewerbsunterlagen beteiligt. Wie sind Sie damals vorgegangen?

Tiit Sild: Das Nationalmuseum ist nach dem vom finnischen Architekten Pekka Juhani Vapaavuori geplanten und im Jahr 2006 eröffneten Estnischen Kunstmuseum in Tallinn (Eesti Kunstimuuseumi) nun schon das zweite Gebäude, über dessen Errichtung als Projekt mit nationaler Bedeutung im Parlament abgestimmt wurde – als nächstes Projekt dieser Art ist ein neues Opernhaus in Tallinn im Gespräch.

Für das Nationalmuseum wurde im Jahr 2005 ein EU-weit offener Architektenwettbewerb und nicht etwa ein rein preisorientiertes Verhandlungsverfahren ausgelobt, um eine hohe Qualität auf wirklich allen Ebenen zu erreichen. Im Fokus stand nämlich keineswegs nur die architektonische Gestaltung, auch wenn es von Anfang an den Wunsch gab, hiermit ein gestalterisches Statement zu setzen. Vielmehr sollte das Museum als Ganzes relevant sein und auch international Beachtung finden. Das kommt allein dadurch zum Ausdruck, dass das Museum für ein Land mit 1,3 Millionen Einwohnern verhältnismäßig groß ist.

Wenn man gut mit dem internationalen Museumsbetrieb und vergleichbaren Einrichtungen vernetzt sein möchte, ist ein gewisser Anspruch unabdingbar. Schon deshalb wäre es wenig sinnvoll gewesen, den Wettbewerb nur unter estnischen Architekten auszuloben.

DETAIL: Wurden Überlegungen in diese Richtung angestellt?

Tiit Sild: Tatsächlich gab es vereinzelte Stimmen, die dies forderten. Auf der einen Seite ist es in Estland selbst bei EU-weit ausgeschriebenen Architektenwettbewerben noch immer nicht üblich, die Auslobungsunterlagen vollständig ins Englische zu übersetzen, sodass die Zahl der internationalen Teilnehmer zwangsläufig nicht so groß ist, wie sie sein könnte. Auf der anderen Seite gab es aber auch bereits viele internationale Architektenwettbewerbe: beispielsweise für das neue Rathaus in Tallinn mit einem bislang unrealisierten Siegerprojekt der Bjarke Ingels Group.

DETAIL: Wenn Sie den Wettbewerb heute noch einmal ausschreiben könnten, was würden Sie anders machen?

Tiit Sild: Heute gibt es mehr Regulatorien, die sowohl die Rechte als auch die Verantwortlichkeiten von Architekten ausführlich beschreiben. Grundsätzlich ist der Unterschied gar nicht so groß. Vieles ist lediglich etwas genauer festgehalten.

DETAIL: Herr Dorell, mit welchen Erwartungen haben Sie 2005 am Wettbewerb des Estnischen Nationalmuseums teilgenommen?

Dan Dorell: Meine beiden Büropartner und ich haben damals in verschiedenen Büros gearbeitet und nach einer Herausforderung gesucht. Die Auslobung hat uns neugierig gemacht, sodass wir uns sofort intensiv mit der Geschichte Estlands, dem Standort und der Bauaufgabe beschäftigt haben. Dabei kamen wir recht schnell zur heutigen Form und Lage des Gebäudes.

Dennoch haben wir das Ganze eigentlich eher idealistisch und spielerisch betrachtet, auf jeden Fall hat keiner von uns damit gerechnet, dass wir gewinnen könnten – mit 32 Jahren war ich der Älteste, meine Partner waren beide erst 26. Aufgrund des damals in Estland herrschenden Baubooms sagten uns die meisten potenziellen Partnerbüros sofort ab, weil sie ohnehin schon alle Hände voll zu tun hatten. Zufällig trafen wir dann auf Tomomi Hayashi, einen japanischen Architekten, der seit gut 20 Jahren in Estland arbeitet und mit dem estnischen Architekten Hanno Grossschmidt zusammen das Büro Hayashi – Grossschmidt Arhitektuur führt. Karin Bachmann und ihre Büropartner Mirko Traks und Henn Runnel kamen später hinzu, ebenso wie die Innenarchitektin Pille Lausmäe, die sich durch die Planung des Kunstmuseums in Tallinn einen Namen gemacht hat. Die ersten Besprechungen fanden im Büro der Tragwerksplaner statt, die zugleich als Architekten tätig sind und auch die Baugenehmigung eingereicht haben.

DETAIL: Dachten Sie daran, ein eigenes Büro in Estland zu eröffnen?

Dan Dorell: Das Museum hat sich das anfänglich gewünscht. Doch nicht zuletzt aus familiären Gründen haben wir uns damals dagegen entschieden und unser erstes eigenes Büro stattdessen in Paris gegründet.

DETAIL: Wie verlief der Planungs- und Bauprozess im Vergleich zu dem, was Ihnen bis dahin vertraut war?

Dan Dorell: Als wir anfingen, in Tartu zu arbeiten, hatten wir nicht das Gefühl, dass die Abläufe hier sehr systematisch sind – in meiner Zeit in den Büros von Renzo Piano und Jean Nouvel bin ich jedenfalls anderen Prozessen begegnet. So musste die damalige Museumsdirektorin auch ein Jahr nach dem Wettbewerbsgewinn noch immer das Parlament davon überzeugen, das Projekt – zusammen mit uns, den jungen französischen Architekten – realisieren zu dürfen.

Bis zum Vertragsabschluss Mitte 2007 hatten wir eineinhalb Jahre ohne Auftrag und ohne einen Cent Honorar daran gearbeitetet, die Befürworter des Projekts mit eigens erstellten Plänen und Zeichnungen zu unterstützen, um das Museum überhaupt erst möglich zu machen. Hinzu kamen unzählige unbezahlte Reisen nach Tartu. Dadurch gingen wir ein hohes Risiko ein. Schließlich gab jeder von uns seinen bisherigen Job auf, um mit nichts als dem Preisgeld an einem Projekt zu arbeiten, das vielleicht nie gebaut würde.

Mit dem vertraglich festgelegten Honorar konnten wir gerade überleben – aber auch nur, weil wir als Büro sehr flexibel und klein waren und unser Geld mit anderen Projekten verdienten. Für estnische Verhältnisse war es hingegen die höchste Summe, die je für einen Bauauftrag ausgegeben wurde.

DETAIL: Wie sah dieser Vertrag aus?

Dan Dorell: Mit dem Vertrag erschien es uns grundsätzlich vorstellbar, das Projekt realisieren zu können. Als der Startschuss dann in greifbare Nähe rückte, brachten wir einen auf eigene Kosten erstellten Vertragsentwurf mit, wie er in Frankreich oder Deutschland üblich ist. Darin war unter anderem geregelt, dass es Anpassungen geben sollte (also sich das Honorar erhöht), wenn sich beispielsweise die Rohstoffpreise, der Projektumfang oder die Zeitschiene verändern. Dieser Entwurf blieb allerdings unberücksichtigt und wir erhielten einen Vertrag, in dem eine genau festgelegte Bausumme definiert wurde. Dies bedeutet zugleich, dass es weder für den Bauherrn noch für uns oder andere Beteiligte Möglichkeiten für bauliche Veränderungen gab – es sei denn, sie führen zu Verbilligungen.

DETAIL: War das Projekt zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon ausreichend definiert?

Dan Dorell: Das Gebäude war von Anfang an als landschaftlich eingreifende Geste konzipiert, und eine präzise Vorstellung eines Ausstellungskonzepts war Teil des Wettbewerbs. Natürlich war dem Auslober klar, dass viele Aspekte im Wettbewerbsentwurf nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt waren. Zugleich erschien ihm das Konzept aber offensichtlich so stark, dass sich der Rest später regeln ließe. 

DETAIL:Trotz dieser Unwägbarkeiten war auf diese Weise zumindest eine Kostenexplosion ausgeschlossen.

Dan Dorell: Das Gebäude liegt vor allem deshalb im prognostizierten Kostenrahmen, weil wir als Architekten finanziell extrem ausgequetscht wurden.

DETAIL:Weshalb zog sich die Umsetzung des Projekts über so viele Jahre hin? Die Fertigstellung war ursprünglich für 2009 geplant. Dann dauerte schon allein die Planung sieben Jahre.

Dan Dorell: Das lag an den politischen Schwierigkeiten, das Museum durchzusetzen, vor allem aber daran, dass es so lange dauerte, die Finanzierung zu sichern. Die Entscheidung, das Museum hier und nicht in der Hauptstadt Tallinn zu bauen, war einer der Gründe dafür, dass die beantragten EU-Fördergelder nicht genehmigt wurden und dass das Land letztlich für die gesamte Bausumme selbst aufkommen musste.

DETAIL:Sind die heutigen Bauvorschriften, Brandschutzaspekte und andere Vorschriften vergleichbar mit dem, was heute in anderen europäischen Ländern üblich ist?

Tiit Sild: Das ist sehr gut vergleichbar. Die Baugesetze in Estland basieren zum Teil auf alten deutschen oder sowjetischen, vor allem aber auf finnischen Regularien, die ja wiederum Teil der aktuellen EU-Gesetzgebung und dadurch EU-konform sind. Insofern gibt es kaum Unterschiede.

Die Nähe zu Finnland ist allein durch die verwandten Sprachen und die geografische Nähe groß. Hinzu kommt, dass es Finnland trotz seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu Russland in der Geschichte immer geschafft hat, unabhängig zu bleiben, und es dadurch für uns eine Art Vorbildfunktion besitzt.

DETAIL: Welche Unterschiede zu den größeren mitteleuropäischen Ländern haben Sie als Architekt, abgesehen von der Sprache, in der Planungsphase als besonders signifikant erlebt?

Dan Dorell: Sprachbarrieren waren eigentlich nie ein Thema. Zumindest alle projektbeteiligten Planer sprechen sehr gut Englisch. Bei den ausführenden Firmen sah es anderes aus, doch hier waren vor allem unsere lokalen Partner tätig. Eine Besonderheit liegt sicherlich darin, dass Estland ein kleines Land ist, in dem kurze Wege, schnelle Abstimmungen und bei Bedarf auch mal Telefonate mit dem Präsidenten möglich sind.

Ein Unterschied, dem wir auch immer wieder begegnet sind, liegt im Umgang mit dem Begriff Nachhaltigkeit, der bei uns stets mit Zertifikaten, speziellen Vorschriften und Ökologie-Diskussionen verknüpft ist. Bei unserem Projekt spielte all das keine Rolle. Stattdessen basiert der Nachhaltigkeitsgedanke hier vor allem auf den in vielen entbehrungsreichen Jahren gesammelten Erfahrungen, mit wenig viel zu erreichen. Das Nationalmuseum gibt es als Einrichtung seit fast hundert Jahren an den unterschiedlichsten Standorten in Tartu. Doch unabhängig davon, wo auch immer sich das Museum befand: Mit extrem geringen finanziellen Mitteln hatte die Museumsleitung sicher zu jedem Zeitpunkt zu kämpfen.

Nachhaltigkeit bedeutet in Estland aber auch die intensive Beschäftigung mit dem Unterhaltsaufwand. Die Betriebkosten des Museums sind nicht zuletzt deshalb sehr gering – Hightech-Ausstattungen, Solarpaneele oder andere technische Finessen gibt es nicht. Wir haben vor allem passive Maßnahmen getroffen: z.B. die Vermeidung von Wärmebrücken oder große Dämmstärken.

DETAIL: Frau Bachmann, welchen Stellenwert hat Landschaftsarchitektur vor dem Kostenhintergrund in Estland?

Karin Bachmann: Bislang verzeichnen wir ein insgesamt relativ geringes Bewusstsein für die Gestaltung des Gebäudeumfelds. Es gibt nur relativ wenig wohlhabende Menschen, die sich ein Haus mit gestalteten Grünflächen leisten können. Meistens sind die finanziellen Mittel bereits aufgebraucht, wenn das Haus erst einmal gebaut ist. Beim Nationalmuseum gab es hingegen von Anfang an ein fest eingeplantes Budget.

DETAIL: Können Sie das landschaftsplanerische Konzept kurz erläutern?

Karin Bachmann: Die Grünflächen rund um das Nationalmuseum waren sehr lange sich selbst überlassen – in der Zeit des sowjetischen Sperrgebiets ebenso wie in den Jahren danach. Dieses mehr oder weniger natürliche Umfeld, das sich Tiere und Pflanzen bereits seit längerem zurückerobern, wollten weder die Architekten noch wir grundlegend verändern. Und so basiert unser Konzept auf der Idee, eine möglichst natürliche Vegetation zu etablieren, die zum einen nahtlos in die restlichen Flächen des ehemaligen Militärflughafens übergeht, zum anderen aber auch nur sehr wenig Unterhalt benötigt. Geometrische Strukturen und in Reihen gepflanzte Bäume gibt es daher nur im Bereich des Haupteingangs (Abb. 9).

DETAIL: Welche Rolle spielt das Estnische National-museum heute für Estland?

Dan Dorell: Estnische Architektur steht bei den internationalen Medien nicht gerade im Mittelpunkt. Mit diesem Neubau hat sich dies ein wenig geändert. Das Gebäude hat bereits einige Architekturpreise gewonnen, z. B. den Grand Prix d’Architecture International, und wird auch im baltischen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig gezeigt (Abb. 10). Und die Architekturdiskussion in Estland hat es allemal beflügelt.