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Wie baue ich einen Wolkenkratzer? Ein Bericht aus den USA

Wo es Menschen in die Städte zieht, wächst die Nachfrage nach Hochhäusern. Das war auch in den USA der Nachkriegszeit so, obwohl damals das Automobil seinen Siegeszug antrat und das Einfamilienhaus zum gesellschaftlichen Leitbild beim Wohnen wurde. Dirk Lohan, Mies van der Rohes Enkel, beschreibt 1969 in Detail die Lage im Land: Binnen 100 Jahren war die Stadtbevölkerung in den USA auf das 16-fache gestiegen. Allein zwischen 1953 und 1968 hatte sich die Zahl der Dienstleistungsjobs nahezu verdoppelt. In den Zentren von Chicago und Manhattan kostete ein Quadratmeter Grund und Boden damals schon umgerechnet 10.000 D-Mark. Speziell im Bürobau wandelten sich die Nutzungsansprüche so schnell, dass Hochhäuser laut Lohan nur auf eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgelegt wurden. (Heute wissen wir, dass sie in der Regel deutlich länger überdauert haben – hohe Aufwendungen für Sanierungen inklusive).
 
Schon in den Hochhäusern der „Chicago School“ Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Tragwerke aus Stahl bestanden. Das war auch noch bei den Wolkenkratzern der Nachkriegszeit so. Eine wesentliche Neuerung brachten die späten 60er-Jahre jedoch: Bei dem von Fazlur Khan entwickelten Rohrrahmen-Konzept war es nicht mehr der massive Gebäudekern, der das Haus trug und aussteifte. Vielmehr setzte Khan auf eine Arbeitsteilung der Bauglieder, bei der ein in die Gebäudehülle integriertes Exoskelett maßgeblich zur Horizontalaussteifung beitrug. Dirk Lohans Beitrag zeigt, dass sich damit bislang ungekannte Gebäudehöhen bei großer Materialeffizienz erreichen ließen. Höhepunkte der Entwicklung waren das 1969 noch im Bau befindliche John Hancock Center in Chicago von Skidmore Owings & Merrill und die ebenfalls noch nicht fertiggestellten Zwillingstürme des World Trade Center von Minoru Yamasaki in New York.
 
Die Initialzündung der zweiten großen US-amerikanischen Hochhaus-Ära des 20. Jahrhunderts hatte indes Mies selbst gelegt. Seine 1951 fertiggestellten Apartmenthäuser am Lake Shore Drive in Chicago stellt Lohan in seinem Beitrag ebenfalls vor. Bei den beiden 25-geschossigen Wohntürmen ist die Stahlskelettbauweise konsequent zu Ende gedacht. Alle Fassadenverkleidungen und aussteifenden Massivbauteile früherer Epochen sind entfallen; das biegesteife Stahlskelett trägt alle Vertikal- und Horizontallasten. Auf seine Idealvorstellung, es auch im Gebäudeinneren offen zu zeigen, musste Mies jedoch aus Brandschutzgründen verzichten. Sehr im Gegensatz zu den Fassaden, für die er eines der berühmtesten Details der Architekturgeschichte entwickelte: die stählernen Fassadenpfosten aus Doppel-T-Profilen, die außen über alle Obergeschosse durchlaufen. Nicht umsonst urteilte Mies‘ Professorenkollege am IIT in Chicago, der Fotograf Walter Peterhans, über den Neubau: „Diese Türme … sind erbaut aus den Materialien Stahl und Glas, und doch ist es, als ob sie das Zeitalter von Stahl und Glas einleiten, als ob Stahl und Glas zum ersten Mal zu sehen sind.“

Im digitalen Archiv
Die sechsseitige Projektdokumentation des ursprünglichen Gebäudes von Glenn Murcutt ist in unserer digitalen Inspirationsdatenbank abgelegt und kann dort als pdf zum Lesen heruntergeladen werden. Unser digitales Archiv umfasst Artikel aus 50 Jahren, darunter sind aktuelle und historische DETAIL-Ausgaben. Über die Suchfunktion und Merklisten können Sie Ihre Recherche individuell gestalten.

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