Essay: Transluzenz und Transparenz - Fassaden aus Metall

 - Roland Pawlitschko

Gewebe, Lochbleche oder aneinander gereihte Profile: Fassaden aus Metall können rigide, beständig und sicher, zugleich aber auch sinnlich, fragil und luftig sein. Die im Folgenden vorgestellten aktuellen Projekte zeigen unterschiedlichste Bauaufgaben und gestalterische Lösungen, die den Baustoff Metall ebenso unkonventionell wie selbstverständlich einsetzen.

Essay: Transluzenz und Transparenz - Fassaden aus Metall
Das von Staab Architekten im Hafen von Bremerhaven geplante Thünen-Institut für Fischereiökologie und Seefischerei verfügt über eine Fassade aus zwei unterschiedlich stark perforierten, eloxierten Alupaneelen. Aufgrund des unterschiedlichen Lochanteils erscheinen diese in zwei verschiedenen Farbtönen. © Marcus Ebener

Im architektonischen Alltag finden Metalle am häufigsten in vollflächigen Dachdeckungen und Fassadenbekleidungen sowie in Tragwerken Anwendung, um insbesondere bei Industrie- und Bürogebäuden für dauerhafte Dichtigkeit und robuste Konstruktionen zu sorgen. Über diese rein funktionalen Eigenschaften hinaus bieten vielfältige Bearbeitungs- und Beschichtungsmethoden eine nahezu unerschöpfliche Fülle an Gestaltungsmöglichkeiten. Trotz des mitunter hohen Gewichts und des an sich starren Ausgangsmaterials können Gebäudehüllen aus Metall nicht nur leicht und durchlässig, sondern bisweilen auch sehr poetisch wirken.

Im Wortsinn als Vorhangfassade zeigt sich beispielsweise das Metallnetz, das die Architekten von Office Kersten Geers David Van Severen für ein Musik- und Kulturzentrum in der Altstadt von Al- Muharraq in Bahrain entwarfen. Der dreigeschossige Stahlbetonskelettbau ist ringsum von einem Schleier aus verwobenen, geölten 10-mm-Stahlringen umgeben, der während der Öffnungszeiten im Bereich des Erdgeschosses wie ein geraffter Vorhang nach oben gezogen werden kann. Sind bei Musikaufführungen zudem noch sämtliche gläserne Falttüren geöffnet, so erweitert sich der Zuschauerraum in die umliegenden Gassen.

Die umlaufende Schicht aus raumhohen Fenstertüren bildet den eigentlichen klimatischen Gebäudeabschluss, während das Metallnetz im Obergeschoss zugleich als Absturzsicherung sowie zusammen mit Holz-Klappläden als Sicht- und Sonnenschutz dient. Außerhalb der Öffnungszeiten werden einzelne Ringe punktuell am Boden fixiert, um das Musik- und Kulturzentrum weithin sichtbar abzuschließen.

Klar und doch verschwommen

Das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner konzipierte den Erweiterungsbau der Mannheimer Kunsthalle als Stadt in der Stadt. Ausstellungs- und Funktionsräume platzierten die Architekten dabei in einzelnen Baukörpern, die sich zwischen internen Wegen, Gassen und Plätzen befinden. Um die dynamische Kubatur nach außen dennoch als einheitliche Gesamtfigur erscheinen zu lassen, entwarfen sie ein durchscheinendes, bronziertes Edelstahlgewebe aus vertikalen Kettseilen und horizontalen Schussdrähten und Röhren. Farblich nimmt das Gewebe Bezug auf die benachbarten Sandsteinfassaden.

Vor den Fenstern und Festverglasungen befinden sich ausschließlich 3 mm dünne Schussdrähte, die einen fast ungestörten Blick ins Freie ermöglichen, während in den Bereichen vor der geschlos-senen Faserzementfassade zusätzlich 25 mm dicke Röhren eingewebt wurden. Die so entstandenen unterschiedlichen Transparenzgrade führen zu spannungsvollen Überlagerungen und lassen das insgesamt 4635 m2 große, 40 t schwere und in 72 Bahnen montierte Metallgewebe je nach Tages- und Jahreszeit in immer wieder neuem Licht erscheinen.

Luftige, schützende Gebäudehüllen

Die Fassade des neuen Parkhauses in Lindau besteht aus rechtwinklig gekanteten, kupferfarben pulverbeschichteten Aluminium-Lochblechen. Dass auch diese Gebäudehülle die Leichtigkeit eines tex-tilen Vorhangs ausstrahlt, liegt an der Kombination von drei zwar gleich tief (5 cm), aber unterschiedlich breit (5–15 cm) gekanteten Blechtypen mit fünf verschiedenen Lochungen von 14–22 mm Durchmesser. Das unregelmäßige Nebeneinander dieser insgesamt 15 Blechvarianten sorgt nicht nur für eine luftig wirkende Fassade, die nebenbei die natürliche Belüftung und Entrauchung sicherstellt. Es erleichterte auch das Kaschieren der Blechstöße und ermöglichte es den Architekten von Auer Weber zugleich, ohne Beeinträchtigung des einheitlichen Erscheinungsbilds den prozentualen Lochquerschnitt zu variieren – etwa um gezielt Sichtbezüge herzustellen oder einzuschränken. Das Bild des ungleichmäßig fallenden Vorhangs eröffnet sich vor allem tagsüber von innen und nachts von außen, wenn die kupfern glänzenden Lochbleche alle Autos gleichfarbig aussehen lassen. Konzeptionell bezieht sich die Parkhausfassade auf die unmittelbar benachbarte, zeitgleich ebenfalls von Auer Weber geplante Inselhalle – ein Kongresszentrum mit skulpturaler, kupferfarbener Dachlandschaft, deren seitlicher Abschluss aus ganz ähnlichen Aluminiumblechen besteht.

Ein einheitliches bauliches Erscheinungsbild war auch das Ziel einer Einrichtung für Menschen mit psychischen, somatischen und sozialen suchtbedingten Problemen im schweizerischen Saxon. Die Fassade hatte insbesondere die Aufgabe, die unterschiedlichen Gebäudeteile zusammenzubinden – einen Innenhof, Werkstätten, Büros, Freizeit- und Essensbereiche im Erdgeschoss sowie Wohnbereiche in den Obergeschossen. Das vom Büro bonnard woeffray architectes geplante Gebäude bezieht sich in seiner Kubatur auf die Lagerhallen der benachbarten Aprikosenplantagen und soll den dort auf be-stimmte Zeit lebenden Menschen ein Zuhause bieten, in dem sie sich in Ruhe auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereiten können.

Auf den ersten Blick wirkt die orange-bronzefarben eloxierte Aluminium-Lochfassade extravagant, in Wirklichkeit besteht sie aber aus üblicherweise bei Industriebauten eingesetzten, rund 15 cm tiefen Standard-Trapezblechprofilen. Über Fassadenöffnungen hinweg geht die gleichmäßig perforierte Hülle dabei lediglich in den Bereichen der öffenbaren Fensterflügel und der Loggien in den Wohngeschossen. Bei letzteren sollen die Lochbleche die Bewohner vor den teils heftigen Winden des Rhone-Tals schützen und zugleich ein hohes Maß an Privatsphäre bieten. Umgekehrt verhindern sie auf subtile Weise, dass Menschen aus den Fenstern oder von Loggien in die Tiefe fallen. Dieses Trapezblech, das in einigen Innenräumen auch als Deckenverkleidung zum Einsatz kommt, wurde zum einen aus Kostengründen ausgewählt, zum anderen, weil sich damit klare Gebäudekonturen schaffen lassen, die dennoch über bewegte Oberflächen verfügen.

Einfache Profile, komplexe räumliche Effekte

Für die ungewöhnliche Bauaufgabe, drei Einfeld- Sporthallen übereinander zu stapeln, entwarf das Büro h4a Gessert + Randecker Architekten eine ungewöhnliche Gebäudehülle. So erhielt die Sporthalle des Kepler- und Humboldt-Gymnasiums in Ulm vertikale, verkehrsweiß nasslackbeschichtete Aluminiumlamellen, welche die fast identischen, jeweils eigenständig nutzbaren Hallen nach außen zu einer homogenen Einheit fügen. Die besondere Außenwirkung entsteht dadurch, dass die in insgesamt fünf Teilabschnitten vom Boden bis zur Attika übereinander und überall gleich montierten Lamellen von einem Befestigungspunkt zum nächsten in 30°-Schritten hin und wieder zurück gedreht sind. Je nach Standpunkt geben die Lamellen mal klar und mal schemenhaft den Blick auf die dahinter liegenden WDVS-Fassaden und Fensterbänder frei – zugleich dienen sie der gezielten Lichtlenkung und dem Sonnenschutz. Mit vergleichsweise einfachen Mitteln bilden die insgesamt 232 Lamellen einen mystisch flirrenden Schleier, der das 18 m hohe Gebäude an einer der wichtigsten Verkehrsachsen Ulms zur wichtigen Landmarke macht.

Dass sich selbst mit einfachen runden Hohlprofilen mit 5 cm Durchmesser erstaunliche räumliche Effekte erzielen lassen, zeigt ein Bürogebäude des Architekturstudios Brenac & Gonzalez in Paris. Der als Stahlskelettkonstruktion über einer Bahnlinie konzipierte Neubau verfügt über einen trapezförmigen, tiefen Grundriss, der mithilfe durchlaufender Fensterbänder dennoch gut belichtet wird. Um dem zwischen Eisenbahngleisen und Hauptverkehrsstraßen situierten Baukörper mit Pfosten-Riegel-Fassade ein charakteristisches Äußeres zu geben, ohne dabei die gute Belichtungssituation wesentlich zu beeinträchtigen, planten die Architekten eine vorgesetzte Schicht aus vertikal und diagonal in quadratischen Modulen montierten, silbern eloxierten Aluminiumröhren. Durch die Kombination von lediglich fünf Modulen mit unterschiedlich gedrehten Röhren entsteht eine komplexe, tagsüber wie auch nachts glitzernde Gebäudehülle mit einzigartigem Licht-und-Schatten-Spiel.

Vergleichsweise geschlossen, aber ebenfalls sehr plastisch wirkt die Fassade des von Staab Architekten geplanten Thünen-Instituts für Fischereiökologie und Seefischerei im Bremerhavener Hafengelände. Erinnert die Zick-Zack-Fassade aus der Entfernung vor allem an die Seitenwände von Überseecontainern, zeigt sie sich bei näherer Betrachtung wesentlich feingliedriger: Sie besteht durchgängig aus gelochten, silbern eloxierten Aluminiumpaneelen, deren Lochanteil im Bereich der Fensteröffnungen mit Schiebeläden größer ist als in den geschlossenen Bereichen und die daher in einer etwas dunkleren Farbe erscheinen.

Vielfältige Lösungen

Für die Verwendung von transparenten und transluzenten Metallfassaden sprechen viele verschiedene Gründe, die sich in der Regel auf städtebauliche und gestalterische Aspekte zurückführen lassen. Ganz gleich aber, ob Netze, Gewebe, Bleche oder Profile verwendet werden – die Vielfalt der Geometrien, Formen und Farben der hier gezeigten Lösungen macht deutlich, dass sich Metallfassaden keineswegs nur für Industrie- und Bürogebäude eignen, sondern für Gebäude aller Nutzungen.